war ihr gleichsam auf der Zunge liegen geblieben; sie war ihn nicht los geworden.
Jeden Augenblick konnte Herr Sylvester sich nun wieder sehen lassen. Wie leicht möglich, dass er mit Armand zusammentraf!
Erschrocken über diese Möglichkeit entschloss sie sich, ihm zu schreiben. Wusste sie auch seine gegenwärtige wohnung nicht, so kannte sie doch genau seine frühere, Königsstrasse Nr. 13. Sie hoffte dort schon erfahren zu können, wo sie den Brief würde abzugeben haben.
Einen Brief! Einen Brief schreiben Menschen, die wie Franziska Heunisch in beengten Verhältnissen leben, nicht so schnell wie Leute, die sich die Welt, in der sie leben, früh mit dem Gänsekiel erweitern. Nicht etwa wegen der Gedanken. Die lagen ganz klar und wohlgeformt schon im kopf des jungen, sich immer mehr entwickelnden Mädchens. Aber die Schreibmaterialien! Der ganze Umstand dabei! Was fehlte nicht Alles!
Sie nahm rasch ihren Hut, schlug ein leichtes Flortüchelchen um den Hals, klinkte die Tür leise auf und schlich die Treppe hinunter, um eine geschnittene Feder, Oblaten und Papier zu kaufen. Mit diesem Reichtum sprang sie in ihren Hinterhof zurück, nicht ohne einen blick zu dem goldnen "Louis Armand, Vergolder" hinaufzuwerfen, nicht ohne einen sonderbaren Schreck, den sie hatte, als neben dem mit Gardinen verhangenen Fenster ihres angebeteten Freundes aus einem andern Fenster ein Kopf rasch sich zurückzog, bei dem es ihr doch fast war, als hätte sie ausrufen müssen: Himmel, Das ist ja Herr Sylvester!
In der Hausflur blieb sie eine Weile ganz betroffen stehen. Bald entdeckte sie aber in ihrer Erinnerung an diese plötzliche Erscheinung ein verschiedenes Haar und manches andere von Herrn Sylvester Abweichende. Sie musste sich oben sagen: Du bist so lebhaft mit der Vorstellung an deinen Brief beschäftigt, dass du nichts hörst und siehst als Die Menschen, die dich armes Kind wie einen Spielball hin- und herwerfen!
Als sie wieder oben war, fand sie Alles so still und schlummernd, wie sie die kleinen Zimmer verlassen. Sie erschrak, dass sie ihr Nähtischchen nicht verschlossen hatte, doch fand sie Alles unversehrt. Sie hatte jenes Gefühl, das uns in solchen Augenblicken sagt: Ohne Leben war es inzwischen in dem stillen raum doch wohl nicht! Kleine Geister huschten gewiss auf und ab, lasen, was sie nicht sollten, kramten, wo sie nicht durften, legten aber Alles ganz wieder so unversehrt hin, als wäre nichts geschehen!
Jetzt wollte sie schreiben und erschrak, dass sie die Tinte vergessen hatte. Es war ein Gefäss dafür da, es stand immer in der Ofenröhre, aber es war eingetrocknet ... Sie goss wasser dazu und rührte mit einem Spahn den schwarzen Brei um. Er gab hinlängliche Flüssigkeit, um einen kurzen und bündigen Brief zu schreiben.
Als sie fertig war, schloss sie das Geschriebene mit einer von den neugekauften Oblaten. Sie hatte, so oft sie in ihrem Leben schon Briefe geschrieben und mit bunten Oblaten gesiegelt hatte, immer solche Farben für diesen Zweck gewählt, wie sie dem Verhältnisse, an das sie schrieb, zukamen. Fröhlichen Menschen und Freunden leichter Art, dem Onkel nach Plessen, siegelte sie mit roten Oblaten; Treuen, Beständigen mit blau; an Louis Armand hätte sie gewiss eine grüne Oblate, die Farbe der Hoffnung gewählt. Für den Professor Sylvester wählte sie eine gelbe.
Glücklicherweise erwachte jetzt die alte Märtens. Fränzchen konnte also ihrem Drange sogleich folgen und den fertigen Brief in die Königsstrasse Nr. 13 tragen. Sie ordnete das Band an ihrem hut, ihr Haar, sie legte sich einen hübschen gestickten Kragen um den schönen, etwas brauninkarnirten Hals, nahm die weisse Florecharpe gar zierlich über Schulter und arme, zog sich ein paar alte, aber sehr gepflegte dunkle Handschuhe an, verbarg den Brief in einem Taschentuche und machte sich mit der Erklärung, sie käme in einer kleinen halben Stunde wieder, auf den Weg. Die Trau Tischlermeisterin hatte es gern, wenn das junge Mädchen, dem sie im Ganzen sehr zugetan war, sich nach Tische etwas "Motion" machte. Sie nannte sie "versessener" als sie sein sollte.
Franziska war es als brennte der Boden unter ihr. Sie fühlte, da sie nun den geliebten Freund wiedergesehen und er sie mit fragendem teilnehmendem Schmerze betrachtet hatte, dass sie Alles aus dem Wege räumen müsse, was sie möglicherweise von Louis' Vertrauen trennen konnte. Auch mit Heinrich Sandrart gedachte die kleine Schönheit kurzen Prozess zu machen und überlegte sich schon den Brief, den sie auch an diesen gleich nach des Onkels Abreise schreiben wollte. Von einer Mitreise nach dem unheimlichen Forstause, in den engen Wald, wo die gelben Blumen auf dem Sumpfe und die weissen Zuckerkügelchen auf den gestrichenen Zwetschenbroten ihr eine grauenvolle Erinnerung boten, war jetzt, wo ihr Louise Eisold den "Mut des Herzens" eingeflösst hatte, keine Rede.
Fränzchen kam in die lange geräuschvolle Königsstrasse und suchte nach der Hausnummer. Sie fand sie bald. Es war ein grosses stattliches Haus mit vielen Stockwerken und mit einer grossen Anzahl von Fenstern. Ein Hinterhaus war nicht sichtbar. Sie hatte geglaubt, die erste Anfrage schon würde ihr die Klingel zeigen, wo sie ihr Briefchen abgeben könnte. Unten waren nur Läden, im ersten Stocke wohnten die Besitzer derselben. Im zweiten verwies man sie in den dritten. Niemand kannte einen Professor Sylvester. Niemals hatte ein französischer Sprachlehrer dieses Namens hier gewohnt. Der Gedanke, dass sie von diesem zweideutigen mann