so seinerseits nur für die Besitzenden etwas Gutes stiften! antwortete Louis.
Das fürchten Sie? entgegnete Dankmar. Und man vermutet allgemein, der Prinz und Sie hätten doch eine gleiche Lehre von der Gesellschaft ...
Keineswegs! war Louis' Antwort.
Ich höre es an Allem, was ich nun von ihm über öffentliche Dinge vernommen, dass er zu den Aristokraten gehört, die eigentlich die gefährlichsten sind, zu jenen nämlich, die in ihr Wappen auch einige Symbole neuer Ideen aufnehmen.
Sie sprechen, antwortete Louis, eine Besorgniss aus, die mich selbst bekümmert. Er war in Lyon nicht so. Er kam dort an, wie ein Kind, unreif, zwar überfüllt mit Wissen –
In der Tat, ich bewundere seine Gelehrsamkeit.
Glauben Sie mir! Egon ist ein seltener Mensch und berufen, eine grosse Rolle zu spielen.
Sie wollten von Lyon sprechen ...
Nun wohl! Er kam zu uns unreif und doch schon blasirt. Er hatte das Leben zur Hälfte schon ausgekostet. Nicht alle Verführungen waren so wie die des Herrn Rafflard von ihm abgeglitten und doch war sein Herz unschuldig. Es war der Zorn über seine Familie, über die geringen Mittel, die man ihm für seine Existenz schickte, der ihn veranlasste, seinem stand zu entsagen und seine Angehörigen zu reizen, zu verletzen, ich will sagen, zu bestrafen. Ein junger Mensch, der seine Ältern bestrafen will! Das trieb ihn in jenes Extrem, dessen Durchführung ihm meine eigentümlich zusammengesetzte, nicht ungebildete Familie, besonders aber ein sanftes, heitres Mädchen, meine Schwester, angenehm und dadurch allein möglich machte. Er hielt lange aus, oder sagen Sie, meine Schwester war so glücklich ihn lange zu fesseln. Wir siedelten nach Paris über. Meine Spezialität in vergoldetem Schnitzwerk hatte in der Stadt des Luxus mehr gelegenheit, sich ergiebig zu machen. So zogen wir nach Paris. Man weiss, wie uns Egon dort verloren ging. Ich glaubte, ihn am grab meiner Schwester ganz wiedergefunden zu haben. Aber es war, ich fürchte mich es einzugestehen, vielleicht nur eine neue Abspannung, die ihn aus den Armen der schönen Gräfin d'Azimont an das Grab Louison's führte. Jetzt, da die Gräfin hier ist, da er sich gesund, tatkräftig, unternehmend fühlt, ist kein Augenmerk zu versäumen, ihn den Ideen zu erhalten, die er einst im Umgang mit den Armen einsog. Ich bürge für seinen besten, seinen redlichsten Willen – aber eine Helene d'Azimont, ein Rafflard, die Prärogative seines Standes, die Schmeicheleien seiner Stellung ...
Besorgen Sie nichts, lieber Louis! sagte Dankmar. Dieser Aristokrat ist, trotz der guten Meinung meines Bruders von dem gebesserten Stolze des Adels, so himmelweit von der üblichen Bildung unserer exclusiven Stände entfernt, dass ich glaube, er wird mit seinem Vereine zum Schutz und Schirm der Arbeit bei ihnen allein schon genugsam anstossen. Es käme nur ... auf Etwas an ...
Dankmar regte mit diesen zögernd gesprochenen Worten die Unruhe des Handwerkers nur noch mehr auf.
Worauf? sagte er. Sie sehen, wie ich vor sehnsucht zittere, dem volk ein treues Herz zu erhalten!
Dankmar war von der bebenden stimme, mit der diese Worte gesprochen wurden, gerührt und bot Louis Armand die Hand.
Edler, lieber Fremdling! sagte er. Wie warm fühlen Sie für die gute Sache des Jahrhunderts!
O mein Herr, rief Louis, ich höre Sie schon viel lieber von unsern Pflichten sprechen, als meinen verlornen Egon von unsern Rechten.
geben Sie ihn nicht auf, Louis! antwortete Dankmar, angenehm erregt von der traulichen Art, wie Egon am arme seines Bruders sich stützte und unter den hohen Lindenbäumen vor ihnen schritt. Ich verspreche mir viel von dem Plane, diesen jungen Fürsten in unsre kammer zu bringen. Er hat das Alter. Und über die Möglichkeit, ihn irgendwo in der Wahl durchzusetzen, hab' ich schon nachgedacht. Die Tribüne ist ein sonderbarer Ort! Menschen, die nie eine Meinung hatten, haben auf der Tribüne eine Meinung bekommen. Wie man in der Physik das Gewicht der Stoffe nicht auf der Wagschale absolut, sondern nach einer Vergleichung mit andern Wertbestimmungen specifisch ermittelt, so wird Egon über seine Gesinnung sich erst klar werden den Gesinnungen Andrer gegenüber. Und wie wenig wohl auch zu erwarten steht, dass ihn unsre Radikalen für sich gewinnen, so dürfte es doch ebenso lange währen, bis sich Egon in der ihm völlig fremden, zu Allem schmiegsam ergebenen Kanzleigesinnung des Beamtentums zurecht fände. Erst auf der Tribüne wird sich sein wahrer Wert sichtbar ausscheiden.
Haben Sie schon über die Möglichkeit einer Wahl nachgedacht? fragte Louis Armand.
Ich erwarte, sagte Dankmar, in diesen Tagen einen Deputirten, dem es gelungen ist, dreimal gewählt zu werden. Es ist ein einfacher Landwirt, aber ein vielgerühmter Politikus, Namens Justus. Extreme Richtungen können ihn nicht gehoben haben, und so glaube' ich fast gewiss zu sein, dass es nur seiner Empfehlung bedarf, um da, wo er die Wahl ablehnt, Jeden, den er als Ersatzmann vorschlägt, durchzubringen.
Unter diesen Erörterungen hatten sich Louis und Dankmar wieder den beiden Vorausschreitenden genähert und teilten die angenehme Überraschung, die ihnen jetzt die freundliche Aussicht bot. Welch ein gefälliges Gemälde! ... Sie hatten alle vier jene Terrasse erstiegen, deren Rückwand dichte gestutzte Bosquets, Grotten und Lauben bildeten, deren Vorderseite ein Gitter