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nun tun sollte. Schon war sie im Begriff gewesen zu gehen, schon zitterte sie jetzt vor Angst, ob sie nicht hülfe rufen sollte, als die Stubentür von innen aufgestossen wurde und ein junges, schlankes, schöngebautes Frauenzimmer eine Alte mit einem einzigen atletischen Wurfe über die Schwelle schleuderte und scheinbar kalt, aber zornglühend, sogleich die Tür wieder zuschlug und von Innen mit den Worten verriegelte:

Das ist für Den mit den Nankingkamaschen!

Dass hier Herr Sylvester nicht wohnen konnte, sah Fränzchen nun wohl und wollte entfliehen.

Die Alte aber schrie ihr nach:

Mamsell! fräulein! hören Sie! Warten Sie!

Und während sich Franziska nur umsah, hatte die Alte sie schon mit ihren schwarzen Pechkrallen gepackt und überschüttete sie unter lautem Geschrei mit den Worten:

Sie hat mir eine Rippe zerbrochenSie müssen's bezeugenMamsell, Sie haben's gesehen!

Liebe Frau, lassen Sie michbat Fränzchen flehentlich.

Sie hat mich morden wollenSie haben's gesehenSie müssen's beschwören!

Bitte, ich bin hier fremdich suche nur ... ich hatte einen Brief hier

Ich reiss' Ihnen den Brief weg, wenn Sie mir nicht sagen, wer Sie sind!

Fränzchen versteckte ihren Brief mit Blitzesschnelle und rief:

Um Gotteswillen, was wollen Sie denn von mir, liebe Frau?

Die Alte packte Fränzchen und krächzte:

Bezeugen sollen Sie's, beschwören müssen Sie's, dass sie mich hat würgen wollen! Die Kehle hat sie mir zugeschnürt mit ihren Diebsfingern! Da sind noch die Krallen in meinem ehrlichen Halse! Wie heissen Sie? Gott! Sie hat mir eine Rippe zerbrochen ... Ich habe den Tod weg ...

Fränzchen wurde jetzt mitleidig und schickte sich schon an, ihren Namen zu sagen, als wieder die Alte sie packte und rief:

Wo wohnen Sie? Wer sind Sie? Sagen Sie's oder Mamsell, ich lasse Sie nicht los und sollten die Strassen zusammenlaufen. Ach! Ach! Mir wird schwach ...

Herr Gott! Was ist Ihnen? Soll ich Sie nach haus fahren lassen? Wohin denn?

Wer sind Sie?

Die ängstlichen fragen der von einem merkwürdigen schauspielerischen Talente der Flickschusterin getäuschten Fränz, mit wem denn sie die Ehre hätte, beantwortete diese:

Ich bin die Mullrich, Vizewirtin von der Brandgasse Nr. 9. Mein Mann ist von Profession ein Schlosser, von Gewerbeschein ein Schuster, steht aber bei der Polizei als Offiziant und ich bin die Vizewirtin. Diese Mörderin heisst Auguste Ludmer! Das bringt sie auf zehn Jahre in's Criminal! Wie heissen Sie, Mamsell?

Wenn es Sie beruhigen kann, ich heisse Franziska Heunisch ...

Franziska Heunisch! Und Ihre wohnung?

Wallstrasse Nr. 14. Beim Tischler Märtens.

Beim Tischler Märtens! Ach du mein Heiland ... Das will ich mir merken. Ach ich sterbe ... Da hab' ich doch meine Satisfaction! O, o, diese Creatur! Sie haben's gehört, dass ich hülfe geschrien habe? Sie haben's gehört?

Leider! Leider!

Sie haben's gesehen, dass sie mich mit Füssen getreten hat ...

Mit Füssen getreten? sagte Fränzchen, erschrocken über die Abweichung von der Wahrheit.

Mit Füssen getreten, geschunden, gekratzt hat sie mich!

Damit heulte die Vizewirtin aufs neue.

Fränzchen wollte entgegnen, die Lebhaftigkeit der Phantasie dieser Frau berichtigen, allein der Lärm hatte alle Dienstmädchen des Hauses, alle Comptoirdiener der untern Läden zusammengerufen und in der verzweifeltsten Beschämung, sich hier in eine so widerwärtige Begebenheit verwickelt zu sehen, gab sie Alles zu, um nur fortzukommen.

Glücklicherweise gelang ihr Dies. Während Frau Mullrich den Umstehenden ihre Schicksale mit diesem "abscheulichen Frauenzimmer oben" ausführlich und übertrieben erzählte, fand sie eine günstige gelegenheit, davonzuschlüpfen .... Die Königsstrasse ist so lebhaft, dass sie bald unter den Menschen verschwand und von ihrer Verfolgerin, deren Krallen sie noch immer im Nacken fühlte, nicht mehr entdeckt wurde. Ihren Namen, hoffte sie, würde sie vergessen haben. Sie entsann sich, dass dies der wachende Hausdrache bei Louise Eisold gewesen war, und bedauerte nur, wie sie nun wohl kaum jemals wieder würde versuchen können, jenes Haus zu betreten! Wie schöpfte sie mit angstbefreiter Brust Atem, als sie wieder frische Luft und Sonne und Sicherheit um sich hatte!

Anfangs fühlte Fränzchen, erlöst von der eben überstandenen Pein, nur im geringeren Grade die unangenehme Täuschung, die sich Herr Sylvester mit ihr erlaubt hatte. Als sie sich aber wieder ihrer wohnung näherte, ärgerte sie es denn doch empfindlich, dass dieser ihr jetzt vollends abscheuliche Mann sich vielleicht einer falschen Adresse bedient hatte. Sie konnte nicht glauben, dass er da gewohnt hatte, wo jener Zank vorgefallen war ...

Das entschlossene zweideutige junge Frauenzimmer hatte sie wohl erkannt! Es war jene schmuckbehangene Auguste Ludmer vom Fortunaball gewesen, die mit dem Glockenschlage vier von den Agenten der Polizei mit jenem älteren mann verhaftet wurde, den sie nun schon unter dem Namen eines Engländers Murray kannte ... Wie überlief es sie kalt bei dem Gedanken, dass sie mit solchen Menschen vor Gericht treten sollte, zeugnis ablegen, ja nur mit ihnen zusammen genannt werden!

In dieser Qual, vor Louis Armand's Augen immer tiefer sich in einen falschen Schein zu stellen, immer mehr sich in ungünstige, ohne ihre