wie Sie den Kastellan einer Armenkaserne nennen wollen, ist ein Schlosser, seine Frau eine Flickschusterin, und Abends treibt der Mann Polizeigeschäfte, und sie – nun sie kuppelt. Nebenan wohnt ein verdorbener Klempner. Das ist ihr und sein College. Nach oben hinauf ist's nicht besser. Die Politik hat ja die Menschen so vielseitig gemacht! Der schnüffelt, Der heuchelt, Der gibt an! Und Den da, den hab' ich auch schon längst weg.
Für was halten Sie ihn?
Im Heidekrug beschnüffelte er Alles. Eine Dreschmaschine sah er zehn mal an, wie die Kuh das neue Tor, und einen Pflug zeichnete er sich sogar ab. Ich gebe mein Wort. Es ist entweder Assessor Müller selbst, der auf dem Polizeipräsidium arbeitet, oder sonst Einer, der von ihm hierher geschickt ist, um Recherchen zu machen, natürlich politische. Die Spitzbuben haben ja jetzt die schönsten Tage. Die Polizei spürt nur nach Revolution. Neulich sagte ein junger Mensch, der seit mehren Jahren unter polizeilicher Aufsicht steht, weil er in seiner Kindheit einmal in aller Unschuld wo eingebrochen ist: Es ist ordentlich beleidigend, sagte er, für unsereins; wir sind ganz aus der Mode gekommen! Wenn Einer bei dem Hofjuwelier selbst einbräche, nicht drei Tage würde davon gesprochen!
Dankmar fand diese Vermutung über den Tischler nicht ganz unwahrscheinlich, und so wenig Neigung er sonst hatte, mit Spionen oder den offenen unsanften Armen der weltlichen Hermandad in Berührung zu kommen, so hätte er doch vielleicht noch gelegenheit finden können, sie heute für sich in Anspruch zu nehmen. Seines verlorenen Schreins gedenkend, sprang er aus dem Wagen und wandte sich zum grossen Ärger des scheelblickenden Hackert zu dem Wanderer hinüber.
Haben Sie in dem Wirtshaus eine gute Nacht gehabt? fragte er, als der angebliche Tischler ihm nahe genug war und sich ihm so anschloss, dass Beide nebeneinanderschritten.
Ich schlief später noch in einem Zimmer neben Ihnen! antwortete der Fremde. Aufrichtig! Ich hatte mich nur so gestellt, als wollt' ich im Wirtshaussaale bleiben. Der Schlemmer interessirte mich, und als vollends noch Sie hinzukamen und das Gespräch belehrend für mich wurde, schloss ich die Augen ohne zu schlafen. Hernach ging ich wie Sie in ein leidliches Bett.
Da haben Sie uns also ... belauscht? bemerkte Dankmar, erstaunt über diese Offenheit.
Wenn Sie's so nennen wollen! sagte der Fremde; ja! Hätt' ich mich wach gezeigt, so würde' ich dem mann haben sagen müssen, warum ich nicht von ihm zu trinken annehmen wollte, oder was noch schlimmer gewesen wäre, ich hätte mich hinreissen lassen, seinen jämmerlichen Lebensansichten zu widersprechen ....
Dem Wirt, glaube' ich, sagte Dankmar lachend, würde dann doch die Geduld gerissen sein. Er schien Sie längst nur mit grosser Selbstüberwindung in einem saal zu dulden, wo einer seiner Gäste Trüffeln und Champagner ausbreitete.
Ich weiss! Vor unserer Umwälzung hätt' er mich zur Tür hinausgeworfen und auf den Heuboden verwiesen, antwortete der Wanderer. Die zeiten werden schon wiederkommen und vielleicht mit Recht. Was anmassend und zudringlich ist, bleibt zu allen zeiten besser vor der Tür als drinnen.
So wandeln Sie wohl, sagte Dankmar, in politischen Dingen den Mittelweg des vortrefflichen Herrn Heidekrügers?
Satt aller Antwort gab der Fremde seinem edelgeformten Kopf nur den Ausdruck eines Lächelns, das Dankmar nicht umhinkonnte geradezu für fein und geistreich zu erkennen. Dies Lächeln entwaffnete ihn. Er musste einen Augenblick schweigen.
Nach einer Weile begann der Fremde von selbst:
Ist denn Das auch ein System? Ist denn Das auch eine Meinung? Was diesen Heidekrüger beseelt, ist nichts als der crasseste Egoismus der Eitelkeit! Dieser Mann hat ein vortreffliches Landgut und brave Dienstboten, die unter seinem Dünkel leiden. Warum bleibt er nicht in seinen Scheunen und auf seinen Feldern? Er krankt, jedes seiner Worte verrät's, an der traurigen Grossmannssucht, welche die Hauptrolle in unsern politischen Kämpfen spielt. Er kommt mir vor und Tausende mit ihm kommen mir vor wie Grundbesitzer, die bei Anlegung einer neuen Eisenbahn durchaus verlangen, dass die Linie an ihrem Eigentum vorübergehen soll. Ohne sie gibt es nichts. Ohne sie kein Wind und Wetter. Ohne sie nicht Sonnenschein und Mondschein. Es ist dabei ein Trost, dass diese Menschen nicht ganz servil sind. Sie stellen sich der Regierung gegenüber doch manchmal ein bischen auf die Hinterfüsse und wollen erobert, wollen gesucht, wollen geschmeichelt sein. Aber erst grosse Worte! Erklärungen! Die Hand aufs Herz! Lafayette! Lafayette! Hat man jedoch einen solchen Provinzial-Cato endlich an der Leine irgend einer kleinen menschlichen Schwäche gefangen, so kann man Dienstags auf der pariser Fastnachtsprozession keinen grösseren Ochsen sehen als ein solches, um jeden Preis an das Bestehende gefesseltes, früher liberal gewesenes Hornvieh.
Dankmar fühlte nach dieser wie eine Bombe platzenden Kernäusserung, dass, wenn der Fremde ein Spion war, er als Agent provocateur in der Tat Talent besass. Unmöglich konnte er ein Tischler sein. Er beschloss jedoch, harmlos zu bleiben, nicht weiter nach dem Sinn der blauen Blouse zu forschen und vor seinen Überzeugungen, die er immer frei bekannte, keine Furcht zu verraten. Da ihn diese Unterhaltung bei dem trüben Wetter und der einförmigen Gegend nur erfreuen konnte, trat er ohne weiteres Mistrauen, ohne ängstliche Furcht, ganz offen mit seinen Empfindungen hervor.
Ganz wahr bezeichnen Sie diese Gattung von Menschen, sagte er