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, über das hinweg man unten einen Wiesengrund, über diesen hinaus aber den Fluss, Wald und Berge sah. Alle Wege des Schlossparks sammelten sich auf diesem künstlich aufgedämmten, aber von der natur überholten Berge. Zur Linken führte eine verschlossene Tür auf eine Verlängerung der Terrasse bis unmittelbar an die Fenster des Schlosses, dessen Stil älteren zeiten angehörte. Diese mit Orangerie geschmückte Verlängerung, die dem Publikum geschlossen war, blieb der einzige kleine Raum, den sich der Hof für seine eigene Erholung vorbehielt. Sonst war Schloss und Park Solitüde allen Besuchern zugänglich und auch heute ging es auf dieser Terrasse lebhaft genug her. Kinder spielten im Kieselsande. Müssige Soldaten mit ihren Mädchen sassen in den Grotten. Manche Gruppe feinerer Gesellschaft lehnte sich an die eiserne Balüstrade und genoss das anmutige hier ausgebreitete Landschaftsbild.

Egon fühlte sich vom Steigen ermüdet und suchte eine Ruhebank. Man fand sie breit genug auch für seine drei Begleiter. Sie nahmen neben Egon Platz und teilten sich die Punkte mit, die Jedem an der Landschaft lieblich schienen. Louis hörte sogleich mit grosser Freude, dass der links, diesseit und jenseit des Flusses liegende Wald der Schauplatz sonntäglicher Freuden des volkes war. Er trennte sich schon im Geist von der Gesellschaft, die hier neben ihm sass, und genoss die für den nächsten Sonntag gehoffte Fröhlichkeit unter jenen Tannen und jungen Eichen, auf einer Wiese, wo er in der Ferne Schaukeln und Kletterstangen unterscheiden konnte. Es sah Fränzchen's zierliche Gestalt über den Rasen hüpfen, bewunderte schon die kleinen Erfindungen ihres Geschmackes, die sie an ihrer Sonntagstoilette zum Vorschein bringen würde und betrübte sich nur über die von Siegbert ausgesprochene Vermutung, dass dies schöne Wetter nicht mehr lange halten würde. Siegbert fing von den Wolken an, Louis wollte sich aber auch auf ihre Bildung verstehen. Siegbert zeigte auf einige Nebelschleier im Westen, die gerade über einem weiss aus dem Grünen hervorschimmernden und in der Sonne blitzenden Meierhof hingen und wollte eben jene kleinen Lämmerchen am Himmel Wölfe in Schafskleidern nennen, als seine Hand von zwei lieben jubelnden Kindern gehalten wurde.

Es waren Paulowna und Rurik Wäsämskoi.

Siegbert und Dankmar blickten erstaunt, wo die Kinder herkamen.

Das ratet einmal! riefen sie und klatschten jubelnd in die hände.

Von einer vernünftigen Erzählung war da keine Rede. Rurik zog Siegberten von der Bank auf und wollte ihm schon eine grosse kostbare von ihm entdeckte Blume zeigen, Paulowna verlangte, dass er mit ihr zu den Rehen ging. Er sollte Brot kaufen; am Eingang des Schlossgartens sässe eine Frau mit weissem Brote. Dabei zogen sie und zerrten ihn und wollten von schöner Aussicht und der Terrasse nichts wissen. Indem grüsste Dankmar sehr artig und Siegbert, der sich gelegentlich einmal umsehen konnte, wurde eben glühendrot.

Egon fand ein junges Mädchen, dem ein Gruss von Siegbert galt, sehr anziehend. Sie war klein, aber ausserordentlich zierlich. Ein Bedienter trug ihr Sonnenschirmchen. Sie selbst hatte eine Art Negligéüberwurf an, ein leichtes nankinggelbes Zeug mit einem grossen herabfallenden Kragen von gleichem Stoffe. Wenn der Rock vorn aufschlug, sah man ein weisses Unterkleid mit einem goldnen Gürtel. Die schwarzen eng an die rundgewölbte Stirn gestrichenen Haare waren von einem sehr kleinen durchbrochenen, goldgelben italienischen Strohhut bedeckt. Tändelnd hatte das junge Mädchen ein Taschentuch in der Hand und schlug damit in die Luft, wie mit einer Reitgerte. Es war eine Bewegung, die die grösste innere Ungeduld verriet. Mit einer sehr gefälligen, fast vertraulichen Miene grüsste sie Dankmarn. Es war, als wollte sie ein laut hervorbrechendes lachen unterdrücken, als sie so stolz, so graziös vorüberschwebte. Sie warf auch mit einer leichten Bewegung ihr gesticktes Battisttuch so, dass ein Zipfel in den Mund kam und sie auf ihm ihre Erregung gleichsam ausbeissen konnte. Dieser kindische Einfall, verbunden mit dem entschiedenen, fast herausfordernden Wesen, das in der übrigen Art des Mädchens lag, verrät uns, dass es wirklich Olga Wäsämskoi war, die vor der Ruhebank dahinschwebte und mit einem Bedienten sogleich verschwand.

Paulowna und Rurik erzählten, dass die Mutter von dieser Fahrt gar nichts wisse. Dass sie die "Tante" von Harder in Tempelheide hätten besuchen sollen und dass Olga dem neuen Kutscher, der sehr gut und rasch fahren könne, geboten hätte: Rechts um, nach Solitüde! ... Dankmar verzog die Lippen und hatte alle kleinen Teufel des Spottes und der Ironie in seinen Mienen, während Siegbert in die grösste Verlegenheit geriet und schon ahnen konnte, welche schlimme Scene diese eigenmächtige idee Olga's bei ihrer Mutter zur Folge haben würde.

Wer ist denn von Euch der Prinz Egon? fragte Paulowna mit ungezwungener Dreistigkeit.

Der bin ich, mein kleiner Engel! sagte Egon und wollte sie auf den Schoos nehmen. Und wer bist du denn? fragte er.

Geh! sagte Rurik und riss die Schwester wieder zu sich heran.

Oho! Das nenn' ich einen sittsamen Bruder, sagte Egon lachend und wollte aufstehen, um Paulowna zu haschen.

Diese zog sich aber zurück und sagte mehr stolz als naiv:

Mein Vater war auch ein Prinz.

Daran zweifl' ich gar nicht, antwortete Egon lachend. Welche Länder gehörten ihm denn?

Siegbert fühlte die ganze Pein dieser unerwarteten Begegnung. Wie gern hätte er die Kinder entfernt!

Aber Rurik stellte sich keck vor seine Schwester und meinte:

Er hiess Wäsämskoi! Aber Onkel Rudhard sagt, dass du schlimm bist. Und wir mögen dich gar nicht.

Damit rannte aber Rurik, in einiger Entfernung