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, als könnte er blank nicht fünf zählen ....

Was? sagte Dankmar. Eine gute Magd, die so ihren Herrn verleugnet?

Liese wurde rot.

Ich merkte schon lange, setzte Dankmar scherzend hinzu, dass Liese mit ihrer herrschaft nicht im Reinen ist ....

Ach, sagte das schon ältere Mädchen, der Heidekrüger ist ein braver Herr, aber zu hoch studirt. Wie ich herzog zu ihmes sind jetzt an acht Jahre, die Frau Heidekrügerin lebte damals nochging Alles nach der Schnur; denn die Frau führte das Regiment. Als sie starb, wollt' ich fort, weil mir der Herr zu hochgestapelt war und für Unsereins kein Gehör hat ....

Der Heidekrüger hochgestapelt? Kein Gehör? Ein Volksmann? sagte Dankmar.

Ich liess mich beschwatzen und blieb, und es ging auch, weil Die von der Polizei dem Herrn alle Bücher weggenommen hatten und auch einige gute Freunde von ihm im Loche sitzen mussten. Da liess er die grossen Staatssachen und das Geschäft hier kam wieder in gang. Aber seit ein paar Monaten ist wieder Alles im Brand. Nicht eine vernünftige Antwort hat man von dem steifen Mann. Was soll ich da? Ich will in einen andern Dienst.

So, so, Liese! Nun, als ehrlich kann man Sie empfehlen. Was soll die gefüllte Börse?

Hackert stand in einiger Entfernung und horchte halb herüber.

Der Justizrat wollte die Börse dem Heidekrüger geben, dass er die Zeche abzieht und den Rest da an den ...

An meinen Kutscher ... sozusagen ...?

Ja Herr, an den ...

Sie blinzelte Dankmarn zu, als wenn man nicht recht wisse, wie man mit dem gespenstischen jungen Menschen dran wäre und ihn näher bezeichnen solle ....

Schon gut, sagte Dankmar, der steife Heidekrüger hat viel Vertrauen zu seiner ungetreuen, unpolitisch gestimmten Liese ....

Gezählt hab' ich's nicht. Aber Das merk' ich schon, es ist mehr als mein ganzer Lohn auf drei Jahre beträgt. So nehm' er doch! Damit wandte sie sich, fast collegialisch, wieder an Hackert und brummte etwas vom Hans Narren.

Hackert wies sie finster zurück.

Als Dankmar zureden wollte, bat er ihn ungeduldig, endlich einzusteigen und die Gans schnattern zu lassen.

Gib mir den Beutel, setzte er noch rasch hinzu und betrachtete die Häkelarbeit der Börse. Es war rote Seide mit Gold durchzogen, das Ganze sehr kunstvoll durcheinandergewirkt. Lass mir den Beutel! Behalte nur getrost das Übrige; Verräterin, die ihren Herrn verleugnet!

Als ihm die Magd den Beutel reichte, schüttete er den ganzen Inhalt erst in seine volle Hand und sagte wirklich:

Halt' die Schürze auf, Hexe!

Dann warf er die aus Gold- und Silberstücken bestehende bedeutende Summe der Liese in den Schoos und murmelte:

Die Börse will ich behalten. Was drin war, gib entweder deinem Herrn, er soll's dem Schlurck wiederzustellen, oder behalte es selbst.

Ich will nichts behalten. Wir stehlen hier nicht, antwortete die Magd, empfindlich über Hackert's grobes Benehmen und sein ... Anhexen.

Ist Sie grossmütig? Eine Tugendprahlerin? So gibt sie auf heller und Pfennig, fuhr Hackert fort, dem Heidekrüger das Geld da oder stellt in meinem Namen, in Fritz Hackert's Namen, hört Sie, Fritz Hackert's, dem Justizrat Schlurck das Ganze zurück, wenn er des Weges kommt, oder schickt's ihm. Verstanden?

Lateinisch redet Ihr nicht! brummte die Magd ärgerlich und zugleich doch aufs äusserste erstaunt.

Der Herr da will zahlen, fuhr Hackert resolut fort, indem er Dankmarn, der ihm jetzt ernstlich das Geld zu behalten zureden wollte, die Rede abschnitt. Was ist er schuldig?

Einen Taler fünf Groschen, sagte die Magd, und überreichte eine Rechnung.

Dankmar nahm einen der Hackert'schen Scheine aus seiner tasche, nicht ohne Verlegenheit zu ihrem seit der Nacht ihm wieder unheimlichen Darleiher hinüberblickend. Hackert erwiderte diesen blick und schielte, indem er die Rechnung einsteckte, zu den Talerscheinen, als kennte er sie. Ist der Nachtwandler verschwenderisch und geizig zugleich? dachte Dankmar und wusste sich diesen Gegensatz nicht zu reimen. Doch war Hackert's blick auf den Inhalt seiner Rocktasche nur ein flüchtiger. Die von der Magd erhaltene Börse fesselte ihn lebhafter. Er betrachtete die Häkelarbeit mit der Andacht eines Menschen, der an der Echteit einer Reliquie deshalb nicht zu zweifeln wagt, weil er das tiefe Bedürfniss fühlt, sie zu verehren. Wäre Hackert allein gewesen, er hätte die Börse, deren Inhalt er so stolz verschmähte, vielleicht geküsst. Mindestens betrachtete er sie mit andächtigster Teilnahme.

Jetzt hinter einem mann zu sitzen, von dem er wusste, dass er bei Nacht im Schlafe wandelte, war Dankmarn natürlich peinlich genug. Die Erinnerung an die Erlebnisse der vergangenen Nacht überhaupt und die aufregenden gespräche trat verworren und wüst in ihm auf. Der Gedanke an seinen eigentlichen Reisezweck, die Wiederentdeckung eines ihm verloren gegangenen wertvollen Besitzes, würde vielleicht in den Hintergrund getreten sein, wenn Schlurck's Reden ihn nicht aufs lebendigste geweckt hätten. Was er in diesen Tagen nur über die alten zeiten schon in dem Tempelhause von Angerode nachgedacht hatte, stimmte mit den Äusserungen Schlurck's, das Wesen der Ordensgesellschaften betreffend, merkwürdig zusammen. Ihm freilich waren die alten Templer nur in dem verklärten