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, die ewige Fuchserei (namentlich "in dieser Zeit"!) nicht begreifen konnte, zu Fränzchen zu gehen.

Onkel Heunisch war sehr angeregt. Der freundliche Empfang des jungen Fürsten hatte ihm wohlgetan. Auch dem Madeira hatte er lebhaft zugesprochen. Er war etwas zum polternden Zank aufgelegt und wiederholte alle die schlimmen und ärgerlichklingenden Reden, die er schon mehrmals gegen Fränzchen ausgesprochen hatte.

Diese war ruhig und reizte ihn dadurch doch noch etwas mehr als nur zum Scherz. Endlich musste sich sogar Sandrart in's Mittel legen und ihn besänftigen. Brummend setzte sich der Jäger in einen Lehnsessel, liess sich, um seinen brennenden Durst zu stillen, von einem Burschen der Werkstatt leichtes Bier kommen, steckte eine Pfeife an, rauchte eine Weile, trank nun und entschlief. Sandrart nahm seine Flöte und blies: Ach, wenn du wärst mein eigen! Madame Märtens klemmte die Brille auf die Nase und studirte mit Wissbegier das neueste Hellerblatt, das sie mit dem Schneider drüben zusammenhielt. Dieser nickte, dankbar für die Flöte, herüber. Fränzchen nähte und malte sich hinter ihren Blumen aus, wie es wohl am nächsten Sonntag sein müsste, wenn es ihr recht, recht gefallen sollte ...

Plötzlich liess sie zitternd die Arbeit sinken. Sie hatte Jemanden kommen hören, sie vernahm eine stimme, die Flöte schwieg, der Onkel schnarchte leiser, die alte Märtens sprach über den Hof hinüber. Sie hätte aufschreien mögen, als sie hörte, dass drinnen im Zimmer die Alte aus dem Fenster erschrocken rief: Hat mir's doch geschwant! ... Sie sah hinaus ... Eben kam Louis Armand.

Eine Minute darauf war Louis Armand im Zimmer.

In bewegtester Spannung von Freude und Furcht erregt, wartete Fränzchen, ob Louis nach ihr fragen und zu ihr eintreten würde.

Wie peinlich war dem armen kind die Anwesenheit Sandrart's! Sie hätte ihn heissen mögen mit seiner Flöte zum Kuckuk gehen und nie wieder kommen!

Vor Unruhe, vor Verzweiflung, dass sich dies Wiedersehen so fügen, unter so ihre Neigung in den Schatten stellenden Verhältnissen begeben musste, konnte sie nicht sitzen bleiben. Sie stand auf, pflückte unruhig am Fenster welke Blätter von den Blumen und zerknitterte sie in der Hand. Sie nahm die Scheere und bohrte ein wenig in dem Sande der Töpfe und raufte einige verwelkte Blüten aus dem Kressenkasten.

Louis Armand sprach von seinem langen Ausbleiben, von seinem genesenen Freunde und gönner, von den Bestellungen, die er auf der Schiefertafel verzeichnet fand und etwas mühsam, mit hülfe der gelehrten Frau Tischlermeisterin entzifferte.

Wenn Fränzchen an die Möglichkeit seiner Liebe hätte glauben können, so würde sie gefunden haben, dass seine stimme bewegt war und bei dem Anblick des jungen Soldaten sogar wehmütig.

Aber wie konnte sie an seine noch ihr erhaltene Teilnahme glauben, da er kein Wort von ihr sprach, sich nicht nach ihr erkundigte!

Endlich mochte sie diesen Zustand nicht mehr aushalten. So sehr ihr Stolz widerstrebte, das liebekranke Herz zwang sie, ein Zeichen ihrer Anwesenheit zu geben. Noch wusste sie nicht, sollte sie tun, als hätte sie an ihrem Bett oder der Kommode etwas zu schaffen und rasch, ganz wie von ungefähr, an der geöffneten Tür vorüberschlüpfen, oder sollte sie etwas fallen lassen, das etwa soviel sagte, als: Hörst du denn gar nicht? Hier ist ja auch Jemand, dem sein Herz wie ein Hammer klopft und der dir am liebsten gleich um den Hals fallen möchte, wenn so etwas in dieser schrecklich anständigen Welt möglich sein dürfte!

Aus vielen Rücksichten und besonders deshalb, weil sie beim Vorüberhuschen an der Tür fürchten musste, zu ihm hinein zu müssen, gedrängt von ihrem Gefühl, entschloss sie sich, etwas fallen zu lassen und nun fragte sich nur, was? Die Scheere gab nicht Klang genug, obgleich die auseinanderfallenden beiden Schenkel der Scheere gleich sagen mussten: Das kann nur Franziska sein! ... Ein Nadelkissen mit Sägespähnen gestopft gab keinen Klang. Der Fingerhut war auch zu winzig. Da dachte sie an eine Zwirnrolle. Diese bot den Vorteil, dass sie fiel und gleich weit umher lief. Sie durfte ihr nachspringen und sich beim Suchen bücken, verwickeln. Und wenn sie sich bückte, war sie sogar nicht sicher, in das Nebenzimmer mit Gewalt hineingezogen zu werden.

Die Rolle fiel also und richtig! Man kam.

Aber leider gleich ihrer Zwei.

Louis Armand kam und Heinrich Sandrart.

Das hatte sie nicht bedacht, dass auch der junge Sergeant das Ohr spitzte und auf Alles lauschte, was sich nebenan begab.

Doch war es gut, dass sich Heinrich Sandrart fast am emsigsten bückte und Louis ungehindert war, Fränzchen die Hand zu bieten und ihr die Freude auszudrücken, sie wiederzusehen.

Ei! Leben Sie denn auch noch, Herr Armand? fragte sie. Wir glaubten schon, dass Sie nicht mehr an uns denken!

Louis warf einen teilnehmenden blick auf Sandrart, der die Zwirnrolle zurückgab und dem beim Suchen das Blut in die Wangen geschossen war.

Es ist viel von Ihnen gesprochen worden, Herr Armand, sagte Sandrart mit einer Art Eifersucht, um sich in das Gespräch mischen zu dürfen.

Fränzchen wollte schon sagen: Doch mit Ihnen wohl nicht? Sie unterdrückte aber die Bemerkung, weil sie ihr selbst zu schnippisch vorkam.

Louis sprach manches Freundliche, aber Unerhebliche, mit grosser Ruhe. Er prüfte Franziska, er sah Sandrart an. Endlich erwähnte er den französischen Unterricht.