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Schuld, gegen sie sprechende Beziehungen zu verwickeln, betrat sie die Wallstrasse. Da sah sie wieder ihr Haus, Armand's leuchtendes Schild und jenes Fenster, wo es ihr vor noch nicht viel über eine Stunde gewesen war, als hätte sie an ihm etwas entdeckt, was Herrn Sylvester's kopf so ähnlich geschienen, dass sie im ersten Augenblicke dachte: Da ist Herr Sylvester bei Louis Armand selbst zum Besuche! Sie sprechen über die Bestellungen für jene Gräfin, über dich! Louis verurteilt dich, ohne dich gehört zu haben!

Was tut es, dachte sie, als sie in die Hausflur trat, du klopfst oben bei der Frau an, die so glücklich ist, alle ihre Zimmer nun vermietet zu haben, du frägst, wer neben Louis Armand jetzt wohne ... Ohne weiter zu zögern, stieg sie die Treppe hinauf. In dem Augenblicke hörte sie oben eine Tür zuschliessen. Sie wandte den Kopf, sah hinauf; es war Louis, der eben im Begriff schien auszugehen. Sie zögerte. Sie war so erschrocken, dass sie umwenden wollte. Indem hatte sie aber Louis schon bemerkt.

Ah, Mademoiselle, rief er angenehm überrascht und über die ernsten Gesichtszüge, mit denen er seinen Zettel an der Tür, der jede Bestellung während seiner Abwesenheit an den Tischler Märtens im Hinterhofe verwies, flüchtig übersah, flog ein Strahl sanfter Freude. Wie kommen Sie hierher, Mademoiselle?

Fränzchen stotterte etwas, sah auf ihren Brief und wusste vor Verlegenheit nicht, welche Ausrede sie finden sollte.

Louis blickte auf den Brief und war erstaunt eine französische Adresse zu lesen: A Monsieur Monsieur le Professeur Sylvestre de Paris ...

Die Worte waren ganz ortographisch geschrieben.

Haben Sie Das geschrieben, Franchette? fragte Armand.

Ja, antwortete Fränzchen schüchtern. Der Herr ist in dieser Zeit mein Lehrer gewesen. Ich wollte ihm schreiben, dass ich kein Talent für Sprachen habe und ihn bäte, nicht mehr zu kommen.

Nicht mehr zu kommen? Warum, liebe Franchette? Kein Talent?

Fränzchen hatte jetzt keine Antwort. Sie blickte verlegen bald auf die Stufen, auf denen sie noch stand, bald über das Geländer hinüber an die Tür, welche Louis eben verschlossen hatte und die Nebentür.

Wer wohnt da? fragte sie. Ich sehe eine Karte an der Tür.

Kommen Sie, wir wollen lesen, liebe Franchette!

Fränzchen stieg die Treppe nun ganz hinauf und hörte, dass Louis schon sagte:

Ein Italiäner ist mein neuer Nachbar! Lesen Sie!

Fränzchen sah auf die angeheftete Visitenkarte und fand die einfachen Worte:

Signor Barberini.

Signor Barberini! wiederholte sie und sprach für sich: Der ist es nicht.

Es konnte Louis nicht entgehen, dass Fränzchen in Verlegenheit und einer gewissen Aufregung war .... Er wollte zu Egon, um mit ihm zu speisen, da hatte er wohl noch eine halbe Stunde Zeit, um die gelegenheit zu benutzen, einige Worte mit einem Mädchen zu wechseln, zu dem er sich so innig hingezogen fühlte und das ihm durch diese lange, von ihm nicht verschuldete Trennung auf eine sein Inneres beklemmende Weise entrückt war.

Ohne lange zu zögern, schloss er die Tür seiner wohnung auf und schlug Franziska vor, einen Augenblick bei ihm einzutreten.

Sie sah ihn mit grossen Augen an, als wollte sie sagen: Ist Das erlaubt? Darf ich Das? Und wenn ich es wagte, weil ich dich liebe, würde' es mich denn auch bei dir nicht herabsetzen?

So viel Gedanken und Empfindungen in einem einzigen Augenblicke ausgesprochen, müssen einem grossen, braunen, von schwarzen Wimpern beschatteten, mit schwarzen Brauen umrandeten Auge wohl einen mächtigen Zauber geben. Wie diese beiden kleinen krystallenen Kugeln so zitternd und wie lebendig gewordene Worte auf Louis ruhten, fühlte sich dieser feurig bewegt, schlug leise seinen Arm über des Mädchens Schulter und sagte:

Meine liebe Freundin! sechs Wochen Trennung! Sie haben mich vergessen!

In diesem Augenblick stand die Tür schon auf und Fränzchen wurde geblendet von dem schönen Anblick. Das elegante, weisstapezirte Zimmer hatte keine andern Möbel als rings an den Wänden einige mit rotem Plüsch überzogene Divans und einige Tabourets von gleichem Zeuge. An den Fenstern hingen weisse grossgeblumte Gardinen mit goldbronzenen Haltern. An den Wänden sah man Spiegel mit goldenen Rahmen und grosse Cartons mit Rahmenmustern in den geschmackvollsten Formen. Auf einem grossen Tische in der Mitte des Zimmers lagen Zeichnungen, Goldleisten und die zierlichsten Holzschnitzereien.

Und dennoch würde sich Fränzchen von dem schönen Anblick nicht haben sogleich blenden lassen und eingetreten seien, wenn sie nicht plötzlich im Nebenzimmer ein gewisses Husten gehört hätte. Dies Husten erinnerte sie schreckhaft an den Professor Sylvester. Er behauptete, sich seit dem Fortunaball einen unausrottbaren Katarrh geholt zu haben, schmähte über das Klima dieser wilden Gegenden des Nordens und hustete oft so ununterbrochen, dass er, um sich zu erholen, aufstehen und einen gang durch's Zimmer machen musste. Ganz diesem Husten ähnlich klang es jetzt von der dünnen Wand her, die dies Geschäftszimmer des jungen Franzosen von der wohnung des Signor Barberini trennte. Darüber betroffen nachgrübelnd folgte sie fast willenlos der Aufforderung ihres ernsten und so liebevoll bittenden Gönners, dass sie zuletzt in seinem Zimmer war, sie wusste nicht wie. Mit welcher Pein sank sie auf eins der zierlichen roten Tabourets nieder! Wie bebte sie, wenn sie sich dachte, die Tür, die Louis eingeklinkt hatte, könnte aufgehen und irgend Jemand, an dessen guter Meinung von ihr