und wenn sie nicht eine so hohe Verehrung vor Louis Armand und so ängstliche Begriffe von Schicklichkeit gehabt hätte, Das musste sie sich sagen ... eigentlich hätte sie den pedantischen jungen Mann nehmen, sein krauses Haar ihm von der Stirn wegstreichen und diese edle weisse Stirn küssen mögen.
natürlich geschah Das nicht und auch der selbstquälerische Louis bekämpfte sich und legte auf seine Empfindung die Dämpfer seiner eigentümlichen, melancholischen und krankhaften Lebensauffassung, die er mit einer ganzen Schicht unserer arbeitenden Stände von jetzt gemein hat ... Wie Louis Armand gibt es in allen grossen Werkstätten, wo mehr als ein Dutzend Arbeiter zusammen wirken, gewiss immer einen unter ihnen, der eine Art Propheten abgibt. Einer von ihnen trinkt nicht, zankt nicht, spielt nicht, tanzt nicht, sondern liest und schreibt sogar, dichtet oder singt, wird zuweilen ausgelacht, meist aber geliebt und bewundert. Er ist sozusagen der Traumdeuter der Werkstatt, der Hohepriester und Schriftgelehrte, dessen Traumauslegungen aber noch träumerischer sind als die Träume der Andern. In jeder grossen Werkstatt gibt es einen Rabulisten, einen Possenreisser und einen Philosophen.
Ihr Onkel, sagte der selbstquälerische, zurückhaltende Armand, ist recht unglücklich, dass Sie den jungen Sergeanten foltern, liebe Franchette! Er sagte dem Prinzen, dass dieser junge Krieger der Sohn eines reichen Landmanns ist. Ich fand ihn fein und artig. Auch sein Spiel auf der Flöte verriet mir, dass er ein Herz hat. Und Liebe! Liebe, die sich auch bewährt in der Demütigung, dass man sie nicht erhört! Die Welt ist sehr arm an solcher Liebe, die nicht liebt, um wieder geliebt zu werden, liebe Franchette!
Ich mag ihn nicht! war Fränzchen's ganze kurze, runde deutsche Antwort. Sie verstand die eigentümliche leidende und entsagende moderne Philosophie ihres Gönners nicht.
Er ist reich – fuhr Dieser, wie ein Stoiker, fort.
Wenn auch!
Der Onkel will eine Beruhigung für sein Alter. Er freut sich darauf, irgendwo gut aufgenommen und von Herzen geliebt zu sein ...
Ich weiss, es ist recht lieblos von mir ... aber es geht nun doch nicht!
Sie sollen mit ihm in den Wald!
Fränzchen schüttelte den Kopf.
Sie bleiben?
Fränzchen nickte.
Ah! sagte Louis, dem sich die Brust doch erweiterte, dafür dank' ich Ihnen! Wenn Sie gingen, wüsst' ich doch nicht, ob ich noch in Deutschland bliebe.
Bedurft' es mehr, um zu sagen: Franziska, hier schlägt dir ein Herz voll Liebe und ewiger Treue?
Aber teils des Nachbars Husten, teils die eigene Befangenheit und Unentschlossenheit Armand's hinderte, dass es trotz der zärtlichsten Wendung des Gesprächs zu einer förmlichen Erklärung kam.
Louis hielt Fränzchen's Hand, küsste und drückte sie, sah ihr in's Auge voll Güte und wiedergewonnenen Vertrauens, aber einer stürmischen leidenschaft war seine melancholische krankhafte moderne VolksPhilosophie nicht fähig.
Fränzchen hatte so viel Verehrung vor ihrem Freunde, dass sie sich auch eine andere Annäherung an ihn als diese zarte und zurückhaltende vorläufig nicht möglich dachte. Er fascinirte sie, wie ein Zauberer ... Durch seine Huldigung hatte sie vorläufig nur so viel Mut gewonnen, dass sie jetzt sagte:
Sie sollten mir und meiner Freundin Louise einen Gefallen tun ...
Einen Gefallen? Mit Freuden!
nächsten Sonntag, plauderte Fränzchen, um zwei Uhr kommt Louise mit allen ihren Geschwistern und einem ungeschlachten, aber braven Menschen, der sie gern heiraten möchte, und holt mich ab, in's Wäldchen zu gehen. Wissen Sie, das ist eine Stunde von hier! Man geht von der Landstrasse ab, über Wiesen, dem Strome zu ...
An dem das Schloss des Königs, Solitüde, liegt?
Richtig da! Rechts ist die Solitüde und links am Flusse das Wäldchen. Im Grase lagern sich da die frohen Menschen, dürfen an eingemauerten kleinen Herden Feuer machen, scherzen, jagen sich, spielen im Grünen unter den alten Eichen, dass es eine Lust und Freude ist. Gehen Sie mit?
Louis nickte stumm ...
Sie tun's nicht gern! Es ist Ihnen nicht vornehm genug!
O meine gute Franchette! sagte Louis.
Aber Sie geben Ihr "Ja" so betrübt ...
Ach, ich denke an mein Vaterland, ich denke an die kleinen Freuden, die die Armen auch in Lyon und Paris geniessen. Wie hab' ich diese Sonntage geliebt! Die teure Schwester, die nun die Erde deckt, war die Königin dieser kleinen Feste ...
Wenn es Sie aber traurig macht ....
Nicht traurig! Nicht um die Vergangenheit bin ich gerührt. Die ist begraben. Es bewegt mich, dass Ihr in diesem land gerade so denkt und fühlt wie wir! Eine Kette ist es doch, die uns Alle umschliesst in Nord und Süd. Ob Ihr nun in dumpfen Höhlen bei der Lampe arbeitet oder wir an den niedergelassenen grossen Fensterladen unserer luftigen Häuser ... Ihr versammelt Euch am Tage der Ruhe zur Freude wie wir. Wir tanzen unter Nussbäumen; Ihr vielleicht unter Eichen; wir verwechseln im Verwechsel-Spiele Ahornbäume, Ihr vielleicht Tannen; Ihr kränzt Euer Haupt mit Kornblumen, wir kränzen uns mit Weinlaub und wildwachsenden Blumen, die bei Euch nur in Treibhäusern gedeihen; aber die Freude ist dieselbe, der Trost ist derselbe, die Pause ist dieselbe, wo sich die Arbeit erholt und in ihren