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sagte, er fliehe die Höhlen des Verbrechens, er fühle sich nicht stark, mit seinem Vorteil einen moralischen Zank anzubinden. Er wisse noch nicht, wohin er umschlagen sollte. Wenn man die Menschen hasse, könne man nicht suchen, ihnen durch Tugend zu gefallen. Oft erzählte er mir von den Bällen, wohin ihn zweideutige Menschen einlüden, und Das wusst' ich, dass er einmal nach irgend einer glücklichen Begegnung mit Melanien das Leben von der leichtesten Seite wieder nehmen würde. Da kommt er an jenem Abend, stösst Liebe und Güte von sich und antwortet fast wie Einer, der auf jede vernünftige Rede unvernünftig genug sagt: Lasst mich, ich muss tanzen! Da hielt es mich nicht. Ich musste ihm folgen und Gott sei gedankt, ich rettete ihm sein Leben.

Ganz gut, gut, sagte Fränzchen, aber wie kann man nur so wilde Feinde haben! Sie sagte Das mit Anspielung auf den Überfall und als wenn Hackert diese Feinde verdiente.

Kluge und ungewöhnliche Menschen müssen Feinde haben, antwortete Louise. Sie finden aber auch Freunde.

Danebrand war edel genug, Den zu schützen, den du liebst, und Hackert war so undankbar, dich zu verlassen ... sagte Fränzchen sich erhitzend, da sie die Neigungen ihrer Freundin nicht teilte.

Er hatte Recht, antwortete Louise nach längerem schmerzlichen Sinnen, mein los ist geworfen. Am Morgen nach dem Fortunaball, wie ich an der Leiche stand, kam er und sah mich weinen. Er war eben erst gekommen und erfuhr's schon im haus unten, was geschehen war. Louise, sagte er, ich verlasse Sie! Sie haben mir grosse Freundschaft erwiesen! Sie haben mich heute vielleicht vom tod gerettet. Aber der Rausch, der mich gestern wahnsinnig machte, ist heute vorüber. Ich besinne mich auf meine Pflichten und will den Versuch machen, ein anderes Leben zu beginnen. Ich schwieg; ich fühlte selbst, dass ich mehr getan hatte, als mich ihm achtbar erscheinen liess. Fränzchen, es gibt Beweise der Liebe, die zu viel sagen, und so war mir's um's Herz. Ich sass auf dem Bett des toten und weinte. Hackert reichte mir seine Hand und dankte für alle meine ... Güte, wie er's nannte. Er wollte mir beistehen bei dem Leichenbegängniss. Ich sagte: Ich danke Ihnen, Hackert, ich habe Brüder und Danebrand. Auf den Namen Danebrand sagte Hackert: Ich schäme mich dieser Nacht und verdiene Ihre Teilnahme so wenig, dass ich anfangen will, an meine Besserung zu denken. Es hat mir Jemand Verwendung und Tätigkeit versprochen. Ich will sehen, wie lange sich mit den Menschen gehen lässt, ohne sich selbst zuwider zu werden. Ich fragte: Doch um Gottes willen nicht Pax? Doch nicht die Polizei? Er schwieg und sagte: Lassen Sie mir nur meinen Weg! Die Miete zahl' ich so lange fort, bis sich ein Anderer für mich gefunden hat. Ich sagte wieder: Hackert, lassen Sie Das! Nein, Louise, Sie sind arm und Ihr Alle bedürft es! antwortete er, gab mir dann Geld, dann die Hand und ging ruhig aus der Tür. Am meisten wusst' ich wohl, dass er sich seines kranken Zustandes wegen, der auf dem Balle sich wieder gezeigt hatte, schämte ... Ich hatte den toten, Hackert zog in der Stille aus und Danebrand kommt wieder ... weil ich ihm nun doppelt danken muss.

Das ist zu traurig, sagte Franziska und hielt die Hand ihrer bitterlich weinenden Freundin, die ihren neuen Kummer, dass Hackert vielleicht gar in die hände der Polizei geraten war, noch einmal aussprach.

Schmelzing, fuhr sie dann fort, Schmelzing zog dann auch aus. Ich war froh, ihn los zu sein, den neugierigen Schleicher, der, obgleich taub, nur horchte. Nach einigen Tagen kam ein Mieter, über den ich anfangs erschrocken bin. Erinnerst du dich vom Fortunaball des Mannes mit der schwarzen Binde?

Den die Polizei festnahm? sagte Fränzchen erschrocken.

Mit dem frechen, goldbehangenen Mädchen?

Die sind doch nicht ... bei dir eingezogen?

Nur er, antwortete Louise. Er hatte acht Tage gesessen, sagte er, ganz unschuldig, wie er versicherte ...

Louise! Solche Menschen nähm' ich nicht in meine Nähe! rief Fränzchen und liess vor Schreck fast den Mund offen, dass die weissen Zähne glänzten.

Es ist ein feiner, artiger alter Mann, sagte Louise rasch, in dem sich die elende Polizei doch wohl geirrt hat.

Wenn schon! Aber das Frauenzimmer!

Sie heisst Auguste Ludmer und ist eine Tochter eines ehemaligen Beschliessers im Gefangenhause zu Bielau, sagte Louise. Ein verwildertes Mädchen, das früher in unserm haus Nr. 17 wohnte und keinen guten Leumund hat. Sie ist schon am Tage nach dem Fortunaball sogleich freigelassen. Was sie mit dem Engländerer heisst Murrayvorhatte, weiss ich nicht. Er ist entweder geizig oder sparsam; darüber bin ich nicht im Reinen. Als ich ihn an das Mädchen erinnerte, seufzte er. Ich erklärte ihm, dass ich wohl ihn, aber diese person nicht aufnehmen würde. Er blickte dabei scharf unter seiner Binde hervor und antwortete: Sie haben da zwei Kammern! sehe' ich aus wie ein Mann, der noch auf schlimmen Wegen Frauenliebe sucht? Wenn das Mädchen bei mir ist, steh'