Ich hole dich ab ...
Nein, nein, nicht in unser schlimmes Haus! Wir kommen um zwei Uhr am nächsten Sonntag dich hier abzuholen. Und bringe mit, wen du lieb hast! Den Sergeanten, nicht wahr?
Nein! sagte Franziska entschieden und bestimmt.
Von Dem sind die feurigen Verse nicht! Wo hast du sie her? Willst du mir versprechen, mir sie abzuschreiben?
Ich schreibe sie dir ab!
Ach, Fränzchen, sonst las ich solche Flammenworte einmal über und sie hatten sich mir gleich eingeprägt, wie in Erz gebrannt. Jetzt drückt auf meine Gedanken soviel, mein Kopf geht so wirr, dass ich das Leichteste nicht behalten kann. Und dann muss ich's Abends lesen, wenn Alles um mich still ist, die Kinder schlafen, die paar Uhren picken, die ich noch immer aufziehe – ich will Die verkaufen, die noch da sind und die dem Grossvater gehörten, die andern haben die Leute zurückgeholt ... ach, es ist mir oft, als wenn der alte Mann im Zimmer huschelt und kein Weiser rückt an, ohne dass ich nicht denke: Den hat er mit seiner toten Hand eben gerückt und nun wird er gleich schlagen lassen! Und immer ist's mir, als schlüg' es vier. Ich sehe Hackerten die Kinder schlafen bringen und höre nicht, wie der Alte ruft: Louise komm doch und drück' mir nur die müden Augen zu!
Beide Mädchen weinten ...
Als Louise aufstand, den Hut und die Echarpe holte und zum Abschied sich rüstete, griff Fränzchen ganz verstohlen in ihr Tischchen, holte das Goldstück und wollte es mit bittender Miene, ohne ein Wort zu sagen, in Louisen's schwarze Handschuhe gleiten lassen, deren einen sie in der Aufregung sich ausgezogen hatte und eben wieder anzog. Louise lehnte aber lächelnd diesen Beweis von geräuschloser, mit einem einzigen stummen blick der Bitte ausgesprochenen Herzensgüte ab.
Ich bin glücklich, sagte sie, dass ich dir anzeigen konnte, wir haben die Bosheit der Florentine abgeschüttelt. Es geht jetzt so leidlich! Lieber Himmel, von den Begräbnissgeldern des Alten haben wir ja noch gerade soviel übrig behalten, als ich an Florentinen verliere. Gott ist in grossen Dingen, wo wir hülfe von ihm erwarten und denken, es müsse durchaus nach unserm Wunsche und Willen gehen, fast immer hart und unerbittlich, und in kleinen Dingen, wo er Verlust durch Gewinn wie durch einen Zufall ausgleicht, ist er wieder so grundgütig, dass wir uns beschämt fühlen und unsern Kleinmut bereuen. Bis Sonntag schreibst du mir das göttliche Gedicht ab und wenn du was recht Gescheutes anstellen willst, so bringe Den mit, der es gemacht hat, und wär's ein Student!
Mit dieser, unter Tränen hervorblitzenden Schelmerei schied das aufgeregte Mädchen. Sie umarmte Franziska und ging ohne viel Rücksicht auf die hinter ihr herbrummende, durch dies Ignoriren verletzte Frau Tischlermeisterin Märtens durch deren Zimmer rasch davon. Man hörte, wie sie das Gitter der Küche zufallen liess und unverweilt die Treppe hinuntersprang.
Für Fränzchen hatte dieser Besuch die wohltätige Folge, dass er ihr Kraft gab, fest auf ihrem Gefühle zu beharren.
Hatte sie geschwankt, ob sie nicht den Onkel, der so gut war und nichts Unangenehmes im Leben leiden mochte, beim Abschied durch die Bereitwilligkeit erfreuen sollte, Heinrich Sandrart's Bewerbung sich gefallen zu lassen, so war ihr von Louisen's heldenmütigem Wesen eine wunderbare Kraft zugeströmt. Lag nicht in Allem, was dies Mädchen ihr erzählt und von ihren stillen Herzenskämpfen mitgeteilt hatte, das volle, grosse, gewaltige geständnis, dass sie ein unaussprechliches Bedürfniss einer grossen und feurigen Liebe hatte? Sie vergegenwärtigte sich, wie oft ihr diese arme Arbeiterin, die vor einem Übermass von Pflichten kaum zu sich selber kommen konnte, gestanden hatte, dass in ihr ein nicht zu bewältigender Drang der Liebe läge! Sie hatte früher dies geständnis nicht fassen können, jetzt fühlte sie den übermächtig stärkenden Hauch einer reinen, dem Herzen befehlenden Willenskraft. Dass Louise jemals dem Danebrand gehören würde, glaubte sie nicht. Sie sah in Allem, was der Freundin seit dem Fortunaball geschehen war, nur eine Art Sühne für das Unrecht, das sie bei ihrem tugendhaften Pflichtgefühle begangen zu haben glaubte. Aber Das wusste sie auch, ganz würde sich dies starke Herz niemals unter das Joch der Rücksichten beugen. Das ist nur, sagte sie, eine Zeit der Trauer, die sich Louise auferlegt hat, aber unwahr gegen sich selbst wird sie niemals werden. Die lügt nicht, wie ich nicht lügen will!
So fand sie nach einiger Zeit, während Frau Märtens brummte und über das abscheuliche, "keinem" Menschen "ästimirende" unhöfliche "Subjekt", die Louise Eisold, polterte, die "die ganze Suppe" mit dem "Sprachmaitre" und Herrn Sandrart und der Reise nach Hohenberg nicht etwa eingebrockt, sondern "eingefädelt" hätte, der Onkel Heimisch.
Neuntes Capitel
Stilles Leid und stille Schuld
Der so gern nur wohlgemute Jäger Leberecht Heunisch kam in rosenrotester Laune von seinem Prinzen Egon.
Er, der so gewohnt war, nicht viel auf seinen Schultern zu tragen und der selbst von dem nächsten, was um ihn her sich ereignete, nicht viel sehen und wissen mochte, hatte eine Menge lästiger Drangsale von seinem Gemüte abgeworfen.
Gleich wie er von seinem genesenen, zum erstenmale ordentlich gesehenen hohen Patrone kam, begegnete ihm Dankmar Wildungen, den er seit dem