Hemd, stand mit geschlossenen Augen eine Gestalt dicht vor ihnen. Verworren und mit Heu untermischt hing ihr das Haar über die Stirn. Strohhalme schleppten die Schuhe mit sich fort über die Treppe und den Corridor. An dem halbnackten Arm hing mechanisch getragen eine Laterne, die düster den gang erleuchtete. Die Magd stand hinter diesem grauenerregenden Aufzug und deutete mit zusammengefalteten, fast wie betenden Händen an, dass man um Gotteswillen schweigen möchte.
Aber schon hatte Schlurck mit Entsetzen: Hackert! gerufen.
Hackert war es, als Nachtwandler .... Auf den Ruf seines Namens öffnete er die Augen und taumelte fast zusammen.
Dankmar, von innigstem Mitleiden für den Unglücklichen, der ein Nachtwandler war, ergriffen, fing ihn rasch auf. Der Lichtglanz blendete den auf seinen Namen erwachten Träumer. Er schien sich nicht sogleich sammeln zu können, als er aber Schlurck in der Tür sah und erkannte, besann er sich und wollte anfangs lachen.
Dankmarn war diese Situation furchtbar. Er rief dem noch immer vor Entsetzen starr dastehenden Mädchen zu:
So zeig' sie uns doch unsere Zimmer! Sie sieht ja, mein Kamerad hat zu Bett gewollt!
Die Magd entnahm Hackert die Laterne und ging rasch voran, um sie eine Stiege höher zu führen. Hakkert folgte stumm, und nur zuweilen war's Dankmarn, als hörte er ihn hinter sich keuchen und seufzen. Die Magd wie von einem Gespenst verfolgt, öffnete rasch zwei Zimmer, liess die Laterne stehen und eilte hinunter. Dankmar zündete ruhig zwei Kerzen an, die in einem der Zimmer bereitstanden, schloss die Fenster sorgfältig und verwies Hackert, der wie träumend dastand, auf ein Bett des einen Zimmers. Gute Nacht! sagte er ihm und ging mit dem zweiten Licht in das Zimmer nebenan. Er rückte behutsam sein Bett an die Verbindungstür, um lauschen zu können, ob sich Hackert legte. Als er bemerkte, dass dieser völlig ruhig war, das Licht löschte, die Tür zuriegelte und sich aufs Bett warf, entkleidete er sich selbst. Er hatte von dem Gespräch, dem Wein und der Entdeckung über Hackert's unglückliche Nervenstörung selbst halb verwirrt, sich kaum niedergeworfen, als er in der Ferne Schlurck's Wagen zu hören glaubte, so spornstreichs und im heftigsten Anlauf war der plötzlich verschwundene genusssüchtige Spötter aus dem hof gefahren. Über die Beziehung, in welcher Schlurck zu dem Nachtwandler stand, noch länger nachzudenken, fehlte ihm die Sammlung der Sinne.
Unten aber hatte der Heidekrüger, als er erfuhr, dass der Nachtwandler des fremden jungen Mannes Kutscher war, erst noch wissen wollen, ob der Justizrat diesen kenne, dann aber, als Schlurck leichenblass schwieg und sich nur eilig in seinen Wagen setzte, ihn mit der Bemerkung: Der Reubund ist doch Muckerei! wieder zur Besinnung bringen wollen. Schlurck aber scherzte nicht mehr. Mit der Bemerkung: Gehen Sie zu Bett, Justus, Sie haben zuviel getrunken! hatte er ihn vom Wagenschlage entfernt und nur noch mit der Magd einige Worte gewechselt, deren Inhalt wir im nächsten Capitel erfahren werden.
Justus, der Heidekrüger, hatte, wie freundliche Herrschaften, die ihren Dienstboten gern Trinkgelder gönnen, die Gewohnheit, sich jedesmal, wenn seine Gäste die Börse zogen, zu entfernen und seinen Dienstleuten die Abrechnung zu überlassen.
Wir wissen nicht, ob auch dieser Charakterzug in dem buch erwähnt ist, welches vor mehren Jahren erschien und unter Anderm auch Justus' Portrait und Lebenslauf entielt. Es hiess, wenn wir nicht irren: "Deutschlands Biedermänner."
Dankmar Wildungen aber brauchte lange Zeit, bis er, erschreckt von allen diesen Erlebnissen, in dem endlich stillgewordenen Heidekrug entschlief.
Achtes Capitel
Der Spion
Der Morgen brach unfreundlich an. Die Westwolken, die schon die Nacht drohten, hatten sich über den ganzen Horizont gezogen. Das liebliche Blau der vergangenen Tage war verschwunden; die Schwüle der Luft war noch wie bisher dieselbe. Blüte und Blatt schmachteten der endlichen Erfrischung durch Regen entgegen. Noch standen die Wolken starr und fest, noch wollten sie sich auf die staubige Erde nicht niedersenken.
Schon arbeiteten die Schnitter im feld, um vor den drohenden Gewitterstürzen die Ernte in Sicherheit zu bringen, als Dankmar mit Hackert ausgefahren war, um die begonnene Reise fortzusetzen. Der Heidekrüger schlief wohl noch, aber die kluge geschäftige Hausmagd, die sich Liese nannte und der die sorge für das grosse Hauswesen ganz allein obzuliegen schien, war schon früh bei der Hand in dem von Arbeitern und Mägden belebten hof. Auch das Städtchen Schönau erblickte Dankmar jetzt am fernern rand des Waldes und mancherlei lebhaften Verkehr, durch welchen diese Wirtschaft des Heidekrügers Justus bedeutsamer mit der ganzen Gegend verbunden wurde. Es erklärte sich ihm jetzt das sichere Gefühl, mit dem der Heidekrüger von seinem Einflusse auf die nächstbevorstehenden Wahlen sprechen konnte.
Als Dankmar in den Hof gekommen, fand er Hakkert schon mit Aufzäumen des Pferdes beschäftigt und vor ihm die Liese, die ihm mit furchtsamem Ausdruck, eingedenk des gestrigen Abends, zu seinem Erstaunen eine gefüllte Börse mit den Worten hinhielt:
Die herrschaft in der Nacht hat Dies für Sie dagelassen.
Wer? fragte Hackert verdriesslich.
Der Herr Justizrat! sagte die Liese.
Sie irrt sich wohl. Das Geld ist wohl für Sie bestimmt ....
Die Magd Dankmarn erblickend, rief ihm, ihr beizustehen. Der Herr Justizrat hätten, erzählte sie, dem Heidekrüger gestern Nacht diese Börse mit all' dem Gelde drin geben wollen, der hätte aber wie immer getan