und fast schneidenden Art eine neue Garderobe. Alle ihre Kleider wären ihr zu kurz. Sie schäme sich so zu gehen, wie sie sich heute in der Reitbahn gezeigt hätte. Sie wolle nicht nur ein langes Reitkleid, wie alle Damen zu Pferde, tragen, sondern auch für das Haus und die Gesellschaft die Tracht der andern jungen Mädchen. Schon hatte sie sich ihre langen Zöpfe zu einer sonderbaren, phantastischen Tracht aufgebunden, die das Gelächter ihrer Mutter und den Spott ihrer Geschwister erregte. Sie hatte die Zöpfe mehrmals wie Ammonshörner oder Schneckengehäuse gewunden und sie halb im Nacken, halb hinterm Ohr festgesteckt. Rudhard fand die idee allerliebst und geschmackvoll, die Mutter aber abscheulich. Mit einem verächtlichen Blicke, den Olga auf die Mutter warf, als wollte sie sagen: Du bist nur neidisch, dass ich so schöne Haare habe! wollte sie in's Haus gehen. Die Kinder lachten hinter der Schwester her. Da ergriff diese eine Scheere, die von den weiblichen Handarbeiten der Mutter auf dem Gartentische lag, fasste den einen aufgewundenen Zopf und war schon im Begriff ihn herunterzuschneiden, wenn ihr Rudhard nicht den Arm ergriffen, die Scheere entwunden und die heftige und übereilte Zerstörung eines so schönen Schmuckes verhindert hätte. Am folgenden Tage mussten Schneider und Modisten kommen und aus Olga ein andres Wesen formen. Rudhard billigte diese Metamorphose vollkommen, nur die Mutter geriet darüber in eine eigentümliche Reizbarkeit. Diese sonst passive Frau schien von der plötzlichen Emancipation ihres Kindes zu einem jungen blühenden Mädchen und den dabei vorkommenden Beweisen eines plötzlich gewachsenen Selbstgefühles so gereizt, dass sie in einen Zustand geriet, den sie selbst nicht erklären konnte. Sie wurde unruhig, das Kleinste verdross sie und weder Rudhard's ruhige Beschwichtigung, noch die Anerkennung, die doch ihr Kind bei jedem der zahlreichen Besuche, die sie empfing, erntete, konnte die Mutter zur Selbstbeherrschung bringen. Nur Siegbert's Eintreten in den Familienkreis tat ihr wohl ... Dieser hatte mit Rudhard gleich am Morgen nach der Beschlagnahme des Bildes und der Untersuchung ihrer wohnung mit dem darüber höchlichst erstaunten mann eine lebhafte Unterhaltung. Man beriet Mittel und Wege, um sich vor ferneren Gewalttaten dieser Art zu schützen. Man kam auf bedenkliche Vermutungen, erwog die Verlegenheit und das Befremden Egon's, wenn das Bild ihm würde übergeben werden und Dinge entielte, die ihn vielleicht nur aufregten und störten. Erst zwei Tage später kam man zu der Entdeckung, dass das von Schlurck übergebene Bild die Papiere gar nicht mehr entielt! Gesteigertes Erstaunen. Hier war ein geheimnis, eine Intrigue. Rudhard gab sich die grösste Mühe, hinter Entdeckung einer bösen Absicht zu kommen. Er hatte Anzeichen, die ihn auf eine sicher scheinende Erklärung führten. Er gelobte sich, sie streng zu verfolgen. Einstweilen riet er zum Ersatze durch den Tomas a Kempis .... Der Eifer bei allen diesen Verhandlungen nicht nur, sondern auch die Teilnahme, die Siegbert den künstlerischen Studien der Mutter und Olga's schenken sollte, veranlasste, dass er täglich im haus war. Und nun ergab sich dadurch eine neue Spannung in dem Gemüte der Fürstin. Siegbert war ihr notwendig geworden. Sie lebte zurückgezogen, nicht aus Princip, sondern aus Bequemlichkeit. Sie wollte ihre Schwester vermeiden, von der sie wusste, dass sie überall die schlimmsten Dinge von ihrer Bildung, ihrem verstand, ihrem Herzen sagte. Die Trauer gebot ihr, sich von der Gesellschaft fern zu halten. Rudhard war streng, einsilbig, oft mürrisch, pedantisch sogar und durch sein sicheres Auftreten ihr fast unbequem. Siegbert Wildungen aber, der gefeierte junge Künstler, Das war eine ideale Vermittelung mit der Welt! Wenn er kam, bot er den süssen Reiz der Gewohnheit. Wenn er ging, liess er eine Lücke zurück. Er war so ruhig bewegt, so still glühend, so schweigend beredtsam, er wirkte so angenehm; es strömte, wenn er sprach, ein solcher Wohllaut von seinen Lippen; jede idee, die er äusserte, schmeichelte sich schon durch den Vortrag ein und wenn er eine Meinung aussprach, so verband er die sicherste Männlichkeit und die Wärme der Überzeugung mit liebevoller Duldung und Schonung der Andersdenkenden. Ganz abweichend von Rudhard, der sogleich verurteilte, keinen Irrtum anders entschuldigte als durch das verletzte Interesse oder die mangelnde Bildung Derer, die ihn hegten, von Rudhard, der das Gemüt wohl einen Edelstein nannte, der aber nur klar und durchsichtig sein müsse, nichts Trübes und Unklares entalten dürfe ... Siegbert hatte ihn bei der Fürstin vollkommen verdrängt. Rudhard merkte es wohl, war aber ohne Empfindlichkeit darüber. Er wünschte sich Glück, einen jungen Mann von so heilsamer wirkung für diesen kleinen Familienkreis gefunden zu haben und war nur bedacht, dass in Olga keine gefährliche Regung entstand und in Siegbert nichts, was diese Regung nährte. Darüber kamen ihm denn nun freilich Zweifel. Nicht, dass etwa Siegbert Veranlassung zur Verletzung der Convenienz gab. Rudhard musste vielmehr sich selbst sagen: Was kann der junge Mann dafür, dass er mit einer fast überirdischen Anbetung hier still verehrt wird! Siegbert tat nichts, als er gab sich selbst. Um seine herrschaft über diese beiden Frauengemüter zu entkräften – von dem eigentümlichen verhältnis, das sich hier zwischen Mutter und Tochter ergab, hatte Rudhard schon eine besorgte Ahnung – um einen Versuch zu machen, ob denn nicht das Eintreten eines andern Elementes in diesen Kreis der drohenden Einseitigkeit dieser Herzen – Liebe nannte Rudhard eine Einseitigkeit der Herzen – steuern konnte