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sie, er muss das Geld mitnehmen. Schön! sagt' ich, Urschel. Wie viel denn? Alles? Alles? Urschel gut!

Die Erbschaft von dem Bruder aus Amerika? warf Frau Märtens, die über diese schon unterrichtet war, dazwischen.

Die Erbschaft von dem Bruder aus Amerika! Das Geld, sagte sie, nimm mit und schlag's nur in eine Windel; und leg' er's auch noch in einen Korb und dann geh' er an die brücke, wo das Waisenhaus liegt! Gut, sag' ich, Urschel, ich gehe an die brücke, wo das Waisenhaus liegt. Husch, schrie sie dann, in's wasser! In's wasser? Donnerwetter, sagt' ich, Urschel, Geld wirft kein Mensch in's wasser. Was sollen denn die zweihundert Louisdors in's wasser? Da schwieg sie, weil ich sie so wieder auf meine Art gefangen hatte.

Märtens lachte über die Klugheit des Jägers, seine Frau tadelte aber die rationelle Auffassung solcher dunkelen Dinge und sie meinte:

Man hat doch schon Exempel statuirt ...

Wo soll ich denn den Korb mit dem Geld hinsetzen, Urschel, fragt' ich, nun? Wohl mitten auf die brücke? Sie schüttelte den Kopf. Dann drüben an's Waisenhaus? Da nickte sie. Wo denn? Nun sah sie sich ängstlich um und flüsterte: Komm, es ist Alles still. Sie sehen's nicht. Hast du den Korb? Pst! Da steht eine Schildwacht. Hier bei der Laterne. So! Da! An dem Brunnen da liegt's! Husch! Mach nun fort! Fort! Fort!

Und das Alles können Sie bei nachtschlafender Zeit mit der Frau so zusammen diskuriren? fragte Madame Märtens und schüttelte sich.

Also da soll ich das Geld hinlegen, Ursula? sagt' ich, fuhr Heunisch unbekümmert um diese Frage fort. Sie nickte. Will's der Baron? Sie meinte: Ja! Will's auch die Gräfin? Sie nickte wieder. Gut, Ursula, sagt' ich, ich will mir's überlegen. Da lachte sie zufrieden, nahm ihr Licht und ging. Und nun raten Sie 'mal was Neues?

Ach mein Himmel, was denn? erschrak ordentlich Frau Märtens, als käme nun etwas Unerhörtes.

Wie ich hierher komme, hatte' ich gestern bei einem Kaufmann, der sich gutes Schiessmaterial hält, er heisst Hackert, etwas Vorrat für den Herbst einkaufen wollen. Such' ich den auf und finde ihn gerade gegenüber dem Waisenhaus. Da ist die brücke, da steht ein Schilderhaus, da ist die Laterne, da ist der Brunnen. Nun sag' ich doch, die Ursula war vor etwa zwanzig Jahren, ehe sie den Marzahn heiratete, wohl einmal einige Zeit in der Stadt, aber seitdem nicht wieder und sie hat's beschrieben, just wie's war, ganz deutlich; es war mir, als säh' ich den Korb dastehen an der Laterne, neben dem Brunnen, mit den Windeln und die zweihundert Louisdors darin und die Kinder schrieen im Waisenhaus ...

hören Sie auf! winkte die Tischlermeisterin, der es nun eisig überrieselte. Das Bild von Kindern, die im Waisenhaus vielleicht nach ihren Vätern schrieen, war ihr zu schauerlich.

Bei alledem ist die Ursula, schloss Heunisch, die beste Seele von der Welt. Sie sorgt für mich armen einsamen Kerl und meinen Nachmittagsschlafdenden hab' ich ihr auchden hab' ich ihr auch ... zu verdanken ... und die stube hält sie im Winter warm ... und reinlich ist sie auch ... und ihr Schrank ... ihr Schrank, den mag sie ... ihr Schrank ...

Diese Worte brachte Heunisch schon gähnend und wieder halb schlafend hervor. Er hatte wenig gegessen und nur mit beständigem Gähnen unterbrochen sich und den Tischgenossen durch seine Erzählung die Zeit vertreiben wollen. Der Rollsessel, auf dem er sass, war ein Grossvaterstuhl, der mit einem Ruck sich vom Tische fortbewegte und ihn in Schlummer sanft in die Nähe des noch nicht gefeuerten Ofens geführt hätte, wenn seine letzte Besinnung ihn nicht auf einen höflichen Gedanken an den alten Märtens gebracht hätte, der auch gern seinen Nachmittagsschlaf hielt. Er erhob sich also rasch, sagte: Gesegnete Mahlzeit! und warf sich ohne viel Umstände in der kammer auf Fränzchens Bett, wo er in einer Minute entschlummert war; der alte Märtens, unfähig sich von Gewohnheiten zu trennen, schnarchte im Grossvaterstuhl. Seine Gattin nickte etwas am Fenster, frei-schwebend, auf einem einfachen Stuhl mit hoher Lehne.

Fränzchen aber deckte, während Alles schlief, ab. Die Reste kamen in die Werkstatt zu den Lehrjungen.

Den Tisch stellte sie wieder aus der Mitte des Zimmers an die Wand und ihr Bett schützte sie denn doch vor des Onkels staubigen Stiefeln durch ein altes Tuch, das sie ihm behutsam unterschob. Dann begann sie, die um sie waltende Stille wahrnehmend, einen Gedanken auszuführen, der einigermassen Das, was sie bedrückte, erleichtern sollte. Sie entschloss sich, an Herrn Sylvester einen Brief zu schreiben.

Zehntes Capitel

geschichte eines Briefes

Fränzchen Heunisch hatte schon drei Tage auf Herrn Sylvester gewartet.

Dieser sonderbare Mann war nicht mehr gekommen.

Die wohlüberlegte Erklärung, die sie ihm hatte geben wollen, der in ihrem Sinne artig gewandte Dank