dem die Blume des kindlichen Gemütes sich aufrankt. Ich dagegen wurde von Schlingpflanzen umwachsen und mit ihnen emporgezogen zu einem künstlichen Gedeihen, das mich zwar schneller dem Sonnenlichte näher brachte, aber auch die Kraft der Wurzeln aussog.
Eine Weile hatte Egon in trüber Stimmung vor sich hin geblickt und das Haupt auf die Lehne der Bank gestützt, als eine muntere, helle stimme ihn anredete:
Was? Durchlaucht? So sitzen Sie hier auf der Terrasse von Solitüde? Bewegung! Bewegung!
Egon blickte auf.
Es war der Sanitätsrat Drommeldei, der in seiner immer gewählten Kleidung, wie ein eben zum Bau gehender Tänzer, vor ihm stand, die Herren neben Egon mit zusammengekniffenen, forschenden Augen prüfte und sich über sein plötzliches erscheinen an dieser Stelle dahin erklärte, dass er sich richtig hätte überzeugen wollen, ob sein Reconvalescent auch die ärztlichen Vorschriften pünktlich befolgte.
Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Doctor ... sagte Egon und bat ihn, Platz zu nehmen.
Nein! Sie müssen lustwandeln! Sich Bewegung machen, Durchlaucht. Was sitzen Sie da, das Haupt aufgestemmt und suchen sich einen Watteau, einen Claude Lorrain aus diesem Fernblick zusammen! Sehen Sie nur die königlichen Herrschaften, die machen es anders ... da kommt die ganze Suite her – Aber warum eilen Sie denn? Bleiben Sie doch! Hier! hier! Es läuft ja Alles aus dem Parke hierher – was wollen wir uns denn entfernen?
In der Tat hatte sich die Scene eigentümlich verändert. Alles was nur im Garten von Besuchern zerstreut war, lief aus allen Wegen auf die Terrasse. Auch Paulowna und Rurik mit ihren Bedienten kamen zurückgerannt, aber ohne Siegbert und Olga. Die überall sichtbare hintere Façade des Schlosses hatte offenbar allgemein bemerken lassen, dass sich aus den auf die Erde gehenden Fenstern eine Anzahl Offiziere und mit Orden geschmückter Herren auf die Terrasse begab ... Ihnen folgte das Königspaar ... Frau von Altenwyl die Oberhofmeisterin, Herr von Harder der Intendant der königlichen Schlösser und Gärten, viele Damen und Herren, die sich durch die kleine Allee von Orangenbäumen gerade dahin begaben, wo das Gitter bereits von einigen Lakaien geöffnet wurde ...
Alles stellte sich in einer Kette teils an den Hekken, teils an dem Gitter auf, um den Zug vorbei zu lassen. Nur Egon mochte nicht bleiben und musste von Drommeldei fast gewaltsam zurückgehalten werden; wenigstens bewogen ihn nur Äusserungen, wie die: Man hat Sie gesehen, man beobachtet Sie, ich bitte Sie um Alles, was wird man denken? zum Bleiben. Egon stellte sich, als der Hof näher kam, an die eiserne Balustrade ... Drommeldei neben ihn. Etwas entfernter, da sie bei der Absicht gehen zu wollen, einen Vorsprung gewonnen hatten, stellten sich Armand und Dankmar ... Die Bedienten Egon's, die sich immer in einiger Entfernung gehalten hatten, waren richtig im übergrössten Eifer hinzugesprungen, um ihm sein Taschentuch zu bringen, das er auf der Bank hatte liegen lassen und standen nun gleichfalls neben ihm ...
Das eiserne niedere Gitter der Verbindungstür der Schlossterrasse mit der allgemeinen für das Publikum bestimmten Hälfte der Terrasse war schon aufgegangen. Die Herrschaften kamen schon näher, grüssten die Umstehenden freundlich ... die junge Königin mit einer ganz besonders beflissenen Huld ... Den König schien die Aussicht auf die friedliche Landschaft zu erfreuen. Er lenkte sogleich wieder nach dem Gitter zu, blieb aber stehen, als die Oberhofmeisterin etwas überlaut sprach ... Die Gräfin Altenwyl stellte der Königin die beiden kleinen Wäsämskoi's vor ... Diese beiden Wildfänge waren nicht im geringsten blöde. Sie selbst erkannten sogleich die alte Dame, die in dem Garten ihrer Mutter sie besucht und sie mit so viel anstandsmässiger Liebe geherzt und geküsst hatte. Da dachten sie, kann uns kein König der Welt verwehren, dass wir auf diese Dame zugehen und ihr sagen: Tante, wir sind auch hier! Gräfin Altenwyl, die den Bedienten erblickte, sah wohl, dass dies gar sauber gekleidete Mädchen und der kleine dreiste Junge in seiner Strohmütze und dem blauen Sammetkittel "hoffähige" Kinder waren. Um sich zu orientiren, rief sie den Bedienten näher und brauchte nur das Eine: Fürstin Wäsämskoi! zu hören, als sie schon in eine herzliche Bewillkommnung ausbrach und die kleinen Russen der Königin vorstellte ... Diese schlanke junge Dame, der zu ihrem zweifelhaften Glücke, eine Königin zu sein, nur das wirkliche Glück, Kinder zu besitzen, fehlte, beugte sich sogleich gar liebevoll zu den Kleinen herab und küsste ihnen die Stirn. Die Mutter hatte sich ja bereits bei hof vorstellen lassen und so war auch der königliche Gemahl über die Beziehung dieser improvisirten Kinder-Cour im Freien völlig au fait und hatte heute Anregung, Lust und Laune genug, sogar einige russische Worte mit den kleinen Moskowitern zu wechseln. Die Königin war besonders glücklich über diese idee ihres sonst an naiven Einfällen nicht reichen Gemahls. Sie erkundigte sich daher nur um so herzlicher nach der lieben Mutter und trug den Kindern auf, sie von der Königin zu grüssen, zu grosser Freude des Bedienten, der auf diese Art einigermassen die schlimmen Folgen der eigenmächtig gewagten Spazierfahrt nach Schloss Solitüde abzuwenden hoffte.
Inzwischen kamen die königlichen Herrschaften dem Gitter näher und entdeckten Drommeldei.
Louis und Armand beobachteten in der Ferne mit grosser Spannung die folgende Scene ...
Drommeldei, der bei hof wohlbekannte, der fashionable Arzt der grossen Welt, hatte