abführt, erkannt hätte. Der Name Sylvester fiel ihm nicht weiter auf.
Er bereist die Gefängnisse? fragte Egon erstaunt und lachte über die Unverschämteit eines Mannes, den er zu gut kannte, um ihn nicht auch in dieser Mission als einen Heuchler zu nehmen.
Im Auftrag einer philantropischen Gesellschaft in Paris, sagte Dankmar, die sich die Verbesserung des Looses der Gefangenen zum gemeinschaftlichen Zwecke gewählt hat. Man rühmt ihn in allen Blättern.
Egon lachte und schüttelte ungläubig den Kopf.
Glaubt doch Das nicht! sagte er. Ich kenne diese Gesellschaft, sie ist sehr ehrenwert; ich kenne aber auch Rafflard und weiss, dass er von ihr kein Mandat empfing.
Er besucht die Gefängnisse, bestätigte Dankmar. Ich bin ihm selbst begegnet, wie er von unserm Criminaldirektor höchst gewissenhaft umhergeführt wurde und sich die sorgfältigsten Notizen machte, vor denen die Beamten zitterten.
Das muss ich gestehen! sagte Egon lachend. Dieser Rafflard ist aus Meudon im Canton Lausanne gebürtig, war erst reformirter Geistlicher, spricht Deutsch und Französisch und übernahm eine Erzieherstelle in unsern östlichen Provinzen, wo er im haus einer Baronin von Osteggen sich ziemlich lange zu behaupten wusste.
Siegbert blickte bei Nennung dieses Namens nieder, weil ihn Dankmar spottend ansah.
Von da, fuhr Egon fort, vertrieb ihn mein früherer Erzieher, ein braver Mann, Namens Rudhard, der jetzt entweder an den Ufern des Schwarzen Meeres lebt oder verschollen ist oder tot ...
Egon's Begleiter wandten sich ab, um zu verbergen, dass sie wohl wussten, wo Rudhard war. Sie würden gern von ihm gesprochen haben, wenn ihnen nicht bekannt gewesen wäre, dass Rudhard wegen der Gräfin d'Azimont seinem Zögling zürnte und aus achtung vor der Wäsämskoi'schen Familie eine Wiederanknüpfung mit ihm nicht, zu eifrig suchte.
Von Rudhard, fuhr Egon fort, aus der Nähe der Familie Osteggen vertrieben, kam Rafflard wieder zu meiner Mutter nach Hohenberg. Dort zwar freundlich aufgenommen, fand er die Stellung, die er zu erschleichen suchte, besetzt. Der neue Pfarrer Guido Stromer übte schon einen grossen Einfluss auf die Entschliessungen meiner Mutter und Rafflard's Pläne mislangen. Er kehrte in die Schweiz zurück, benutzte aber von da aus die Bekanntschaft meiner Mutter zu einer sehr lebhaften Correspondenz, deren Endziel die glänzend vorgespiegelte Möglichkeit war, mir am Genfersee eine Erziehung zu geben, die ihres Gleichen suchte. So kam ich in das Institut des Herrn Monnard, bei dem Rafflard Lehrer war, und Rafflard wurde mein Specialerzieher. Während die äusseren Formen der geistigen Appretur, die man mir zu geben trachtete, streng kirchlich blieben, spekulirte Rafflard anders. Er dachte, die reifere natur eines höher gestellten Adeligen wirft doch wohl mit der Zeit diese künstliche Hülle eines ortodoxen Mechanismus ab, und weit besser ist es für deine Zukunft, du wirst der Vertraute, als der Richter deines Zöglings! ... Er buhlte auf die widerlichste Art um meine Freundschaft, hob mich weit über meinen Bildungsgrad empor, verspottete im vertrauten Umgange Das, was er öffentlich vor den andern Mitschülern gelehrt, gutgeheissen, empfohlen hatte. Anfangs glaubt' ich armer befangener, an Gewissensskrupeln leidender Knabe, diese Metode des Professors Rafflard, meines Specialerziehers, sollte mich nur prüfen. Ich lächelte über ihn, ich schauderte, ich erschrak. Aber immer sicherer machte er mich und trug mir völlige Freundschaft an, ein Mann von damals wohl fast vierzig Jahren einem Knaben von funfzehn oder sechszehn! Als diese Schändlichkeiten den höchsten Grad erreicht und fast mein sittliches Gefühl untergraben hatten, wurden sie entdeckt. Man fand einen Band des Casanova in meinem Bett und ich gestand, dass ihn Rafflard mir geliehen. Er wurde sogleich aus der Anstalt entfernt und musste Genf meiden. Von Annecy schrieb er mir einen zärtlichen Brief, worin er mir Vorwürfe machte, dass ich die Pflichten der Freundschaft verletzt hätte. Dieser Brief machte mir grossen Kummer, doch wagte ich nicht, ihn zu beantworten. Später schien Rafflard verschollen. Ich hörte, dass er nach Turin gegangen war. Manche behaupteten schon da, er wäre katolisch geworden. Ich verliess Genf, studirte in Bonn, Göttingen und führte ein sehr verkehrtes Leben, bis es mich nach dem schönen Genfersee zurückzog. Ein Vierteljahr mocht' ich in Genf gelebt haben, als nach einer wohl vierjährigen Abwesenheit Rafflard wieder auftauchte. Er behauptete, mit reichen Engländern in Italien als Hauslehrer gereist zu sein, wollte Rom, Neapel und sogar den Berg Atos in Griechenland gesehen haben. Andere behaupteten aber, er hätte in dem Jesuitenstifte zu Turin alle Weihen empfangen und sich einer langen Vorbereitung auf eine künftige Wirksamkeit unterworfen. Sogleich suchte er mich auf und weinte über das Vorangegangene ... Es ist die katzenartigste natur, die ich je in meinem Leben gekannt habe. Denkt Euch, wie gefährlich ein solcher Mensch ist, wenn er wirklich jenem Bunde dient, woran kaum ein Zweifel! Er spricht vollkommen drei Sprachen, kann überall wirken, in Deutschland, Frankreich und in Italien. Er kennt alle Länder nach ihren Sitten und geographischen Bedingungen. Die Gründe, warum er aus Monnard's Anstalt entfernt war, kannte man nicht. Es lag zu sehr im Interesse eines solchen in allen Ländern bekannten Pensionats, dass über die inneren Vorgänge das grösste geheimnis obwaltete. So konnte Rafflard wagen, in Genf wieder aufzutreten. Der alte Monnard, ein schwacher, pedantischer Mann, war gestorben. Rafflard lebte wie ein reformirter Heiliger, besuchte alle Kirchen und mischte sich