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Dankmar bemerkte wohl, dass Hackert seine plötzliche Erscheinung im obern Corridor auf natürliche Weise erklären wollte, als einen freiwilligen Entschluss. Warum sollte er ihm diese Beschönigung seiner Krankheit stören? Es rührte ihn vielmehr, dass der Mensch über Etwas, das ein angeborenes Schicksal ist, das Gefühl der Scham haben konnte! Er erinnerte sich, dass Siegbert oft beim Anblick elend geborener oder körperlich verwahrloster Menschen gesagt hatte: Wie finden sich diese Menschen nur mit ihrem Schöpfer zurecht! Wie tragen Sie nur ihr Leid, nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen zu können! Welche langen Kämpfe des Gemüts gehören dazu, bis der unheilbar Kranke, der ewig liegen muss, sich nicht mehr frei bewegen kann, sein Schicksal als unabänderlich hinnimmt und sich von den Freuden des Lebens noch soviel in die Vorstellung bringt, dass er denkt: Das bleibt dir doch noch; Das lohnt sich doch noch, all diesen Jammer zu tragen, und mit ihm auszuharren, und wär' es nur der warme, milde Sonnenschein! Dankmar, um sich dem Kranken gegenüber ganz unbefangen zu zeigen, vermied jede weitere Frage, auch die wegen Hackert's näherer Beziehung zu Schlurck. Er lenkte von Allem, was seine Neugier reizte, auch von dem Inhalt der Börse, die er zurückbehalten, und der schönen Häkelarbeit, auf Etwas hinüber, das ihm jetzt schon für gleichgültiger erschien, seine Ankunft in Hohenberg und die Untersuchung wegen eines an dem Fuhrmann Peters wahrscheinlich verübten Raubes.

Bei den Leuten auf dem Heidekrug, sagte Hackert, hab' ich mich erkundigt. Wir passiren noch eine kleine Stadt, Dassel geheissen, dann kommen wir ins Hohenbergsche nach Berghübel und gegen Abend sind wir in Plessen am fuss des Schlosses Hohenberg. Es ist ganz Recht, dort treffen wir noch lustige Gesellschaft. Alle Creditoren der Hohenberg'schen Masse, Schlurck's Frau, seinen Buchhalter Bartusch, dann einen Bankier von Reichmeier und ein Dutzend Vampyre aus der Stadt, die alle in den fürstlichen Zimmern rumoren und sich geadelt glauben, weil sie unter adeligen Wappen schlafen können. Wenn Prinz Egonaber sehen Sie nurSie werden ja da gegrüsst!

Dankmar hatte mit Teilnahme sein Auge nur auf Hackert ruhen lassen und forschte in seinen Zügen nach einem Verständniss dieser jedenfalls noch unentwickelten und doch schon so überreifen, in sich wohl unklaren natur. Das Wägelchen ging langsamer, weil sich der Wald in die Höhe zog. Sich nun umwendend, erblickte er am rand des kleinen Grabens, der frisch ausgehöhlt neben der Strasse sich zog, den Tischlergesellen von gestern Nacht. Er trug den leichten Ranzen über dem rücken, hatte ein sauberes Taschentuch vorn in der Brusttasche seiner blauen Blouse stecken und schritt mehr im Gange eines Lustwandelnden als eines ermüdeten und schwertrabenden Wanderers. Dankmar hatte ihn seit gestern Abend, wo er bei den politischen Unterhaltungen einen schlafenden Zeugen abgab, aus dem Gedächtniss verloren; jetzt aber trat er ihm wieder mit der ganzen Bedeutsamkeit, die ihn schon gestern in seiner zurückgezogenen Bescheidenheit umgab, auffallend genug entgegen. Sein Gruss war höflich, ohne unterwürfig zu sein. In seinen schönen Zügen lag ein feines Lächeln. Kein Wunder, dachte sich Dankmar, dass eine französische Dichterin in unsern vorschreitenden zeiten gewagt hat, einen sogenannten Kunsttischler in einem ihrer communistischen Romane so liebenswürdig hinzustellen, dass er selbst das Interesse einer hohen gebildeten Dame erwecken konnte!

Wir sollten den Mann einladen mitzufahren, meinte Dankmar. Es ist ein Tischler und von überraschender Bildung ....

Höflich sein auf der Landstrasse? antwortete Hakkert kalt und wollte das Pferd antreiben. Er machte ein Gesicht, das alle Merkmale eines Neides ansichtrug, der aus ihm über die Teilnahme, die der Handwerker fand, deutlich zu sprechen schien.

Es ist ja Platz neben mir; fuhr Dankmar fort.

Neben Ihnen? Warum denn nicht hier vorn? Wir vergessen überhaupt unsern Vertrag, fiel Hackert unruhig und fast heftig ein.

Nur Mitleid mit einem so grossen Unglück Hakkert's, wie er es gestern entdeckt hatte, bestimmte Dankmarn darüber zu lächeln.

Das wär' ein Tischler, sagen Sie? fuhr Hackert fort. Den Gauner hab' ich heute früh schon im hof als verdächtig erkannt. Ein Batisttasehentuch in der Blouse! Wenn er's nicht gestohlen hat, ist's ein Beweis mindestens für Spionage. Sei Einer ja behutsam jetzt, wenn man sogenannte Arbeiter sieht, die von dem Rechte der Arbeit reden, aber keine Schwielen in der Hand haben. Die Polizei weiss sehr gut, was sie jetzt Alles auszustöbern hat. Hier herum wimmelt's von jungen Accessisten, die ihr Probestück ablegen mit einem falschen Pass ....

Probestück mit falschem Pass? Was heisst Das? fragte Dankmar.

Lieber Gott, die alten Unteroffiziere und Wachtmeister reichen jetzt für die sogenannte praktische Polizei nicht mehr aus. Um jetzt eine Polizeicommissariusstelle zu bekommen, verkaufen hundert Referendare, Assessoren sogar und Lieutenants ihre Seele, wenn sie eine haben, und leisten, was Blindschleichen und Menschen nur können, die eine Anstellung finden und gern heiraten möchten.

Wie kommen Sie auf einen solchen Verdacht? fragte Dankmar, doch erstaunt, weil er sich gewisser Äusserungen erinnerte, die auch Schlurck gestern fallen liess.

Ach! Es sind jetzt wenig Menschen Das, was sie scheinen, sagte Hackert. Wie bei gewissen Koffern, mit denen man nach Frankreich und Russland reist, haben zahllose Menschen jetzt einen doppelten Boden. Ich wohne in der Brandgasse. Mein Vicewirt, Hausmann, oder