und nur die weisse Seite der Blätter kam immer zum Vorschein, wenn sie bebten, der Schmerz und eine gewisse todesfreudige Ahnung. Louise Eisold gehörte zu den Armen, für die recht ein neuer Christus hätte kommen müssen, wie Jesus sagte: Den Armen wird das Evangelium gepredigt! Ihre Seele hatte Schwingen, aber sie stieg mit ihnen nicht empor; sie fühlte nur die gewaltige Schwungkraft dieser Fittiche, die Luft lag zu schwer auf ihnen, sie konnte, den Vögeln der Wüste gleich, nicht aufwärts. Über die Sitte, die Religion, den Staat zuckte es in ihr an Gedanken krampfhaft. Sie darbte sich die Pfennige ab, um alle Jahre einige male auf der obersten Galerie das Teater besuchen zu dürfen. Wie zehrte sie von dem empfangenen Eindruck! Wie wählte sie, wenn die Groschen beisammen waren, bis ein solches Stück gegeben wurde, wo ihre Nerven hoffen durften zu zittern, ihr Herz sich zu dehnen, ihre geheimsten Ahnungen von leidenschaftlich bewegten Künstlern ausgesprochen zu werden! Schon ihre Ältern hatten, da sie gemischter Ehe waren und von der katolischen Pfarrei der Residenz viel Behelligung erfuhren, sich an die deutschkatolische Richtung angeschlossen. Louise Eisold, die nicht einmal in dieser Richtung ihre volle Befriedigung fand, las und hörte nur von freien Gemeinden, so war sie auch schon darauf bedacht, ihre Versammlungen aufzusuchen und sich mit ihren Geschwistern in ihre Register einschreiben zu lassen. Sie fand hier etwas, was sie erregte, erschütterte, über das Gemeine erhob. Sie durfte da nicht nur lieben, sie wurde auch ermutigt zu hassen. Ja der Hass, Das linderte! Dies volle Ausströmen eines zornentflammten Gemütes, Das war ihr Bedürfniss! Was sich in Euch längst verwischt hat durch die Bildung, die historische Kritik, die bei Euch längst eine ruhige Reflexion geworden ist, Das war bei Louise Eisold noch in lodernder Flamme. Der Papst, Rom, die Hierarchie und im Politischen die gleichen Traditionen des monarchischen Principes waren ihr im grund der Seele so verhasst, wie wir in unserm Egoismus nur Das hassen, was sich unserm nächsten Vorteil entgegenstemmt. Louise Eisold hatte in den Tagen der Revolution in der Nähe der Barrikaden gestanden. Ihr Entusiasmus veredelte den Rausch gemeinerer Naturen, die sie zum Kampfe anfeuerte. Sie trug Steine, sie rettete Verwundete, sie half, wo ihre durch den Moment dreifach gesteigerte Kraft zur hülfe ausreichte. Eine teatralische Eitelkeit war ihr dabei fern. Sich in Männerkleider zu werfen, mit einem befiederten hut zu kokettiren, die Amazone zu spielen, Das würde ihr elend erschienen sein. In ihr lebte nur die Sache. Die Liebe zum volk, dem sie angehörte, hob ihre Brust, sie war die eigentümliche Verklärung alles Dessen, was unklar, unsicher und doch so tief geahnt und tief gefühlt in dem modernen Bewusstsein der Volksmassen schlummert.
Da sagte sie nun auch über Hackert:
Ach, Fränz, was ist äussere Schönheit! Und wär' ich reizend wie du, wär' ich so schön wie Melanie Schlurck, die Kalte, die Hoffärtige, ich liebte nur einen Mann von starkem Geist. Was läge mir an Danebrand's Gestalt? Aber er hat nur die körperliche Kraft und ein gutes Herz und das ist Alles.
Und das ist Alles, Louise? Nur ein gutes Herz? fragte Franz, fast geängstet.
Das allein kann ich nicht lieben, Franziska! fuhr Louise bitter fort. Ich weiss es nicht, ob Hackert gutmütig ist, manchmal zeigt er ein Herz. Aber er ist wahr, er ist wild, struppig, wie sein Haar. Kaum dass er ein Wort redet. Er wirft sich auf's Sopha, springt wieder auf und stampft mit dem Fuss und wettert. Er hat mich kaum beachtet. Als man die Eisenstäbe vor sein Fenster schlug, sah er mich zum ersten male an und weinte. Geh' ich noch immer um? fragte er mit zitternder stimme. Ich erzählte ihm, wie man ihn noch kürzlich getroffen hätte, am rand der Galerie, die auf ein Dach führt. Es ist mein ruheloser Geist!
sagte er und schluchzte fast. Er wurde wie ein Kind und erzählte mir, wie ihm Das gekommen wäre und wen er liebe. Und wenn ich sie einst sähe, sagte er, und sie in meinem arme mir nur eingestehen wollte: Ja Fritz, es ist wahr, du warst es, der mich küssen lehrte! Dann wollt' ich alle Fesseln sprengen. Alle Kronen der Welt aus Himmelshand schlüg' ich aus, wenn ich Das nur hörte; Licht und Glanz fiele in mein Leben, ich würde rasen, jubeln und mich in den Strom der Freude werfen. Nehmt mich! Bindet mich! Macht aus mir was Ihr wollt! Ich will falsches Geld münzen, will stehlen, lügen, mit jedem ehrlichen mann oder auch einem Gauner Freundschaft trinken und endlich einmal etwas ergreifen auf dieser Welt, das mich hält, wenn sie nur sagte: Fritz, ich war die Melanie, die ... – Ach, Franziska, dieser Augenblick musste damals gekommen sein, als ich dich auf den Fortunaball holte. Am Morgen war er sanft und demütig, freundlich gegen gute Menschen, die sein Bestes wollten, und am Abend kam er nach haus in einer Aufregung, so stolz, so spöttisch, so tückisch, als gehörte die Erde sein. So lange er bei uns wohnte, lebte er wie ein scheues wild, das vor den Menschen flieht. Er