Luft und das Vollgefühl der Genesung, ja im Stillen, ohne sich es merken zu lassen, auch durch die Spannung auf das Wiedersehen Helenen's, die, er musste es sich leider gestehen, gerade auf das wiedererwachte Gesundheitsgefühl und die erhöhte Glut seiner Phantasie durch ihre hingebende Liebe bezaubernd wirkte. Dankmar erregt von seinem vielleicht sich günstig wendenden Processe, Siegbert von den gleichen Hoffnungen, die den Bruder belebten und von der angenehmen Befriedigung seines nach Liebe und Anlehnung schmachtenden Gemütes in der Wäsämskoi'schen Familie; Louis endlich sehr glücklich gestimmt, sowohl durch die Aussöhnung seines Glaubens an das liebreizende Fränzchen Heunisch, wie durch die Erinnerung an seine Selbstbeherrschung in der Scene auf seinem Zimmer. Hätte er sich stürmisch erklärt gehabt, Hoffnungen geboten, die er sich mühen musste, zu erfüllen, er würde nur mit Beklommenheit an die glückliche Mittagsstunde zurückgedacht haben.
Zu gleicher Zeit mit dem Wagen ging ein Bedienter aus dem Portal des Palais, um den kleinen Brief zu der Gräfin d'Azimont zu tragen ... Egon verfolgte ihn, so lange er konnte.
Es war ein Donnerstag. Das Wetter so einladend. Die Luft stärkend. Die Sonne goldgelb. Der Himmel tiefblau. Einige Wolken in weiter Ferne konnten Regen bringen. Sie waren noch nicht da. Man ahnte das drohende Herannahen des entblätternden Herbstes. Noch hatte ihm aber die natur den Eintritt nicht gestattet, nicht in den Wald, nicht auf die Wiesenflur.
Anfangs, innerhalb der Stadt, sprach man über mancherlei Unwesentliches. Es war notwendig, dass diese vier Genossen erst den Ton der gegenseitigen Stimmung erkannten. Wer ist der Sprecher, der Zweifler, der Schweigende, der Witzige, der Praktische, der z.B. den hinten aufstehenden Bedienten diesen oder jenen Wink gibt, der Geographische, der gern von der Gegend spricht ... Das Alles stellt sich erst im Verlaufe der Unterhaltung zurecht. Von dem Vergangenen wurde noch Dieses und Jenes erörtert und bestaunt und belacht ... Dankmar's Verhältnisse kannte Egon noch nicht klarer und nahm sie, wie sie sich ihm an den beiden strebsamen Brüdern von selbst boten. Auch Louis wusste nichts von dem Process, über den sich Dankmar gern ausgesprochen hätte ... Egon aber war der Redner. Egon führte fast allein das Wort oder bestimmte wenigstens die Gegenstände der Unterhaltung. Dies lag weniger in seinem Naturell, als in seiner Stellung und in dem glücklichen Gefühle, sich genesen zu wissen, dem Leben wieder gegeben, von Augenblick zu Augenblick sich stärker fühlend.
Draussen vorm Tore, wo man, und zwar nicht zu rasch, unter einer Allee von vollen, schwertragenden hier und da gestützten Äpfelbäumen hinfuhr, kam durch eine zufällige Wendung das Gespräch wieder auf den Tomas a Kempis zurück.
Bei der Nennung dieses Namens wurde der schüchterne und Wahrheit liebende Siegbert blutrot ... Dankmar spielte mit seinem leichten Stöckchen und kniff es zuweilen oben am Knaufe zwischen seine blendenden Zähne. Er konnte ganz meisterhaft die Miene der Gleichgültigkeit annehmen ... Louis dachte schon gar nicht mehr an die Art, wie das berühmte Buch von der Nachfolge Christi in Egon's hände gekommen war. Seine Gedanken waren mit der "Brüderschaft vom gemeinsamen Leben" beschäftigt.
Egon hatte in der Allee zwischen den würzig duftenden Äpfelbäumen gesagt:
Vor einigen Stunden las ich in dem Testamente meiner Mutter – du weisst, lieber Wildungen, dass ich die Mausgeburt des kreisenden berges, den Tomas a Kempis, meine – und fühle nun recht, dass Das eine Lectüre für Menschen ist, die nur zu Fuss wanderten, selten über ihren Klostergarten hinaus kamen und alle ihre Anschauungen durch die vier Wände ihrer Zelle und den an ihnen aufgehängten Heiland regelten. Wäre ein solcher Bussprediger rasch im Wagen gefahren, hätte er eine Ahnung von der windschnellen Bewegung einer Eisenbahn gehabt, dies trübsinnige Kleben an den mageren und kahlen Bedingungen des Lebens würde ihm nie möglich gewesen sein.
Dankmar erinnerte den Prinzen an Das, was er ihm im Plessener Turm über die Bigotterie der reformirten Erziehung in der französischen Schweiz gesagt hatte. Da wären doch die Gouvernanten, Bonnen, Erzieher, Geistlichen immer unterwegs und durch ganz Europa zerstreut und überall trügen sie doch die eigentümliche Auffassung ihres Le Bon Dieu, wie sie ihn nennen, mit sich herum ...
Weil dies Heuchler sind, lieber Dankmar! sagte Egon. Ein Tomas a Kempis war ehrlich und liebte die Welt nur in dem düstern Nebelkleide, das er über das Schöne, Frische, Lachende zog. Diese Erzieher aber, die mit wenigen Ausnahmen von ihrer Einseitigkeit ein Geschäft machen, verschliessen absichtlich ihr Auge jedem Dinge, das Farbe hat, und jedem Dinge, das angenehm tönt, absichtlich ihr Ohr. O welche Heuchler! Ich erinnere nur an jenen Rafflard, von dem ich dir so oft sprach, Louis ...
Rafflard, wiederholten die beiden Brüder. Doch nicht Sylvester Rafflard? setzte Dankmar hinzu.
Sylvester Rafflard! Ganz recht! sagte Egon.
Der ist hier, fiel Dankmar ein.
Hier? Wieder in Deutschland? Und in welcher Eigenschaft? fragte Egon.
Er bereist die Gefängnisse, sagte Dankmar und verstand den Wink nicht, den ihm Siegbert zuwarf ... Siegbert war nämlich durch Rudhard davon unterrichtet, dass Rafflard in manche Verwickelung mit Egon's früheren und späteren Begegnissen geraten war. Louis kannte ihn durch Egon als einen Jesuiten und hatte Siegbert schon erzählt, dass er ihn auf seiner Herreise an der Eisenbahn, die vom Rheine