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in alle religiöse und politische Streitigkeiten des kleinen Freistaates. Doch erregte er überall Mistrauen und stand so wenig sicher, dass er gleich nach einem Streite, in den ich mit ihm an der Mittagstafel des Syndikus Lhardy verwickelt wurde, sich nicht mehr länger zu behaupten wagte. Ich hatte nämlich vor seiner Tartüfferie den grössten Abscheu und lehnte alle seine Vertraulichkeiten ab. Als an jener Tafel das Gespräch auf den alten Monnard kam und er die Frechheit hatte, die reine reformirte Gesinnung des Verstorbenen in Zweifel zu ziehen, brach ich mit der Äusserung hervor: Es ist freilich sehr wenig rechtgläubig von dem alten Monnard gewesen, dass er einen Lehrer aus der Anstalt entfernte, der seinen Zöglingen den Casanova zu lesen gab! Ich hatte viel von dem guten Côte d'or des Syndikus getrunken, das rote Traubenblut war mir in den Kopf gestiegen und so entfuhr mir die Äusserung, die plötzlich auf die ganze zweideutige Erscheinung des Professors Rafflard ein erläuterndes Licht warf. Rafflard schoss mir einen blick wie ein Basilisk zu und verschwand bald. Ich ging, überdrüssig meiner leeren, nichtssagenden und mannichfach gehemmten Existenz, nach Lyon, kam von da nach Paris und habe Rafflard dann im haus der Gräfin d'Azimont, seiner früheren Schülerin, wiedergetroffen. Er wurde aber auch von dort entfernt, weil er sich in die Familienangelegenheiten mischte. Nur die alte Gräfin d'Azimont, eine hochfahrende und den Jesuiten ganz ergebene Dame, behielt ihn für sich und intriguirt mit ihm gemeinschaftlich nach allen nur möglichen Richtungen hin. Wenn er hier ist, sollte es mich gar nicht wundern, dass er den Auftrag hat, mich und die Gräfin d'Azimont zu beobachten, zu trennen, zu entzweien, sie nach Paris zurückzuführen, mich zu umspioniren, mir in meinen Freunden wehzutun, mir zu schaden wo er kann. Wenn er vorgibt, die Gefängnisse zu studiren, so ist Das eine Maske für andere Pläne. In Paris hält man ihn für einen Jesuiten und ich kann wohl begreifen, dass dem Orden die Verwickelungen und Wirren im Herzen Europas auf unserer deutschen Erde keineswegs gleichgültig sind!

Als Egon geendet hatte, fuhr der Wagen gerade über den Einschnitt einer Eisenbahn und bog zur Seite ab, einer Gegend zu, die immer anmutiger und gefälliger wurde. Es war ein Tal, das sich dem in der Ferne blitzenden Strome zu abwärts senkte und an seinen äussersten Grenzen, über den Strom hinaus, wieder von der blauen Erhöhung eines Bergrandes geschlossen wurde. Links und rechts weideten Heerden auf den gemähten Stoppelfeldern und dem noch üppigen, lachenden Grün der Wiesen, die in ein schimmerndes Birkengehölz sich verloren. Dies Vorgehölz ging zuletzt allmälig in eine dunklere Waldung über. Der Charakter der Gegend war einfach, aber ausserordentlich belebend und anregend.

Louis fühlte über die leichte Art, wie Egon von der d'Azimont sprach, einen tiefen Schmerz ... Siegbert ergriff diese Erzählung Egon's als Mittel, um sich über des Prinzen Charakter klarer zu werden. Auch er kannte die geschichte Louison's und konnte es vor seinem Herzen nicht ganz gerechtfertigt finden, dass Egon etwas leicht über so schwierige und delikate Beziehungen hinwegging ... Dankmar aber haftete an einer andern Gedankenreihe fest, die sich bei ihm durch die einfachen, vor sich hingesprochenen Worte kundgab:

Diese Jesuiten!

Ja, die Jesuiten! wiederholte Egon und zu Armand sich wendend, sagte er:

Ja Das sind die rechten Brüder vom gemeinsamen Leben, von denen wir heute sprachen, Louis, und zu denen Tomas a Kempis auch gehörte.

Tomas a Kempis ein Jesuit? sagte Louis verwundert und verriet nun einmal auch ein wenig stark seine historischen Mängel.

Nein, Louis! antwortete Egon lachend. Ich kenne, da ich in Genf viel mit der Kirchengeschichte geplagt wurde, sehr gründlich manche Dinge, die mir später von geringem Werte wurden. Tomas a Kempis gehörte zu einer Brüderschaft vom gemeinsamen Leben. Mein guter Louis erklärte ihn darauf frischweg schon für einen Communisten ...

lachen mochten die Brüder nicht, weil sie fürchteten, den wenig unterrichteten, ihnen aber ehrenwerten Handwerker zu verletzen.

Es gab, fuhr Egon fort, im Mittelalter eine Menge von halbgeistlichen, halbweltlichen Genossenschaften, die den Mönchs- und Ritterorden nachgebildet waren. Sie hatten oft so eigentümliche Formen, dass sie in den Ruf der Ketzerei kamen. Da waren die Beguinen, die Begharden, die Brüder und Schwestern vom freien geist, die Apostelbrüder, die Brüder und Schwestern vom gemeinsamen Leben. Sie gehörten Alle der Welt an, vereinigten sich aber zuweilen zu ausschliesslich religiösen Übungen. Ihr innerer Zusammenhang war der der gegenseitigen Unterstützung, der Wohltätigkeit. Manche vereinigten sogar offenbar politische Zwecke mit ihrem nächsten Berufe. Sie unterstützten die öffentliche Sicherheit. Wie es in Deutschland einen Vehmbund gab, der die Gerechtigkeitspflege in bekannter eigner Art förderte, so gab es in Spanien ähnliche Brüderschaften, die dort aus freien Stücken und Fanatismus leider der Inquisition dienten und förmlich deren Handlanger waren. Die Gewerke traten zusammen und schützten sich wechselseitig gegen die Gefahren der Gesellschaft. Die Bauhütten, aus denen der Freimaurerbund entstanden sein soll, hatten kaum einen andern Zweck; denn gerade die Maurer, Zimmerleute, Steinmetzen reisten damals von Ort zu Ort, um bei den grossen Bauten des Mittelalters mitzuwirken, und bedurften einer solchen auf gemeinschaftliche Erkennungszeichen begründeten Erleichterung einer überall leicht aufzuschlagenden Heimat. Dieser Trieb zur Vereinigung ging soweit, dass die Kalandsbrüder fast nur zur Erheiterung und gesteigerten Geselligkeit zusammentraten und auch bei einer so reinweltlichen Bestimmung vom