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über seine gelungene Impertinenz laut spottend, davon ... Paulowna flog ihm nach und Siegbert sah wohl ein, dass er Olga ihr ganzes Abenteuer verderben würde, wenn er nun nicht sogleich aufstünde, ihr nacheilte und den ganzen Ausbruch ihres Jubels über dieses kühne Beginnen entgegen nähme. Er sprang geduldig den Kindern nach und holte am fuss der Terrasse Olga ein, die dort, von den Andern ungesehen, schon auf ihn gewartet hatte und ihn, wie er so verblüfft und verlegen herunterkam, mit einem Spott und Frohlocken empfing, das zwar unendlich lieblich und bezaubernd war, ihn aber in nicht geringe Verlegenheit setzte.

Inzwischen konnte sich aber Egon von seinem Erstaunen über den Namen Wäsämskoi und Rudhard kaum erholen.

Dankmar ergriff daher das Wort, bat ihn, sich wieder zu setzen und gab ihm mit kurzen Worten eine Erläuterung.

Dreizehntes Capitel

Der König und die Königin

Mein verehrter Freund, sagte Dankmar; du siehst, wie viel sich während deiner Krankheit um dich her neu begeben hat. Jede Stunde bringt dir eine neue Aufklärung. Helene d'Azimont, das Bild, Rafflard, Ackermann, der Turm, alles Das tritt wie aus einem Nebelbilde wieder vor deine gestärkten Sinne. So wisse denn auch, dass von den Ufern des Schwarzen Meeres die verwitwete Schwester der Gräfin d'Azimont hier angekommen ist mit ihren drei Kindern, diesen beiden vorlauten kleinen Schwätzern da und jener älteren Olga, der mein Bruder, der bei der Fürstin die ästetischen Honneurs macht, sogleich wie ein treues Windspiel nachgesprungen ist.

Aber Rudhard? Rudhard? rief Egon und drängte um Aufklärung über diesen ihm teuern Namen, den er in Lyon einst selbst geführt hatte.

Dass Rudhard in die Familie Osteggen eingetreten war, schien dir nicht unbekannt? sagte Dankmar.

Nein! Er hatte Helenen und ihre Schwester Adele erzogen. Sie kamen durch die Heirat mit dem Fürsten Wäsämskoi nach Odessa. Helene heiratete den Attaché Grafen d'Azimont und ist mit ihrer Familie gespannt. Der Fürst Wäsämskoi starb. Das weiss ich.

Rudhard begleitete die Familie, um die Kinder besser auszubilden, hieher.

Rudhard hier!

Wir fürchteten Alle den zu lebhaften Eindruck, den diese Entdeckung auf dich machen würde

Um so mehr, als Ihr Alle Rudhard's Urteil über mich kennt! Aus dem mund dieser Kinder hab' ich's ja vernommen!

Egon blickte voll Betrübniss.

Ich kann nicht läugnen, suchte Dankmar die Wahrheit zu mildern, dass Rudhard streng über dich urteilt, und unter der Stellung, in welcher du dich zu einer ihm teuern Familie befindest, doppelt leidet. Die Gräfin und die Fürstin sind so verfeindet, dass sie sich noch bis zur Stunde vermieden haben. Rudhard, ein etwas trockener Pedant, ist unglücklich, dass er dem zug seines Herzens nicht folgen kann, wie er möchte. Denn was ich ihm auch von deiner Liebe zu ihm, von deiner Dankbarkeit, von deiner Verehrung vor seinen grundsätzen erzählen konnteim Turme von Plessen hattest du ihn gerühmt, wie er es allerdings verdientees hat ihn doch nicht bewegen können, sich schon jetzt mit dir auszusöhnen ....

Es ist ein Spartaner! sagte Egon. Ich kenne diese rauhe Tugend und wenn ich sie einst nicht ertragen konnte, jetzt fühl' ich, wie ehrwürdig sie ist.

Armand's Augen verrieten neue Hoffnung. Er konnte sich nicht überwinden, in der Stille, unbemerkt von Egon, Dankmar's Hand zu drücken. So wollte er den Prinzen! Gehoben von sittlicher Würde! Beherrscht durch sich selbst und ein edles Beispiel!

Hätte sich Egon jetzt aussprechen mögen, er würde kaum die Fülle seiner Empfindungen haben bewältigen können. Er begann auch zuweilen, wollte von der d'Azimont reden, von ihrer Schwester, von Rudhard, von Vergangenheit und Zukunft; aber er kam über einen kurz ausgestossenen Seufzer, über ein schmerzliches Lächeln, über ein ungläubiges Schütteln des Kopfes nicht hinaus. Nur die kindischen, vorlauten Worte: "Onkel Rudhard sagt, dass du recht schlimm bist! Wir mögen dich nicht!" wiederholte er zuweilen und knüpfte, um seinen Unmut zu verbergen, einige spottende Reden daran, deren Aufrichtigkeit man bezweifeln musste.

Dankmar nahm alle diese Begegnungen leichter und erzählte manches Drollige von den Kindern und ihrer unveränderlichen russischen natur. Olga, die Mutter schilderte er sehr treffend und auch von Rudhard konnte er nicht umhin zu sagen:

Bester Freund, die Vergangenheit und Erinnerung verklärt Vieles. Mein Bruder, der, wie gesagt, das Factotum des Hauses ist, rühmt die pädagogischen Grundsätze des alten Pfarrers sehr. Aber wie es mir scheint, hat auch er die Erfahrung gemacht, dass sich gegen die natur nichts ausrichten lässt. Diese Kinder wachsen halbwild auf, biegen sich wie Weidengerten wohl so und so, nach seinem Willen, schlagen aber doch immer wieder in die Lage zurück, die ihnen die bequemste ist. Rudhard hat sich sogar an das Czarentum akklimatisirt. Ich finde den Fond von Poesie, den ich in dem Erzieher meiner Kinder voraussetzen möchte, nicht sehr reich bei ihm, und wenn du ihn einen Spartaner nennst, so denke' ich ihn mir als Director einer Cadettenanstalt ganz an seinem platz.

Und doch muss ich ihn sehen! erwiderte Egon. Der Zerfahrenheit meiner späteren Erzieher, der Lüge, der Bosheit dieser Heuchler gegenüber, die eine jugendliche Seele verderben können, steht er in meiner Erinnerung grossartig da. Ein Erzieher soll immerhin wie ein hölzerner Stecken sein, an