. Die Kinder hatten zwar erzählt, dass sie den König und die Königin gesprochen, aber Egon's Begegnung mit den hohen Herrschaften war ihm so neu, dass er, als davon nun endlich erörternd und erzählend die Rede kam, ausrief:
Sagt' ich es nicht, dass die grosse Welt die Zeit nicht erwarten kann, Sie im Vorgrunde zu erblicken?
Egon begann nun zu erzählen.
Noch einmal sah er kopfschüttelnd auf das Schloss zurück, das von einigen Sonnenstrahlen, die sich durch die vom Winde heraufgetriebenen Wolken drängen konnten, glühend erleuchtet war. Die hohen Kronen der Bäume der Allee schwankten. Es wehte ein kühler Zug. Der Abend schien nicht so freundlich den Tag zu enden, wie er begonnen hatte. Egon knöpfte seinen Frack zu, liess seinen Mantel über sich breiten und begann nun folgende Mitteilung:
Was mir soeben widerfahren ist, sagte er kopfschüttelnd, muss ich eine merkwürdige, überraschende Ehre nennen. Es ist aber eine Ehre gewesen, die eigentlich nicht mir, sondern meinem Namen, der Erinnerung an meinen Vater galt, und in diesem Sinne, gesteh' ich, hat mir das Erlebte auch einen ganz wohltuenden Eindruck gemacht. Ich bin kein Aristokrat, habe aber gefühlt, wie ernst, wie bedeutungsvoll der Beruf des Adels ist, wenn er seine Aufgabe nur recht verstehen wollte.
Louis Armand wandte sich und sah nach den sie verfolgenden Wolken.
Ja, ja, Louis! Ich bin nun durch und durch Aristokrat geworden! Ihr sprecht von einer Genossenschaft des Geistes! Ich bin ein Paladin der Tafelrunde geworden. Der Adel ist ja schon ein solcher Bund, wie ihn Dankmar bezweckt, und stellt ihn schon von natur dar. Wenn man, um vollkommner Mensch zu sein, sich von den Menschen, wie sie gewöhnlich sind, abzusondern haben soll, so hat hier die geschichte eine solche Absonderung schon von selbst erzielt. Richtig verstanden muss der Adel eine Aufforderung sein, sich ganz besonders auszuzeichnen ...
Wo man weiss, fiel Siegbert ein, dass man die Ehre eines gefeierten Namens gleichsam wie ein Fideikommiss zu verwalten hat, wird man sein persönliches Verdienst nur in der Beförderung eines gleichsam anvertrauten objektiven Gutes finden. Man wird sich blindlings in Gefahren stürzen, weiss man doch, dass die Gattung, zu der man gehört, erhalten bleibt! Man wird eine Linie der Taten und Auszeichnungen schon bei seiner Geburt vorfinden, der man nur nachzugehen hat, um zu bedeutenden Zielen zu gelangen. Hätte der Adel das Bewusstsein seines wahren Wertes immer nur darin gefunden, der geborene Vorkämpfer der Volksrechte zu sein, wir würden ein solches geschichtliches Institut segnen, statt ihm für seine Anmassung und die ausschliessliche Bundesgenossenschaft mit den Unterdrückern zu fluchen.
Gott sei Dank, sagte Dankmar, der ganz erstaunt zugehört hatte, dass dein aristokratischer Rebus diese Pointe hatte! Ich glaubte schon, das berühmte fräulein von Flottwitz hätt' es dir mit einem ihrer Blicke links um die Ecke angetan ...
Wer war das blonde fräulein? fragte Egon.
Das Mitglied einer sehr achtbaren Kriegerfamilie, sagte Dankmar. Die Flottwitz datiren sich auf die ersten ruhmwürdigen Entfaltungen unserer Fahnen zurück und bevölkern die Cadettenhäuser auch schon für unsere zukünftige Glorie ... Das blonde fräulein hat den weiblichen Reubund gestiftet und steht an der Spitze der grossen Demonstrationen mit wollenen Sokken und patriotischer Hingebung. Sie ist eine Schwärmerin, wie nur je eine unter dem Drudenbaume sass und in einem Anfalle von landeserrettender Verzükkung ausrief: Mein ist der Tzako, mir gehört er zu! Sie vertritt die Principien der politischen Stabilität, wie die quecksilberne Frau von Trompetta die der religiösen. Und doch gesteh' ich, in dem blick des blonden Mädchens lagen trotz der siegreichen Reaction noch so viele höhere unbefriedigte Triebe, dass ich wohl einmal an diese weissen zarten Formen anklopfen und fragen möchte: Erlaubst du wohl, dass ich die innere Organisation deines merkwürdigen Gehirnes studire und mich überzeuge, wie man phrenologisch gebaut sein muss, um die Demokratie so gründlich zu hassen, wie es dies Mädchen bis zum Fanatismus treiben soll!
Und Egon fiel ein:
Was sich in dieser Stadt nicht Alles zusammenfindet!
Was hier nicht Alles auf Unsterblichkeit oder das Narrenhaus spekulirt!
Indess teilte er Cigarren aus und gebot dem Kutscher, trotz des sich verdüsternden himmels, langsam zu fahren und begann wieder:
Wie ich mich rückwärts an das Gitter der Terrasse lehne, treten die königlichen Herrschaften auf Drommeldei zu, den sie sehr huldvoll grüssen. Ew. Majestäten erstaunen, einen Arzt auf der Terrasse von Solitüde die reinste Luft der Monarchie schöpfen zu sehen, sagte er ... Hier mein Patient, Fürst Egon von Hohenberg, ist Schuld, dass ich ein so seltenes Glück geniesse. Ich musste mich natürlich jetzt tief verbeugen und meine Zurückgezogenheit entschuldigen. Mit grosser Güte spricht die Königin von meiner Krankheit, an der jeder Fühlende teilgenommen. Der König erinnert sich allergnädigst, dass ich zuweilen bei ländlichen Festen mit ihm spielen durfte und zeigte mir an der Stirn die Narbe eines Steines, von dem er behauptete, dass ich die unschuldige Veranlassung davon gewesen wäre. Er begrüsste mich herzlich wie einen alten Kameraden und die Königin ihrerseits war nun erst recht erfreut, den hohen Gemahl so angeregt und von seinen Erinnerungen an die Jugend und die Narbe ergriffen zu sehen. Da ich etwas verlegen und einsylbig antwortete, so glaubte eine alte Hofdame, die der Königin sehr nahe stand, ich wäre vielleicht in der französischen Sprache heimischer und wusste es so geschickt einzufädeln, dass