1850_Gutzkow_030_407.txt

für die Nachgelassenen! Erziehe sie! Sei ihnen Mutter!

Louise lächelte bitter. Ihr ganzes Wesen verriet Schmerz und Verzweiflung.

"Heimlich und leise", sagte sie träumerisch, "wie im Abendwinde: Ach! folge doch nach!"

Du denkst an deine Ältern, an den alten Grossvater, der dir in der Nacht starb, wo du nicht an seinem Lager stehen konntest ...

Warum ist man leidlich tugendhaft? sagte Louise bitter und hörte nicht auf Fränzchens Einreden. Warum hat man ein Gewissen? Wie ich dann erst das Kind glücklich und gesund neben meinem Bette schlafend fand, mocht' ich auf die Kniee fallen, so dankt' ich Gott! Jeden Schläfer sah ich an und betete. Die Gardinen zog ich zurück, damit der erste Sonnenstrahl auf jedes ruhig schlummernde Antlitz fiel! Da steh' ich bei dem alten Mann. Er sieht so bleich, so starr, ich berühre ihn. Er ist tot! Warum belog ich mich nicht und sagte: Fataler Zufall! Ich las noch eine andere schöne Stelle von diesem herrlichen Guido Stromer. Er sagt: "Es lässt sich leider nachweisen, dass nur Die Menschen eine ewige Grösse erschwangen, die auf der Leiter ihrer Taten selten zurücksehen und in ihr Inneres nie." O, Das ist dunkel! Aber ich verstehe es schon! Man ist und wird nichts, wenn man so dumm ist gut zu sein!

Du verwirrest dich, Louise! Warum liest du solche schreckliche Sachen! Ergib dich deinem Schicksal! tröstete Fränzchen.

Ich trag' es ja! sagte Louise kopfschüttelnd. Aber manchmal kommt ein Geist über mich, den ich gar nicht nennen und fassen kann. Da ist's mir, als sollt' ich an einer Säule rütteln, so gross und stark wie sie am Schloss stehen. Ich möchte das Haar aufbinden und über die Strasse rennen und den Untergang der Welt oder den Anfang einer neuen ausrufen!

Die Last deiner Sorgen drückt dich und du liebst unglücklich, Louise.

Louise erschrak. Dann aber raffte sie sich auf und sprach leiser:

Wer sagt Das?

Ist es dankbar von dem kranken Mann, antwortete Fränzchen, dem du soviel Sorgfalt schenktest, dass er dich verlässt? Ich habe dich nicht fragen mögen, Louise! Du bist heimlich und dein Zorn erschreckt mich oft. Ich weiss nicht einmal, ob dieser Hackert es um dich verdient. Im haus des Justizrats Schlurck ist er nicht gut angeschrieben; das weiss ich von Jeannetten ...

Weil sie ihn gequält, gefoltert haben, fiel Louise ein. Diesen Menschen behandelten sie erst wie einen Sohn und erzogen ihn. Wer verdenkt es ihm, als diese hoffärtige, stolze, kalte Tochter in ihrer ersten Gefallsucht ihn ausfrägt, was Liebe ist, dass er's ihr sagt und an seinem eigenen Beispiel beteuert? Sie kommt zum Bewusstsein, trägt den Kopf hoch, darf ihn hoch tragen, aber will nun nichts mehr wahr haben, was sonst zwischen ihnen gegolten hat. Er vergrämte sich und wachte die Nächte, wenn sie von den Bällen heimkam; er will ihr nur das Licht vortragen. Sie erinnert sich aber auf Nichts mehr. Sie will nicht hören, dass sie mit ihm Versteck spielte und in ihrer Wildheit Nachts mit ihm durch die Strassen lief in Knabenkleidern. Weil sie jetzt Offiziere, schöne Cavaliere zu Dutzenden um sich hat, ist ihr der Mensch, den sie gefragt hat: Fritz, sag mir, was Liebe ist? ein Gegenstand des Abscheues und des Schreckens geworden. Längst hätte man ihn aus dem haus geworfen, wenn ihn der Vater nicht liebte, als guten Arbeiter, klugen, gewandten Kopf, vielleicht fürchtete als verteufelten Pfiffikus, der seine niederträchtigen Schliche durchschaut! Ha! Hackert hat mehr Witz im kleinen Finger als mancher Professor im Kopf, und wenn man gewollt hätte, wäre mehr aus ihm geworden als ein unglücklicher Mensch. Wie schreibt Der schön! Wie kann Der lustig sein! Wie toll sind seine Scherze! Ja, sein Haar ist rot, er ist einer von den Gezeichneten. Sind die alle so schlimm? Du nennst Danebrand, der ihn auf dem Fortunaball herausschlug ...

War Das Danebrand? Der gute Schleswiger, der für Euch arbeitete? Den du deinen Ältern zu heiraten gelobtest, weil er ihnen versprochen hatte, für Karl so lange die Stelle des Vaters offen zu halten?

Nun, was sagt' ich, dass ich gelesen habe: "Nur Die kommen auf, die auf der Leiter ihrer Taten selten zurücksehen und in ihr Inneres nie."

Franziska Heunisch vergegenwärtigte sich aus ihren eigenen Empfindungen vollkommen diejenigen, die Louise Eisold haben musste. Das Unglück, einem so unschönen mann wie Danebrand durch Älternwille und Dankbarkeit gehören zu sollen, musste sie für ein junges, gefälliges Mädchen als eine grosse Aufgabe anerkennen, doch da sie selbst, freilich unendlich lieblicher und reizender als die ernste, bleiche Louise, in der Lage war, zwischen zwei schönen und gefälligen Männern mit ihrem Herzen in der Mitte zu stehen, so begriff sie doch nicht, wie das wenig Anziehende in Hackert's äusserer Erscheinung für Louisen Veranlassung einer unglücklichen leidenschaft sein konnte. Sie deutete Dies mit grosser Schonung auch ihrer Freundin in den zartesten Worten an.

Fränzchen verstand eben Louisen nicht.

Louise Eisold war eine seltene Erscheinung. In diesem Mädchen zitterten alle Regungen des neueren Volksbewusstseins. Ihr Herz war von dem Hauche der Zeit bewegt wie eine zitternde Silberpappel. Ach,