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Seine ersten Worte mussten der Frau Tischlermeisterin und ihrer Bildung eine sehr schmeichelhafte Anerkennung zu Wege bringen.

Immer, sagte er, wenn ich von der Schneidemühle und vom Feuer träume, schmeckt's mir den ganzen Tag nicht. Dann liegt mir's ordentlich wie ein Alp auf der Brust. Wenn nur die Marzahn nicht einmal das Haus ansteckt! Jede Nacht steht sie auf und leuchtet mir mit der Lampe in alle Winkel. Ich kann von Glück sagen, dass ich die Hunde zu haus liess. Erst wollt' ich den Packan und die Jette mitnehmen, die sind die wachsamsten und schlagen gleich an. Ja sie sind Gott sei Dank vernünftiger als die Alte! Seit sie von einem Bruder, der in Amerika gestorben ist, das Geld gekriegt hat, sieht sie alle Nacht Gespenster! Ei, Muttersche, sagt' ich ihr erst vor ein paar Tagen ganz fuchswild: Muttersche, Muttersche, ist sie toll? Ich schiesse 'mal drauf los, wenn sie wieder sagt: Da geht der Herr Baron über die Wiese und sucht unter der Eberesche seinen Erstgebornen!

Mann! Mann! sagte Madam Märtens und rückte

ihrem Gatten das gekochte Rindfleisch hin zum Zerschneiden; schweigen Sie still, Onkel! So etwas kommt Einem die Nacht vor, dass man nicht schlafen kann!

Sie erzählte darauf eine lange Gespenstergeschich

te.

Als sie zu Ende war, sagte Heunisch bedenklich,

wenn sie noch so fortmacht, seine Alte, so glaube er doch noch, es gäbe Hexen.

Wie sie hörte, ich wollte hierher und die Fränz

holen da mit ihrem Seidenhaar und dem starren, tückischen Sinn, kam sie mir in der Nacht, eh' ich fortmachte, an's Bett ...

Jesus! sagte die alte Märtens. Da hätt' ich den le

bendigen Tod gehabt!

Die Courage muss man zusammen nehmen! Heu

nisch, sagte sie, wenn er an's wasser kommt, weiss er, wo das Waisenhaus liegt, dann sagt doch: die Kinder sollten im Waisenhaus nicht so schreien!

Der alte Tischler lachte und schenkte von dem

Dünn-Bier ein, das einer seiner Lehrburschen, die des Gastes wegen nicht mit assen, auf den Tisch stellte.

Was für Kinder? fragte die alte Märtens voll Inter

esse mit dem Beisatze:

Diese Ursula ist wohl nicht recht gescheut?

Was für Kinder! antwortete Heunisch. So muss man da gar nicht fragen! Urschel, sagt' ich, schreien sie denn so die Kinder, dass du nicht schlafen kannst? Ach, sagte sie, ich kann wohl schlafen, Heunisch; aber der Baron kommt und sagt: Schwester, was schreien denn die Jungen so? Die Gräfin will's nicht hören ...

Die Gräfin! fragte wieder verwundert Madame Märtens.

Heute ist's eine Gräfin, morgen der Baron, dann das Nantchen von der Sägemühle und auch einmal die Line vom Gelben Hirsch. Das geht Alles da durcheinander und wenn mir's zu bunt wird, ruf' ich: Jette! – Das ist mein WindspielJette! Eins, zweidie Jette unterm Bett hervor ... angeschlagen ... ihr an die Strümpfe ein Bischen gekitzelt ... Dann schimpft sie über die Hunde und geht mit allen ihren Dummheiten zu Bett.

Die Tischlermeisterin starrte.

Heunisch, sagte aber ihr Mann und schenkte von dem Bier ein, das dem Onkel nicht munden wollte, dass Sie Das da im Wald so allein aushalten! Und schon die vielen Jahre!

Es erbarmt sich ja Keiner eines so alten Hundes wie ich bin! sagte der Förster mit einem scharfen Seitenblick auf seine Nichte, die kaum hörte und für sich träumte.

Frau Märtens besann sich jetzt von ihrem Schreck. Sie wollte das ihr nicht angenehme Tema der Mitreise nach dem Forstause nicht wieder anregen lassen, sondern setzte auf den Schrecken dieser Erzählung noch die Schrecken einer ihr bekannten wirklichen Hexengeschichte.

Als sie zu Ende war, konnte Heunisch von seiner Ursula Marzahn desto unbefangener fortfahren:

In der Nacht, eh' ich abreiste, kommt sie mir wieder mit dem wasser und dem Waisenhaus an. Und weil ich gerade vor Unruhe, wie immer, wenn ich was vorhabe, nicht schlafen konnte, so liess ich sie heute 'mal reden und rief nicht gleich die Jette. Von wem Urschel, sagt' ich, soll ich denn ein Compliment in's Waisenhaus sagen und die Jungens möchten ruhig sein? Von der Gräfin! sagte sie und blinzelte mit ihren kohlschwarzen Augen. Und der Baron will wohl auch nicht gern das Kindergeschrei? sagt' ich. Da lachte sie. Es können viele Menschen das Kinderschreien nicht leiden, meint' ich. Wem muss ich denn sagen, die Kinder sollten nicht so laut schreien? Ich dächte, fuhr ich so im Spass fort, ich sagt' es lieber gleich dem König. Was, Alte? Aber Das machte sie nun erst ganz verdreht. Was dabei der König sollte, verstand sie nicht und ganz ruhig geworden ging sie fort, wie ein bellender Hund, wenn man einen Stein von der Erde nimmt. Wenn Einer verrückt ist, muss man nur so tun, als wenn er ganz Recht hätte und dann geht er gleich in sich.

Der Tischler glaubte keine Wunder, als die in der Bibel stehen, seine Gemahlin schüttelte aber den Kopf und ermutigte den Förster, fortzufahren:

Gleich darauf kommt sie wieder und sagt: Heunisch, sagt