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, veranlasste er Siegbert, Freunde einzuführen, vor allen Dingen seinen Bruder Dankmar. Dankmar wurde eingeladen. Er kam auch. Olga erinnerte sich seiner von der Lasally'schen Reitbahn. Aber es war fast, als hätte sie ihr Ideal in dem lebhaften, feurigen Dankmar nur vorgeahnt und es in Siegbert verschmolzen mit alle Dem, was dem kecken Dankmar doch zu fehlen schien, wiedergefunden. Auch die Mutter fand Dankmarn interessant, unterhielt sich, da überhaupt ein neuer reger Geist über sie Alle gekommen war, ausserordentlich lebhaft mit ihm, aber wenn man an die Ausströmungen des Magnetismus im innigeren Verkehr der Gemüter glauben darf, so wirkte Dankmar's feuermagnetische Kraft fast schmerzhaft auf diese lebhaften Naturen, die wiederum selber, um musikalisch zu sprechen, mehr in Dur als in Moll gesetzt waren. Siegbert führte auch Max Leidenfrost ein. Der unterhielt sie Alle, belustigte die Kleinen, interessirte die Grossen; aber es blieb bei den Frauen für die Phantasie kein Eindruck zurück, von Reichmeier und Anderen ganz zu schweigen. Nur Heinrichson hatte etwas Glattes, das für ihn einnahm. Seine Tournüre, sein Witz, seine grosse Welterfahrung blendete. Da aber die Fürstin gehört hatte, dass Heinrichson bei ihrer Schwester eingeführt war und dieser bei Zeichnungen, die sie in ihrer, wie die Fürstin es nannte, koquetten und frivolen Trauer um den Prinzen Egon, entwarf, behülflich war, so lud sie ihn nicht wieder ein. Siegbert blieb demnach das waltende, regierende Princip und da Rudhard im Stillen sich freute, dass bei dieser Neigung in der Fürstin doch auch ihr rein sittliches Princip im Spiele war und durch Siegbert's edle, taktvolle natur nicht gefährdet wurde, so liess er zur Zeit noch diese Dinge gewähren und versparte sich nur eine Rücksprache mit Siegbert auf günstige gelegenheit ... Siegbert war täglich in jenem Gartenhause und arbeitete sogar dort. Die Welt sagte vorläufig, dass er ein Freund des Predigers Rudhard war. Dankmar aber zog den Bruder täglich auf, nannte ihn Heinrich Frauenlob, den Sänger, den Frauen zu grab trugen, den im Venusberge gefangenen Tannhäuser und scherzte nicht wenig darüber, als er die Verlegenheit der Fürstin und den Ärger der kleinen Olga, die ihm selbst hätte gefallen können, bemerkte, als es sich darum handelte, ihnen für heute Nachmittag ihren getreuen Siegbert zu entführen. Komisch schien es ihm, als Rudhard den Vermittelungsweg einschlug, beide Brüder wenigstens zum Diner dazubehalten, denn auch dieser Vorschlag hatte für die beiden Rivalinnen doch immer die Folge, dass Siegbert ihnen nicht ganz gehörte und die Unterhaltungen über den Prinzen Egon, an dem Rudhard soviel gelegen war, mochten sie vollends nicht leiden. Die Fürstin und Olga, Beide unterstützten Rudhard's Vorschlag nur unter der Bedingung, dass sie erst um dreiviertel auf vier Uhr mit dem Wagen, den sie anspannen lassen wollten, abfahren und von dem Prinzen nicht reden durften, auf dessen Bekanntschaft sich Siegbert für sie viel zu sehr freute! Sie lehnten diesen Vorschlag ihrer Toilette wegen ab, gossen aber damit nur Öl in's Feuer. Olga war sogar auf die idee schon eifersüchtig, dass sich die Brüder für den Prinzen Egon, der ein so abscheulicher Mensch sein sollte, nur überhaupt prächtig ankleiden wollten. Zu uns, sagte sie, kommt Ihr, wie es Euch gerade einfällt! Wer ist denn dieser Prinz, dass Ihr Euch um seinetwillen in kostbare Kleider werfen wollt, in denen wir Euch nie gesehen haben! In der Art, wie Olga zankte und, als beide Brüder wirklich nicht wenigstens zum Essen blieben, sondern um zwei Uhr sich entfernten, weinte, während die Fürstin ihre gleiche Empfindung unter Lächeln und den heftigsten Vorwürfen gegen die Narrheiten Olga's versteckte, sah Dankmar denn doch, dass dies Mädchen mit dem bleichen Teint und den schwarzen Flechten trotz ihrer glühenden Augen noch ein halbes Kind war und liess diese wirren Dinge umsomehr gelten, als sich sein guter Siegbert in dieser träumerischen Existenz zu gefallen schien ... Zu haus hatten Beide dann noch einen herzlichen lieben Brief von der Mutter gefunden, die über Dankmar's Projekte erklärte in einer ewig fieberhaften Aufregung zu leben, und so waren sie nach einem bescheidenen Mittagstische bei einem Restaurant an die sorgfältige Wahl ihrer Kleidung und zuletzt in's Hotel des jungen Prinzen gegangen.

Louis öffnete die Tür, weckte Egon von einem

leichten Halbschlummer und führte ihn den Freunden entgegen.

Siegbert und Egon gefielen sich auf die erste Be

grüssung und waren bald so vertraut wie alte Bekannte.

Ist der Wagen vorgefahren? hiess es.

Man bejahte.

Also nach dem schloss Solitüde!

Man rollte durch die Strassen, durch die Plätze.

Man kam an die Tore.

In dem Wirrsal der Meinungen, bei dem immer

mehr beengten Gebiete der materiellen Begründung seines Daseins, ist die wahre Freude unter den Menschen der zivilisation ein seltener Gast geworden. Einige Stunden so glücklicher Anregung, wie sie die eigentümlich zusammengesetzte Gesellschaft, die da eben im Wagen aus dem grossen Portale des Palais fuhr, zu geniessen hoffte, gehören zu den Weihemomenten, wie sie dem in seine Pflichten so eingepferchten Menschen des neunzehnten Jahrhunderts selten geboten werden. Ein junger Fürst, ein Rechtsgelehrter, ein Künstler, ein Handwerker sassen hier auf den weissseidenen, grossgeblümten weichen Polstern, Egon und Siegbert im Fond, Dankmar und Louis auf dem Rücksitze. Sie konnten in ihrer Lebensstellung nicht verschiedener sein. Aber Alle fesselte das Band gemeinsamen Vertrauens und jeder Einzelne war froh gestimmt. Egon durch die erfrischende