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Woher wissen Sie ...

Der schlafende Onkel da im stuhl erzählte dem Prinzen Egon Alles, was ihn glücklich und traurig macht.

Franziska sah zu dem schlafenden Förster, den der Madeira überwunden hatte. Jetzt konnte sie sich denken, was Louis Alles von ihr gehört hatte ...

Haben Sie den Onkel gesprochen? ... sagte sie mit gezogenen Worten und sehr kleinlaut.

Wie heisst denn Ihr Lehrer?

Herr Sylvester.

Sylvester? Das ist ein Vorname!

Ich kenn' ihn nur bei diesem Namen ...

Heinrich Sandrart wollte nun auch gesprächig, launig sein, sich in einem günstigen Lichte zeigen. Er fing an, Herrn Sylvester zu schildern ...

Doch hörte Louis nicht viel darauf. Er war zu bewegt, den niedergeschlagenen blick des jungen hocherglühenden Mädchens zu beobachten. Der Gedanke, dass sie Bälle besuchte und vielleicht von ihrer alten sittsamen Bahn gewichen war, drückte ihn peinlich.

Ein näher forschendes Gespräch war nicht möglich. Denn auch der alte Märtens kam nun von unten aus der Werkstatt herauf und jetzt gab es ein Begrüssen, ein fragen, ein Erkundigen, ein Dolmetschen und Vermitteln durch Frau Märtens, das endlos zu werden schien, aber den festen gesunden Schlaf des Försters nicht störte.

Auf diesen endlich Rücksicht zu nehmen, schien Louis eine notwendige Pflicht des Anstandes. Er ergriff seine Schiefertafel und wollte nach vorn gehen.

Frau Märtens sprach von den Wirtsleuten im Vorderhause. Wie er es mit seiner "Servirung" halten wolle? Ob er jetzt immer wieder "präsent" bliebe?

Ich denke wohl, sagte Louis Armand. Ich bedarf wenig. Mein Zimmer, wo ich die Proben meiner schwachen Talente ausgelegt habe, sieht wie der Eingang zu einem vornehmen Herrn aus. Nebenan hab' ich eine kammer, ein leichtes Bett, einen Riegel für meine Kleider und bin zufrieden, wenn mir die Leute vorn täglich nur frisches wasser bringen.

Wenn Sie etwas rekommandiren, sagte die alte Märtens, Herr Armand, so sagen Sie's nur.

Und ihr minder gelehrter Gatte setzte hinzu:

Ich glaubte, unsre Sachen sollten nun recht Hand in Hand gehen.

Mit aller Macht! antwortete Armand. Ich nehme meinen alten Plan mit Freuden wieder auf! Ich bleibe noch in dieser schönen Stadt, die ich nun erst kennen lernen will und gearbeitet muss nun werden nach Wohlgefallen.

Die Tischlermeisterin, die trotz ihrer Pfennigblätter nach beschränkter Leute Art auf einem und demselben gegenstand lange verweilte, sagte:

Es sind ganz accurate Menschen, die die Appartements vorne logiren. Heute nahm die kleine Frau das Intelligenzzettel von der Haustür und sagte wie ich gerade vom Markt komme: Gott sei Dank, nun ist Alles vermietet! Es ist eine reinliche Frau. Ihr Mann warwas begleitete er doch, Märtens?

Armand konnte die Abneigung des alten Märtens, auf ein so weitläufiges, wenn auch gebildetes Gespräch einzugehen, nur teilen. Franziska bot er die Hand. Diese gab ihm die ihrige. Da ihr das Blut zum Herzen drängte, war die Hand eiskalt. Er drückte sie teilnehmend und sah ihr fragend und forschend in's dunkle Auge, das sie zitternd und bewegt niederschlug. Heinrich Sandrart grüsste er leicht. So ging er.

Unglücklich Liebende sehen schwarz. Sie verdächtigen Alles, auch das Unschuldigste. Wer will dem jungen Sergeanten verdenken, wenn wie ein Blitzstrahl in den ohnehin gehäuften Zündstoff seines Mistrauens der Gedanke fiel, dass Fränzchen diesen Franzosen lieber haben möchte als ihn? Über diese Vermutung in Vorwürfen sich Luft zu machen, hatte er kein Recht. So blieb ihm nichts übrig, als sich noch einmal an Franziska voll Liebe und Teilnahme zu wenden.

Fränzchen, sagte er, gehen Sie heute Abend mit dem Onkel und mir in's Teater! Der Hauptmann gibt mir frei bis zehn Uhr. Es wird die Leonore gegeben, ein so schönes Stück für Soldaten und für Mädchen, die einen Soldaten gern haben können ...

Fränzchen aber, statt der Antwort, zeigte auf den Onkel, der plötzlich sehr unruhig schlief, kirschrot wurde und sich im Schlafe krümmend bewegte ...

Er träumt schwer! sagte Frau Märtens, die eben den Tisch zum Mittagessen deckte. Es drückt ihn doch nicht die Alpe?

Wirklich entfuhren dem Förster allerlei Ausrufungen, die einen lebhaften, drückenden Traum verrieten.

Fort! Fort! sagte er. Urschel fort! Urschel, sie soll! ... – Feuer! Feuer! Es brennt –! Sie soll ...

Damit riss er sich, unterstützt von der Tischlermeisterin, die von dem Druck der "Alpen" Schreckliches zu erzählen wusste, auf und erwachte.

Wird schon gegessen? sagte er rasch orientirt, hab' ich geschlafen?

Damit zog er die Uhr mit einem schönen Horngehäuse. Schon halb eins! sagte er.

Sandrart stand stumm und still. Er holte rasch seine Dienstmütze. Er hatte sich in seinem Flötenspiel und der Eifersucht auf den jungen, gewandten Franzosen verspätet. In der Angst, schon wieder eine Rüge "zu besehen", wie er's nannte, lief er davon. Fränzchen hatte ihm ohnehin schon durch ein Kopfschütteln den Besuch des schönen Soldatenstückes abgeschlagen.

Die Alte gab ihm das zeugnis hinterher:

Ein guter, aber "drömerischer" Mensch!

Die Unterhaltung beim Mittagsmahle war eben so spärlich wie das bescheidene Mahl selbst ... Die beiden alten Leute assen wenig, Fränzchen fast gar nichts und Heunisch hatte zu gut gefrühstückt und einen garstigen Traum gehabt