Abschied vom Gelben Hirsch für den Prinzen selbst gehalten hatte.
Nun wusste er doch, wo er auch diesen Freund und gönner hinbringen sollte. Es war ein "Bekannter" des Prinzen! Diese Tatsache nahm ihm, als er Dankmarn rasch eilen sah, um Egon zu begrüssen, alle Skrupel. Es lag wieder das helle, goldne, klare Nichts vor seinen Augen; der ganze blaue Himmel schien in seine blauen treuherzigen Augen zurück und nur Heinrich Sandrart, der Sergeant, und das Fränzchen und der alte französische Sprachmaitre ... Die waren noch ein paar lästige Wölkchen für seine Behaglichkeit.
Er war von Egon und von dem frohen Wiedersehen des guten Ratgebers Dankmar in die Kaserne gegangen, um den Sergeanten abzuholen ...
In seiner Patentuniform, wie er sie immer trug, kam der Sergeant mit dem Förster mit, nicht ohne Hoffnung, Fränzchen würde doch wohl vielleicht dem Onkel zum Abschied eine für ihn tröstlichere Erklärung geben.
Der junge Krieger hatte eine freundliche Zusprache nötig, denn seit dem Fortunaball geschah Vieles, um seinen sonst so fröhlichen leichten Sinn zu kränken.
Sein rundes volles Gesicht, dem ein Bärtchen an der Oberlippe und ein damals noch erlaubter demokratischer Kinnbart gar männlich stand, war seit einiger Zeit nicht aus Liebeskummer allein entfärbt.
Der Lieutnant von Aldenhoven hatte ihm die Äusserung: Wir sind hier nicht im Dienst, Herr Lieutnant! sehr übel genommen ...
Man fand Heinrich Sandrart schon lange nicht von der ordonnanzmässigen Botmässigkeit, die die gesetz der Disciplin in ihrer soldatesken Übertreibung mit sich brachte. Gerade, dass ihn gegen mancherlei Anklagen, die man bis zum Major seines Bataillons gegen ihn vorbrachte, dieser in letzter Instanz in Schutz nahm, ihn entschuldigte, eine brave Haut nannte, die man nicht kopfscheu machen müsse, gerade darin lag ein Grund mehr für einige Offiziere, ihm das offenste Unrecht anzutun. Man konnte ihm zwar nicht nachsagen, dass er wie einige vorlaute und schon mehrfach bestrafte Krieger von den neuen Ideen angesteckt war, er besuchte keine verbotenen Gesellschaften, er war harmlos, gutmütig und liebte nur das Vergnügen und die Frauen, man wusste, dass er um einer spröden Liebe halber schmachtete und zog ihn damit auf. Allein schon einige junge Krieger der Garnison waren, ohne zu den absichtlichen Wühlern zu gehören, dadurch, dass sie etwas Apartes für sich in Anspruch nahmen, aus dem Verbande der grossen disciplinarischen Kette, die das ganze Institut der stehenden Heere aufrecht erhält, herausgeglitten und hatten in den Teorieen jener bald stilleren, bald lauteren Wortführer einen Anhalt für rein persönliche Misstimmungen gefunden. Dem Major von Werdeck sagte man ja etwas Ähnliches nach! Er sollte früher nie über Politik nachgedacht, ja sogar so ruhig, so loyal sich immer verhalten haben, dass man ihn anfangs an der Spitze einer Compagnie älter werden liess, als es sein Wunsch sein konnte. Später erhielt er Beförderung; aber wie lange liess man ihn warten, weil er immer zu den Geduldigen gehört hatte! Plötzlich wurde er verdriesslich. Man wollte ihn in eine entfernte Garnison zur Linie schicken, er schlug die Stellung aus und zog die alte geringere vor. Er las Zeitungen, bildete sich ein Urteil und machte mit Niemanden Partei. Jedes Ding, jede Frage wollte er gewissenhaft prüfen und durch das Prüfen kam er vom politischen Köhlerglauben, den man Loyalität, Treue nannte, zum Zweifel, den man Liberalismus, demokratische Gesinnungslosigkeit schalt. Erst einmal in der Minorität, ging es dem Major wie jedem rechtschaffenen mann. Er fand seine Ehre darin, einem eigenen Nachdenken seine Überzeugungen zu verdanken und sonderte sich immer mehr von den Andersgesinnten ab. Längst würde er seinen Abschied genommen haben, wenn ihn nicht zwei Dinge daran verhinderten. Einmal galt es von dem staat, dem er angehörte, für angenommen und feierlich beschworen, dass ein neuer, volkstümlicher Geist die Seele des Ganzen werden sollte. Andernteils sagte er sich, dass, wenn auf einem schwierigen, mit Kampf verbundenen Posten Jeder immer sogleich weichen wollte, man sich nicht wundern dürfte, wenn das Gute überall unterliege. Seine Untergebenen hielten mit leidenschaftlicher Vorliebe an ihm fest, so streng er auch sein konnte und so hoch er auch seinerseits die notwendigkeit der Disciplin anschlug. Er wiederholte oft den Schiller'schen Spruch: "Ein freies Leben ist ein paar sklavischer Augenblicke wohl wert". Dass Soldaten wählen sollten, dass man den Geist der Parteiung in die geschlossenen Glieder einer Armee verpflanzte, war ihm ein Gräuel. Die mutige Art, mit der er kurz und bündig manchem Parteihaupte gegenüber einen solchen Satz aussprach, hatte immer wieder zur Folge, dass die ihn umwühlende Intrigue sich etwas zurückzog und vorsichtiger zu Werke ging. Aber seine sogenannte Wiederherstellung in dem Vertrauen seiner Kameraden hatte nicht lange Dauer. Er verstiess nur zubald wieder gegen das System, das nun einmal in diesen Reihen gelten und die Kluft zwischen dem Alten und Neuen immer mehr erweitern sollte. Was man von ihm selbst nicht wusste, setzte man endlich bei der offen zur Schau getragenen Gesinnung seiner Frau über ihn voraus.
Die Besatzung wurde gerade jetzt viel mit Exerciren gequält. Schon am frühen Morgen war der Major auf einer grossen Ebene vor der Stadt gewesen und hatte die schon tausendmal gemachten Manövres wiederholen lassen. Sein schmerzliches: Guten Morgen, Kinder! als Alles vorbei, hatten die Soldaten wohl verstanden. Es war elf Uhr und Sandrart war schon übermüdet. Dies hinderte ihn aber nicht, sich rasch anzukleiden und mit dem Förster Heunisch, der, auch einst Soldat