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ich für ihre Tugend. Er sah mich dabei so fest, so streng an, Fränz, dass ich den blick niederschlug. Es war mir fast, als hört' ich die Worte aus der Bibel: Wer unter Euch sich rein dünkt, werfe den ersten Stein auf sie! Er verlangte, wenn das Mädchen zu ihm zurückkäme, dass ich ihr Schmelzing's kammer gab. Da ich noch keinen rechten Mut dazu hatte, sagte er: Soll die Schmach der Sünde denn ewig sein, ein Verbrechen nie vergessen werden? Franziska, wie mich der Mann darauf angesehen hat, werde' ich in meinem Leben nicht vergessen. Er wurde grösser an Figur. Durch die schwarze Florbinde schimmerte das eine Auge durch, als wollt' er mich durchbohren. Aber nicht voll Wut war der blick, sondern voll Schmerz. Wissen Sie, mein Kind, fuhr er fort, dass ich die Polizei nicht habe überzeugen können, warum ich arm leben will und eine von Gold behangene Buhlerin am arme hatte; wissen Sie, dass ich gezwungen wurde, ein Haus als wohnung zu wählen, wo ich unter den Augen einer heimlichen Aufsicht stehe? Man nannte mir dieses. Ich protestirte wegen Augusten, die bei mir bleiben und tugendhaft leben wollte. Man lachte mich aus. Je mehr ich gegen dies Haus sprach, desto kürzer war der Bescheid, ich wäre für einige Zeit ein Observat und müsste hier wohnen. Dies Haus ist bewacht. Hier nebenan wohnte noch vor kurzem ein Spion, Namens Schmelzing. So bin ich hergezogen. Nehmen Sie mich also nur, mein Kind, und wenn jenes unglückliche Mädchen kommen sollte, so verstossen Sie sie nicht. Ich muss sie für verloren halten, aber käme sie zu mir zurück, so hätte sie viel überwunden. Sie würde am Orte ihrer Schande arm und sehr, sehr gering leben müssen.

Und nun? fragte Fränzchen fast zitternd über die Gefahren ihrer Freundin und bei sich überlegend, ob sie nun wohl jemals wagen könnte, sie zu besuchen.

Murray wohnt bei uns, sagte Louise, das Mädchen ist aber nicht gekommen.

Und vor einem solchen Nachbar fürchtest du dich nicht?

Er ist am Tage nicht viel zu haus, liest des Nachts, schläft bis späten Morgen und lebt still und einsam..

Ich könnte des Nachts nicht ruhig schlafen, meinte Franziska.

Warum? Ich halte ihn für einen weisen Mann. Er sprach mit solchen Worten, wie sie mich immer erschüttern. Er kennt ganz das Elend der Menschen und weiss, wie nahe das Unglück an den Rand des Verbrechens führt.

Franziska gedachte jetzt plötzlich der Verse Louis Armand's. Jetzt verstand sie sie schon besser. Jetzt, erregt von der höheren Begeisterung und tatkräftigen Schwärmerei, die in Louisens Augen lagen, konnte sie nicht umhin, die Worte vor sich laut hin zu sprechen:

Des Volkes Tochter! arme Bettlerin,

Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!

Die Nachbarin liess ihre Truhe auf,

Greif zu! Zum Bagno geht dein Lebenslauf

Und wenn zum Todnur stolz! Und weine nicht.

Was? rief Louise. Was summst du da?

Wie Louise diese Worte hörte, horchte sie hoch auf. Erschüttert und ergriffen fragte sie, was Das für ein Lied wäre? Und Fränzchen, voll Wehmut und durch die warme Hingebung der unglücklichen Freundin innerlichst selbst erschüttert, zog ihr Nähkästchen auf und wollte ihr das Gedicht des Handwerkers geben. Sie vergriff sich aber und gab ihr Heinrich's Verse. Louise las davon eine halbe Strophe.

Nein, rief sie, Das ist wasser, Das sind die Feuerworte nicht! Wo hast du die?

Fränzchen sah nach und verbesserte rasch ihren Misgriff, indem sie die rechten Verse aufschlug.

Ah! rief Louise, las und sprang auf; Das sind Worte des Lebens, die vom Himmel kommen!

Und mit zitternder stimme, bebend vor innerer, das ganze Herz umwühlender Bewegung, las sie die Verse mit steigendem Affekte auch im Vortrage laut und nachdrucksvoll und steigerte sich in ihrer grenzenlosen Nichtbefriedigung in eine so schwindelnde Höhe der Leidenschaftlichkeit, dass sie vor Wehmut laut zu schluchzen anfing und gerade die Absicht des Dichters erreichte, der der Proletarierin verbieten wollte, zu weinen, während sie dennoch weinte.

Franziska hatte auf der Zunge einzugestehen, wie sie in den Besitz dieses Gedichtes gekommen wäre. Auch sie hatte das Bedürfniss, sich in die teilnehmende Brust einer so gefühlsstarken Freundin auszuschütten. Diese aber, da eine Turmuhr gerade laut in der Nähe schlug, sagte:

Franziska, ich muss nun gehen und für unser Mittagessen sorgen. Seit dem Fortunaball ist mein Karl finster gegen mich. Er hat bei Willing's zuviel Schlimmes über mich hören müssen! Ach, auch darum muss ich Danebrand freundlich sein! Erzähl' mir, was du auf dem Herzen hast, am nächsten Sonntag. Wir wollen in's Feld gehen. Ich tu's der Kleinen wegen und auch Line und Wilhelm haben am Sonntag keine Zeitungen auszutragen. Ich trage das Kleine. Du nimmst Heinrich und Riekchen an der Hand. Danebrand trägt in einem Ranzen, was wir im wald verzehren können. Oder ist dir Das zu arm, Fränzchen? Du bist vornehm! Wie schöne Kleider du hast und wie schön du bist!

O Louise, sagte Fränzchen errötend, was sprichst du! Ach, ich will schon glücklich sein, mit dir gehen zu können.

Willst du? nächsten Sonntag?