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Gesellschaft grüsste, während der mit Mangold's geistigen Kälbern pflügende Hofmann Dankmarn, den er in seinem Glücksrausche auf der Terrasse nicht gesehen hatte, jetzt in seinem Misgeschick vollkommen erkannte und den spöttischen Gruss, den ihm der Entführer des Bildes, der Mitverschworene Melanie's, mit grosser Beflissenheit zuwarf, mit einem kaum achtenden Griff an seinen Hut erwiderte.

Die Miene eines Hofmannes, der so ganz allein mit einer langen königlichen Nase in stiller Einsamkeit da vorüberfuhr, war in dem Grade komisch, dass Alle herzlich lachten und sich von der peinlichen Stimmung, die denn doch die Erzählung des jungen Fürsten hervorgerufen hatte, befreit fühlten.

Egon setzte nun noch hinzu:

Nach einigen allgemeinen Bemerkungen bat ich die Majestäten um die Gnade, mich nächstens im schloss vorstellen zu dürfen und empfahl mich mit Drommeldei, der mich draussen auf der Terrasse erwartete, unter den herzlichsten Glückwünschen für meine Genesung. Der Schalk hat mir indessen gestanden, dass dies Abenteuer nicht ganz zufällig war.

Die Bedienten, bestätigte Dankmar etwas bitter, die dort eben vorbeifuhren und der Mann in der Mütze auf dem Bocke, ein Garteninspektor, waren im Einverständnisse und haben zum schloss hinauf das Zeichen unsrer Ankunft gegeben.

Das ist mir, sagte Egon, das einzige Verdriessliche an dem Vorfall, der an und für sich mir sehr wohl getan hat.

Warum wollen Sie diese Verabredung verdriesslich nennen? sagte Siegbert, der sein Mildern, Ausgleichen, Versöhnen nicht lassen konnte. Ich bin kein begeisterter Monarchist, aber ich finde die Aufmerksamkeit sehr artig und bin überzeugt, dass dies Abschütteln einer lästigen Acquisition, des Mobiliars Ihrer Mutter, allgemein die Gesellschaft entzücken wird.

Das Gute daran ist besonders auch die Nase der Excellenz von Harder, sagte Dankmar und zündete sich aufs neue die ausgegangene Cigarre an. Die Bedienten, fuhr er fort, waren wohl nicht aufgestellt, weil sie den Gefangenen vom Plessener Turme, sondern mich, den Begleiter von Melanien, kannten. Jetzt erinnere ich mich der langen Hälse und Zeichen, die diese Schlingel machten, als wir am Portal hielten ...

Wunderliche Welt! sagte Egon kopfschüttelnd. Was sich da Alles wie ein Schneehaufen zusammengeballt hat und nun so einfach am Sonnenstrahl eines königlichen Wortes auseinanderschmilzt! Ich werde dich bitten, lieber Louis, dass du Heunisch veranlassest, seine Rückreise um einen Tag aufzuschieben und die ganze Bescheerung wirklich nach Hohenberg mit zurückzunehmen.

Louis deutete an, dass er Dies gern besorgen wollte.

Ja, ja, Louis, sagte Egon scherzend, nun sind wir im Netz. Nicht wahr, jetzt werde' ich mich wie Euer Barnave, du kennst die Revolutionsgeschichte besser als ich, für die schönen Augen meiner Königin opfern und mit Blondel singen: O Richard, mon roi, si l'Univers t'abandonneDas denkst du doch!

Louis machte eine Bewegung, die allenfalls sagen konnte: Allerdings!

Wenn ich auf Drommeldei hören wollte, sagte Egon, so war dieser königliche Gnadenakt auch zugleich wirklich ein Aufruf an meine Loyalität, der etwa soviel heissen wollte: Bester Hohenberg, Sie haben sich in der Welt umgesehen, man beobachtet Sie, man erwartet etwas von Ihnen; wir brauchen Freunde, tummeln Sie sich jetzt, machen Sie keine dummen Streiche, wählen Sie vernünftigen Umgang, verwirren Sie die Debatte nicht durch neue sogenannte Gesichtspunkte und dergleichen Torheiten mehr ...

Die Ärzte sind Optimisten, sagte Dankmar.

Er gestand mir kürzlich schon am Krankenbett, bestätigte Egon, dass er zum Reubund gehörte und versicherte mich, ich sollte ihn darum nicht für geschmacklos halten. Er sprach wie einst Schlurck im Heidekrug. Es gäbe zeiten, wo man das Auffallende mitmachen müsse, um nicht selbst aufzufallen. Er ist schlau und deutete an, ich sollte mir eine politische Stellung machen. Dass er, als seine List gelungen war, sie sogleich eingestand, beweist eine gewisse Gutmütigkeit.

Herr Dankmar glaubt eine Candidatur für den Prinzen Egon von Hohenberg aufstellen zu können, fiel Louis Armand ein. Wie nun, wenn der junge Staatsmann auf der Tribüne stünde, für die Rechte der Völker sprechen wollte und in demselben Augenblicke fielen ihm die gerührt weinenden Augen seiner Königin ein?

Du regst eine Frage an, lieber Louis, sagte Egon, die durchaus nicht persönlich, sondern principiell ist. Ich halte es allerdings für schwierig, sein verhältnis zur freisinnigen Erörterung politischer Zustände mit jenem Masse von achtung in Einklang zu bringen, das man der Monarchie und allen ihren Traditionen persönlich zollen muss. Ist der monarchische Begriff unvollkommen vertreten, hat man es mit schroffen, anmassenden Fürsten zu tun, so wird uns der Kampf gegen das Übermass ihrer Prärogative leichter werden. Schmerzlich aber ist es allerdings, mit liebenswürdigen Persönlichkeiten in principiellen Conflikt zu geraten!

Ein anständiger Republikaner, bestätigte Dankmar etwas ironisch und meinte es doch ernst, ist allerdings zu bedauern. Man will denn doch nicht dastehen, als hätte man seinen Knigge nicht gelesen. Die Henker sogar haben in der geschichte, ehe sie die traurige Kunst ihres Schwertes zeigten, gewisse Personen selbst vorher um Entschuldigung gebeten.

Siegbert meinte, Das wäre ein sehr grosser Fehler der bevorrechteten Stände, dass sie sich keine Politik ohne Misachtung der Personen denken könnten und wiederum wären unsere Zeitgenoasen gerade noch deshalb für die Politik unreif, weil sie, wenigstens in dem staat, in dem sie lebten, die Personen ganz und gar mit dem Principe verwechselten. Nehmen Sie diese Flottwitz, sagte er. Tausende sind wie diese! Sie halten sich an die persönliche Erscheinung