bist du sehr Idealist! sagte Egon fast gereizt. Geld findet sich niemals, bester Freund! Alles findet sich, aber niemals Geld.
Doch! Doch! Es findet sich! wiederholte Dankmar, und durch den Ton nicht allein, in dem er die Erneuerung dieser Hoffnung vortrug, sondern auch durch eine überraschende Entdeckung, die die Freunde machten, war dies Gespräch vorläufig abgebrochen ... Sie waren nämlich schon längst in jenen anmutigen, schattigen Park, in dem das Lustschloss Solitüde lag, eingefahren, als sie in der Ferne langsam unter der grossen Hauptallee, die zum schloss hinaufführte, mehre sechs- und vierspännige königliche Wagen fahren sahen ... Die Anwesenheit des Hofes auf Solitüde hinderte zwar nicht im geringsten die dort erlaubte freie Bewegung des Publikums, aber die sich dem Anstand von selbst darbietenden Rücksichten machten es oft unmöglich, dann die einzelnen schönen Punkte des Schlossgartens so zu geniessen, wie sie es ihrer Lage, frischen Luft und angenehmen Aussicht wegen verdienten ... Egon vollends, der eine Beziehung zum hof nicht suchen mochte, geriet in Verlegenheit und wäre gern umgekehrt. Dankmar und Siegbert wagten kaum ihm zuzureden; denn, sagten sie, wer bürgt dafür, dass der junge Fürst nicht erkannt oder wenigstens mit der höheren Hofbedienung in ein Gespräch verwickelt wird! Und Dankmar setzte sogar hinzu:
"Wer schützt dich, wenn du durchaus die Begegnung noch vermeiden willst, vor einem Akte der Herablassung? Die königlichen jungen Herrschaften machen es sich zur Aufgabe, wo sie können, sich in gespräche und Anreden zu verlieren. Es wird ihnen sehr schwer; denn sie sind schüchtern und beklommen, allein die Oberhofmeisterin von Altenwyl, sagt man, dringt immer darauf und der regierende Fürst selbst hat einen Reiz dazu, sich volkstümlich zu machen, seitdem sein Bruder Ottokar so allseitige Huldigungen empfängt. Der ältere Bruder ist ohne Zweifel sehr unterrichtet und für Alles interessirt, aber zurückhaltend und sogar mistrauisch. Nur der grössere Mut seiner Frau ermuntert ihn. Dann wirft er sich so gewaltsam in den Drang, sich Erfolge zu machen, dass es beängstigend wird und man aus einer solchen Begegnung mit dem Gefühle scheidet, wie man hier nur zu einem kalten Rechnenexempel der teoretischen Monarchie eine dumme und armselige Zahl abgegeben hat. Ein erwärmtes Gefühl, eine gesteigerte Hingabe an diese nicht sehr glücklichen, einsam stehenden Menschen bleibt kaum zurück.
Wie es nun aber bei solchen Bedenklichkeiten zu gehen pflegt, man spricht sie aus und tut doch gerade Das, was man vermeiden wollte.
Die Bedienten hatten den Schlag geöffnet, das grosse gusseiserne Portal des Schlossgartens stand geöffnet, sie traten in die saubergehaltenen Wege und die trotz der vorgerückten Jahreszeit noch bunt und mannichfach belebten Bosquetts ein.
Siegbert erbot sich zum Führer. Er kannte hier alle verschlungenen Pfade, die an die grosse berühmte Terrasse führten, und auch die, welche erst die noch geöffneten Treibhäuser und einen kleinen See mit Schwänen, eine Volière mit anmutigem Gevögel, das eine ausgestopfte Eule umschwirrte, eine andere Umzäunung sehen liess, in welcher einige Rehe hausten, die mit ihren sanften weiblichen Augen durch die Gittersprossen lugten ...
Man entschied sich dafür, den kürzesten Weg zu wählen. Nach einer der Anmut des Gartens gespendeten Anerkennung und einigen Vergleichen, die Egon und Louis mit Versailles, besonders aber dem natürlicheren und parkähnlich gepflegten St.-Cloud zogen, kam das Gespräch auf den Hof, die Politik, den Geheimbund zurück und Egon ergriff die gelegenheit, sich über seine künftige Stellung zu der Gesellschaft und zu diesem staat selbst, in dem er einen so glänzenden Namen führte, auszusprechen. Dankmar's Verzweiflung an allem Gegebenen schien er, sich auf Louis im Gehen stützend und in dem gekieselten Sande seine noch etwas müden Füsse nachziehend, nicht zu teilen.
Ich werde nicht ganz zurückgezogen leben! sagte Egon. Die grosse sorge um meine ruinirten Besitzungen hat mir einstweilen ihr Pächter, dein amerikanischer Landwirt Ackermann, abgenommen. Ich will sehen, wie lange ich mich mit den Hoffnungen auf eine mögliche Wiederherstellung dieser traurigen Verwüstung beruhigen kann. Inzwischen soll mein Hauswesen vereinfacht werden. Es sind zu viel Menschen um mich. Wozu zwei Diener, die da hinter uns schleichen und aufpassen, dass doch Einer von uns ja sein Taschentuch verlieren möchte, nur um sich durch dessen geräuschvolles Aufheben notwendig zu machen? Wozu die vielen Frauen in meinem haus? Den alten Haushofmeister pensionirt man. Ich habe acht Pferde und kann mich mit vier begnügen. Mein Mittagstisch war heute überladen. In allen diesen Dingen hab' ich die einfache Ordnung der natur kennen gelernt und Louis wird mir beistehen, sie auch hier innerhalb der Grenzen, in denen ich nun einmal leben muss, einzuführen. Dann will ich suchen Bekanntschaften zu machen, die mir von Nutzen sein müssen, sonst vermeid' ich sie, denn sie kosten nur Zeit. Und zuletzt – hab' ich einen Lieblingsplan, den ich aus Paris mitbrachte ...
Egon sah Louis an, der beifällig nickte. Die Andern hörten gespannt.
Auch ich will einen Verein stiften, sagte Egon. Aber keinen geheimen, lieber Wildungen, und keinen, der sich auf das Wandelbarste im Menschen, auf die Gesinnung stützt. Ich denke an einen Verein zum wechselseitigen Schutze der Arbeit. Ich habe nicht umsonst mein Stemmeisen und den Hobel geführt. Ich kenne die Bedürfnisse der Arbeit, ich achte den Handwerker und fühle mit ihm. Es muss viel, viel geschehen, um ihn besser zu stellen, als dies bisher