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bin die herrschaft der Phrasen so müde, dass ich lieber eine Abhandlung über den Dünger lesen möchte, als diese Verhandlungen des Ehrgeizes und der Intrigue. Ich werde mich über Grund und Boden zu unterrichten suchen und dann nach Hohenberg gehen, dort wohnen, dort mit Ackermann Ökonomie treiben.

Louis antwortete nicht auf diesen Erguss der Langenweile und des erwachenden Lebensreizes. Er sah auf dem Tisch zwei Gegenstände, die ihm wichtiger schienen als diese polternden Ausbrüche der Ungeduld eines Kranken, der, endlich genesen, sich in das Geräusch der Welt zurücksehnt und von Einsamkeit spricht! Er sah den für die Gräfin d'Azimont bestimmten Brief und das schwarze Büchlein von der Nachfolge Christi, das durch seine Mitülfe in das Bild der Mutter gekommen war.

Über Letzteres sprach sich Egon, während man in dem Zimmer nebenan das Serviren der Mittagstafel hörte, umständlich und weitläuftig aus.

Was ich bis jetzt in diesem wunderlichen Testamente meiner bemitleidenswerten Mutter gelesen habe, sagte er, misfällt mir durchaus nicht. Dieser alte Mönch Tomas a Kempis war ein feiner Kopf und hat etwas Vornehmes, das ihn der Bildung zugänglicher macht, als die gewöhnliche ascetische Phraseologie. Er schreibt vortrefflich. Seine Sätze sind kurz und in Antitesen gefasst, wie bei Montaigne. Er scheut sich nicht, zuweilen einen alten Heiden zu citiren und weiss ihn zweckmässig mit einer christlichen Vorschrift in Einklang zu bringen. Dabei hat er etwas Weltkluges, ja sogar Etwas, was an den Spruch erinnert: Schicket euch in die Zeit; denn es ist böse Zeit! Oder wohl gar an den andern: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben! Ich lese seine Vorschriften mit Vergnügen. Nicht etwa, dass ich dem Willen meiner Mutter gemäss daran denken könnte, nach ihnen zu leben, sie verlangen eine unmögliche Entsagung und mönchische Christlichkeit. Aber sie sind ein System, das an sich nichts Geschmackloses hat. Es liegt eine so gefällige Abrundung in dieser Auffassung des Lebens. Sie ist dabei nicht ohne Heiterkeit und muss es sein, da sie den Namen des Heilandes so leicht, so ohne viel Aufhebens bekennt, wie wir etwa in unserer Zeit von der Vernunft oder, wenn man noch richtiger urteilen will, von einem grossen Genius sprechen, von Schiller und Goete. Ich kann mir den beispiellosen Erfolg dieses Buches erklären. Es ist in alle gebildete Sprachen übersetzt und vieltausendmal gedruckt worden. Es ist so klar, so rein wie die Luft. Es lehrt die Weisheit, die Demut und die Bescheidenheit. Man erstaunt freilich, dass darin die Unwissenheit gepriesen wird im Gegensatz dünkelhafter und nur die Zweifelsucht regemachender Gelehrsamkeit. Aber man lässt sich diese Polemik gegen die Bildung schon gefallen, da es doch selbst ein so feiner, gebildeter Geist ist, der mit uns spricht. Dieses Buch, richtig aufgefasst, müsste kindlich reine Gemüter bilden, besonnene frohe Weltweise voll Demut und Vertrauen. Leider liegt darin auch ausgesprochen, dass dies Buch ein glänzendes Aushängeschild der Heuchelei und jener vornehmen religiösen Abspannung werden musste, die man Frömmigkeit und Erleuchtung nennt. Und zuletzt noch Dies: Der Verfasser dieses Buches war ein Communist, lieber Louis!

Ein Communist? fragte Louis erstaunt.

Wohl! sagte Egon lächelnd. Er gehörte einer jener halbgeistlichen Brüderschaften an, die sich im Mittelalter auch unter den Laien bildeten. Tomas aus Kempen, einer holländischen Stadt, war selbst ein Mönch in einem kölner Convicte, aber man kann ihn umsomehr einen mittelalterlichen Communisten nennen, als er ausserdem zu einem Vereine gehörte, der sich die Brüderschaft vom gemeinsamen Leben nannte.

Vom gemeinsamen Leben? wiederholte Louis noch überraschter.

Nicht wahr? Das ist ja eure vollkommene Commünauté?

Man sollt' es fast glauben, sagte Louis errötend. Aber ich begreife wohl, dass darunter nur das gemeinsame Leben in Gott und dem Heilande zu verstehen ist ...

Das ist's! sagte Egon. Aber wer sich vom Laienstande ihr anschloss, musste doch wohl die Ansprüche seiner weltlichen Titel und Würden aufgeben, und wenn man sich in eine Art von Phalanstère begab, das man im Mittelalter Convict oder Kloster nannte, so geschah es doch fast unter solchen Bedingungen, wie Ihr communistischen Ikarier es Euch denkt! Man ass aus einer Schüssel, hoffentlich mit mehren Löffeln. Allons donc, Monsieur! Nous sommes servis!

Damit setzte sich der junge Prinz mit Louis zu Tisch.

Er hatte die letzten für Louis so bedeutsamen Worte sehr heiter ausgesprochen. Egon war kein reiner Anhänger der communistischen Ideen seines Freundes und geriet jedesmal, wenn dies Tema in Anregung kam, mit ihm in einen oft sehr lebhaften Hader. Auch heute bei Tische wurde diese Saite wieder berührt; jedoch viel mässiger und mit fröhlicheren Tönen als sonst in Paris oder Lyon, wo diese Saite trotz aller Freundschaft oft auch recht brummende Töne von sich gab. Egon hatte, wie wir schon aus seiner Reise mit Dankmar wissen, selbstgewonnene Begriffe vom Staatsleben und der Gesellschaft, und wenn seine Ideen, die er mit vielem Scharfsinn zu entwickeln wusste, auch nahe an gewisse demokratische Lieblingsvorstellungen der Zeit streiften, so war er doch nichts weniger als Communist.

Das Mahl war lange nicht so einfach, als es für Egon's noch mannichfach zu schonenden Körperzustand hätte sein sollen. Auch eine gewisse ihm eigene Sparsamkeit billigte diese Überzahl von Schüsseln nicht. Er gab sehr ernste Verweise über die gemachte Auswahl und erklärte rundweg, er würde künftig jeden Abend vorher sagen, was er morgen essen wolle ... Wandstabler verneigte sich bis tief zur