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Hoffnungen neuen Atem schöpft ... Ja, meine Freundin, ich werde kommen.

Fränzchen war über diese dichterische und, wenn wir ironisch sein wollen, wie eine Einleitung zu Proudhon's socialer Lehre vom Eigentum klingende Erklärung sehr glücklich.

Sie glaubte nun aufstehen zu müssen.

Louis drückte sie mit einer flüchtigen Bewegung seines linken Armes leise an die Brust. Sie widerstrebte nicht, sondern liess die warme klopfende Fülle ihres Busens an seinem Herzen eine Weile ruhen und sah dabei verschämt zur Erde. Louis lehnte sie sanft zurück und sprach:

Ich danke Ihnen, Françoise, für das Vertrauen, das Sie mir schenkten und dass ich Sie nun wieder wie sonst verehren kannach! unterbrach er sich selbst, Sie zu lieben, hatte' ich nie aufgehört! Am Sonntag also im Wäldchen!

Fränzchen dankte ihm mit einem glänzenden blick ihrer Augen und stand schon an der Tür. War sie doch selig, dass endlich auch einmal das Wort Liebe gefallen war!

Und die Stunden in meiner Sprache nehmen Sie bei mir! sagte er.

Wenn es Sie erfreut ... antwortete sie ...

Und der Sergeant ... Wissen Sie, Franziska, dass ich Mitleid mit ihm habe? Wenn er uns in den Wald begleitete mit seiner Flöte?

Fränzchen schüttelte den Kopf ...

Wir werden tanzen wollen ... Es wäre doch gut ...

Wir singen, wenn wir tanzen wollen, und Violinen und Harfen hört man unter den Eichen genug ...

Der arme Heinrich Sandrart! bat Armand. Wie gut und tröstend ist es dem Krieger, sich unter seine Kameraden, die Bürger und Proletarier der Arbeit, mischen zu dürfen! Sind diese Proletarier des Müssiggangs nicht unsere Brüder? Lebt in ihrer Seele nicht etwas, was sie von dem schlechten geist des Trotzes gegen die übrige Gesellschaft, den die Offiziere nähren, abzieht und in unsere fröhlicheren Reihen zurückführen möchte?

Er wird nicht mitgehen wollen ... antwortete Fränzchen, die weder von der Flöte, noch von der socialen Stellung Heinrich Sandrart's irgendwie gerührt war und nur einen lästigen Liebhaber sah, den sie nicht mochte.

Bieten Sie es ihm an, Franziska, wiederholte Louis.

Fränzchen blieb aber bei ihrem Sinne. Sie lachte, schüttelte den Kopf, öffnete die Tür und hüpfte davon. Noch auf der Treppe warf sie einmal den Kopf zurück, nickte voll Innigkeit und huschte in glückseligster Stimmung in ihren Hinterhof ... Der Husten des Italieners Signor Barberini verfolgte sie zwar wie das giftige Zischeln einer Schlange, die die Gestalt des Herrn Sylvester oder der grünen Brille annahm, aber nun, da sie sich gerechtfertigt hatte vor Louis Armand, da sie wieder so viel zärtliche, sanfte Worte von diesem elegischen Schwärmer vernommen, waren ihr alle Gefahren, alle Beziehungen zu andern anspruchsvollen Menschen gleichgültig, sie zerriss ihren Brief, sagte sich, Er mag kommen oder nicht! Ich habe keine Furcht mehr, ihm mündlich seinen Abschied zu geben! Es war ihr, wie sie einst Melanie Schlurck gesagt hatte, als käme sie von einem Priester, dem sie gebeichtet.

Indem wir Fränzchen den letzten Verständigungen mit ihrem Onkel überlassen und uns freuen müssen, dass sie durch ein gütiges Schicksal vor mancher dunkeln Gefahr auf dem Forstause im Plessener wald bewahrt blieb, begleiten wir den glücklichen Louis Armand zu seinem gönner und Freunde, dem Prinzen Egon von Hohenberg.

Er fand ihn unruhig und besorgt darüber, dass ihn Louis so lange allein liess.

Eilftes Capitel

Tomas a Kempis

Wie kann ich mich ohne dich zurecht finden, Freund, sagte Egon auf's zuvorkommendste und von einem Halbschlafe gestärkt. Wie diese Menschen, die mich hier umgeben, alle so gierig lauern auf meine Winke! Die kleinste Arbeit vergrössern sie durch die Umständlichkeit ihrer Art, sie anzufassen; Alles ist bei ihnen spielendes Riesenwerk. Jeder will seine notwendigkeit bezeugen und geht laut, statt leise, klappert mit einem Teller, statt ihn ruhig hinzusetzen, frägt zehnmal über eine Auskunft, die er sich bei gesunder Vernunft selbst geben kann. Der Alte mit dem gewichsten Schnurrbart ist geradezu ein Hanswurst! Es tut mir seines Alters und der Erinnerung an meinen Vater wegen leid, dass ich ihn so lächerlich finden muss. Schon drängte sich die älteste seiner Töchter an mich und will die Befehle über meine Wäsche in Empfang nehmen. Wie ich sagte, ich liebte Dies oder Jenes zur Hand zu haben und mich selber zu bedienen, verspricht sie, in meinem gewöhnlichen Zimmer sogleich diese Anordnungen selbst zu treffen. Ich lese etwas aus den Blättern in den aufgehäuften Zeitungen. Kaum sehe' ich auf, so ist die älteste Schwester mit den beiden jüngeren beschäftigt, an den Schubkästen zu poltern und zu ordnen. Ich sehe hin. Sie tun, als merkten sie's nicht. So dienend, so unterwürfig gebehrden sie sich! Die zweite gefällt mir mehr als die jüngste. Diese ist zwar hübscher, jene hat jedoch pikantere Augen. Ich habe das Fenster geöffnet, um nicht nach diesen Geschöpfen sehen zu müssen. Kaum lehn' ich mich da hinaus, so nimmt das Verbeugen und Grüssen kein Ende. Koch und Stallknecht, Küchenmagd und Kehrfrau, Alle machen sich zehnmal auf der Strasse zu tun, nur um knixen und grüssen zu können ... Von Vorübergehenden werde' ich angestaunt. Ich schlage das Fenster zu. Da ekeln mich aus den Zeitungen, die ich mir allerdings selbst bestellte, diese dummen politischen Verwickelungen an. Ich