Erde und schielte zu Louis hinüber, den er auch in diesem Punkte als einen wahren Dorn im fürstlichen Fleische, als den Störenfried aller standesmässigen Etikette und gehofften Wiederherstellung der alten herrschaftlichen Zustände betrachtete ... und eigentlich mit Unrecht.
Nach dem Essen ruhte Egon ein wenig aus und Louis las im Tomas a Kempis, der ihm plötzlich bedeutsam geworden war ... Louis hatte es sehr weit im deutschen Sprechen und Verstehen gebracht. Er musste ja seinen Ursprung halb von Deutschland und Polen und nur halb von Frankreich herleiten ... Taddäus Kaminski war im Jahre 1794 in der polnischen Insurrection bei Maciejowice verwundet worden. Glücklicher als sein Bruder Stanislaus Kaminski, der in Gefangenschaft fiel und nach Sibirien geschleppt wurde, rettete er sich, in der Flucht von seiner Schwester Jagellona unterstützt, mit Kosciuszko erst nach Deutschland, wo er im Württembergischen Pflege und ein Weib fand, eine Deutsche, Namens Anna Oleander. Verfolgt von dem Einflusse Russlands floh Taddäus Kaminski nach Frankreich und liess sich mit seiner Schwester Jagellona und seinem weib in Lyon nieder. Ihr los war Armut. Früh starb Taddäus an seiner Wunde. Die Schwester Jagellona heiratete einen Industriellen, bei dem sie gastfreundliche Aufnahme gefunden hatten, Namens Armand. Jagellona war nicht mehr jung, als sie, eine gebildete Polin, der Dankbarkeit dies Opfer brachte und weit unter ihrem stand sich vermählte. Die Revolution hatte die Standesunterschiede hier nicht so sehr verwischt wie das Gefühl der Erkenntlichkeit für den Schutz und die Pflege, den die armen polnischen Flüchtlinge bei den Lyoner Freunden fanden. Jagellona's Sohn hiess, ihrem in Sibirien schmachtenden Bruder zu Ehren, Stanislaus. Stanislaus Armand heiratete die Mutter unsres Louis, eine Französin, und gebar ihrem Gatten diesen Sohn im Jahre 1825, die Tochter Louison ein Jahr später. Diese aus so kosmopolitischen Mischungen zusammengesetzte Familie – gälische, germanische, slawische Elemente begegneten sich hier – stand unter dem patriarchalischen Einflusse der uralten Polin Jagellona Kaminski und der deutschen, ihren Gatten lange überlebenden Grosstante Anna Oleander, einer Schwäbin aus dem weiland württembergischen Gebiete der Grafschaft Mömpelgard oder Montbelliard. Die polnische Sprache war in diesem Kreise verschwunden, aber aus Rücksicht auf die Grosstante, die des heldenmütigen Taddäus Kaminski wegen tief verehrt wurde, hatte sich neben der französischen die deutsche erhalten, die auch Jagellona, wenngleich mit polnischem Accente sprach. Louis Armand, der einzige noch lebende Enkel dieser nun ausgestorbenen Familie, verbesserte sein halbangeborenes Deutsch durch den Umgang mit Egon. Aber mit den deutschen Buchstaben hatte Louis Armand, den neben der Liebe für Egon auch der Trieb nach Anknüpfungen an seinen deutschen und polnischen Ursprung hierhergeführt hatte, mit diesem Druck hatte er seine Not. Diese kleinen gotischen Buchstaben unsrer Schrift, im Geschriebenen und Gedruckten, waren ihm peinlich. Es wurde ihm schwer, in dem frommen buch weit zu kommen und zu forschen, ob sich wirklich schon damals ein Anklang der modernen Commünauté, eine mehr als nur geistige Brüderschaft vom gemeinsamen Leben, darin finden lasse ...
Gegen vier Uhr hörte er aus dem hof den eleganten Landau des Prinzen an die grosse Aufgangstreppe der untern Flur anrollen und die Bedienten meldeten die beiden andern Teilnehmer nach Solitüde, die Brüder Wildungen ...
Louis wollte Egon's Schlummer nicht stören und empfing die Angemeldeten. Siegbert hatte er seit Wochen nicht gesehen, Dankmar war ihm eine ganz neue Erscheinung ...
Das Bild, das aufgeschlagene Buch gaben sogleich eine Anknüpfung vertraulicherer Verständigung. Dankmar hatte schon lange ein Vorurteil, das er anfangs gegen Louis Armand hegte, abgelegt und freute sich seinerseits schon, wie sehr es ihn befriedigen würde, wenn Siegbert an dem Fürsten soviel Gefallen finden würde, wie er schon an Louis gefunden hatte..
Siegbert war auffallend gewählt und fein gekleidet. Beide Brüder gingen in schwarzem Frack, weissen Westen, jenem Costüme, das die Mode erfunden hat, um einem Höheren zu huldigen; weisse Halsbinden, helle Handschuhe fehlten nicht. Ihr guter Takt hatte durchaus nicht die Absicht, in der Vertraulichkeit, die ihnen der junge Fürst gestattete, irgend etwas von jenen Rücksichten aus dem Auge zu lassen, die man unter so nahen Verhältnissen dem geringer in der Welt Gestellten gern erlässt, aber doch immer anerkennt, wenn man sie nicht vergisst ... Dankmar war ohnehin mistrauisch. Er konnte sich noch nicht in Egon's aufrichtige Meinung finden. War hier etwas Zufälliges oder Notwendiges zu so eigentümlicher Erscheinung gekommen? Er prüfte und legte manchen Dämpfer auf Siegbert's glühende Erwartung.
Denn Siegbert hatte gleich das vollste Vertrauen. Sein gutes Herz ging immer mit ihm durch. Wir kennen ihn genug, um uns zu vergegenwärtigen, was Siegbert empfand, als Dankmar zur Fürstin Wäsämskoi kam und den Bruder aus einem der sonderbaren têtes-à-têtes aufschreckte, die er seit einiger Zeit zwischen der Fürstin und der immer reizender sich entwickelnden Olga beobachten musste ... Siegbert Wildungen war seit jenem Abende, wo er zum ersten male im Garten sich der Fürstin Adele hatte vorstellen lassen, der tägliche Freund jenes Hauses. sonderbar genug! Anfangs war die Fürstin so kalt, so teilnahmlos gewesen, dass ihr Rudhard darüber sogar einige mürrische Vorwürfe gemacht hatte. Später trat nun das Gegenteil ein und weckte sogar Rudhard's Besorgnisse. Der strenge Richter sah scharf. Gleich am Abend, als Olga die Blumen auf Siegbert niedergeworfen hatte, kam das Kind wie verändert in den Garten zurück. Sie hatte jene halbe Knabentracht abgeworfen, die sie bisher trug, und verlangte in einer ihr eigenen kurzen