ihr etwas gelegen sein müsste, träte ein! Dass Der, an dessen Urteil ihr selbst am meisten gelegen war, sie selbst hier hatte eintreten lassen, tröstete sie und die erste Beklemmung wich bald einem froheren Gefühle.
Franziska, begann Louis Armand mit bescheidener Zurückhaltung und ohne den mindesten Anschein, als könnte er die gewagte Situation zu seinem Vorteile benutzen wollen, Franziska, haben Sie meine kleinen Verse erhalten?
Ich wollte Ihnen dafür danken, sagte Fränzchen schüchtern, aber ich fand nichts, was Ihrem Geschenk würdig antwortete.
Das kleine Gedicht ist in der Teilnahme gedacht worden, die ich für ein weibliches Gemüt empfinde, das sich vom Schicksal auf die grosse Aufgabe angewiesen sieht, unter Entbehrungen die Tugend zu lieben. Ich bin betrübt gewesen, Franziska, dass Sie die Gefahren selbst aufsuchen, denen nicht jedes Herz zu trotzen im stand ist!
Fränzchen schlug errötend die Augen nieder.
Sie besuchen die nächtlichen Bälle –
Herr Armand ... war Alles, was Fränzchen stottern konnte.
Sie haben auf einem Ball, der bis tief in die Nacht währte, jenen Landsmann von mir kennen gelernt, der, wenn er Ihnen den Unterricht, den Sie von ihm empfingen, ganz ohne Entschädigung gab, sehr von der natur meiner Nation abweichen muss.
Ohne Entschädigung? Wie meinen Sie Das, Herr Armand?
Der junge Soldat, den ich heute bei Ihnen traf, ist, ich weiss es, unglücklich, dass er den Platz, den er in Ihrem Herzen sucht, von Herrn Sylvester besetzt findet.
Fränzchen hätte über diese Worte weinen mögen. Sie fühlte nun, wie sie Louis Armand erscheinen musste. Sie erkannte, wie unvorsichtig sie sich dem Urteile der Welt ausgesetzt hatte; wer wusste denn, warum sie Herrn Sylvester's Besuche geduldet hatte!
Statt aller Antwort riss sie das Billet auf und gab es Louis zu lesen.
Dieser sah sie voll Zärtlichkeit an und lehnte es entschieden ab, in ihre Geheimnisse zu dringen.
Meine liebe Franchette, sagte er mit dem sanften Tone wieder, der dem deutschen Mädchen einst so wohlgetan hatte, weil die Deutschen in der Sphäre, wo sie lebte, noch nicht jene Weichheit und graziöse Zurückhaltung besitzen, die in Frankreich bei den Arbeitern schon die Folge der grossen gesellschaftlichen Umwälzungen geworden ist. Liebe Franziska, wie darf ich ...
Lesen Sie! sagte Franziska entschieden.
Als Louis zögernd gelesen hatte, sagte er:
Sie lehnen den ferneren Unterricht dankbar ab. Ihre Zeit, Ihre geringen Talente, sagen Sie, verhinderten Sie daran ...
Drinnen hustete es jetzt so stark, dass Franziska hätte aufspringen mögen und sagen: Das ist ja Herr Sylvester!
Wenn Sie der Sprache meines Landes die Ehre antun wollen, sagte Louis lächelnd, sie zu erlernen, so würde' ich mich gern zur Fortsetzung des Unterrichts erbieten; allein Sie haben Ursache, den jungen Sergeanten, der Sie auf einem nächtlichen Balle kennen lernte, zu schonen ...
In diesen ruhig gesprochenen Worten lag doch eine Bitterkeit, die Franziska so verwundete, dass sie hätte aufschreien mögen. Mit leidenschaft für sich das Wort zu ergreifen, war sie aber nicht im stand. So blieb ihr nichts übrig, als zu weinen.
Sie verkennen mich! sagte sie mit erstickter stimme.
Louis sah zur Erde nieder. Aufzuspringen, sie zu umarmen, ihr zu Füssen zu fallen, wagte er nicht. Was konnte er ihr bieten? Eine Trennung von der Heimat. Ein ungewisses los auf fremdem Boden, wo sie allen neuen Lebensbedingungen vielleicht erlegen wäre? Ihn selber band es an Egon's künftigen Lebenslauf. Wusste er, wohin ihn dieser noch einst führen konnte! Er traute auch seiner Teilnahme für das junge Mädchen nicht. War es Liebe, war es Mitgefühl für ihr Wesen, das er bisher so still und sittsam erkannt hatte? Er gehörte, das hatte er oft schon hören müssen, zu jenen, jetzt so vielfach anzutreffenden Menschen, die in der Reflexion heimischer sind als in der Welt der Tat. Jede Sphäre, auch die unterste, hat ihre Hamlet's aufzuweisen und die französische Nation hat sich seit dreissig Jahren völlig verändert.
Da Louis nichts tat, die peinliche Situation zu erleichtern, so fühlte sich Franziska sittlich gezwungen und durch die Wahrheit ermuntert, für sich das Wort zu ergreifen. Sie erzählte ihm denn in der Kürze so viel, als nötig war, um die Veranlassung, die sie auf einen der berüchtigten Fortunabälle geführt hatte, in einem für ihre Moralität günstigeren Lichte erscheinen zu lassen. Sie konnte die ganze Wahrheit nicht sagen, daran verhinderte sie die Rücksicht auf Louise Eisold. Aber auch die Umstände, die sie erwähnen zu dürfen glaubte, reichten hin, in Louis jeden Verdacht niederzuschlagen. Er reichte ihr in freudiger Bewegung seine Hand und bat sie um Verzeihung.
Warum sind Sie aber nur so streng gegen mich? sagte sie lächelnd, als er die Hand in der seinen hielt.
Louis konnte der Liebenswürdigkeit dieses Blikkes, dieser Frage, dieses Lächelns nicht widerstehen. Ohne sich jedoch fortreissen, von seiner aufwallenden leidenschaft bewältigen zu lassen, nahm er Fränzchen's Hand, streifte den Ärmel ihres Kleides etwas zurück und drückte einen innigen Kuss auf die Stelle, die der Handschuh dort frei liess.
Fränzchen wurde es dabei so wunderlich, so selig war ihr zu Mute, dass sie nun nicht anders als laut lachen konnte. Es war die herzlichste, innigste Freude, die in ihrer Brust überwallte,