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so lange nicht gehört. Guter Mond du gehst so stille ... das ist mein Leibstück, Mamsell!

Frau Märtens musste wohl nebenan durch's Fenster ihm eine Miene des traurigsten Achselzuckens machen; denn ganz laut hörte Fränzchen den Seufzer, der mehr jene Gebehrde begleitete, als den Vorfall, dass in Mexiko eine Bergwerksgrube eingestürzt war und dreizehn Indianer verschüttet hatte.

Die Flöte aber blies Heinrich Sandrart, wenn der junge Soldat von Fränzchen nicht beachtet wurde und wohl eine Stunde neben ihr gesessen und kaum ein Wörtlein von ihr vernommen hatte. Dann ging er traurig nebenan und langte sich eine Flöte her, die er bei der Frau Märtens auf der Commode unter den darauf prangenden, grossen bunten und vergoldeten Jahrmarkts-Deckelgläsern und einigen lehrreichen Schriften liegen hatte und blies dann so still für sich, aber zur Freude des ganzen Hinterhofes, einfache Volksmelodieen, wie er sie gerade auswendig konnte oder im Ullagrunde von den Knechten seines reichen Vaters hatte singen und jodeln hören.

Die drückende Schwere des Herzens, die Fränzchen durch die halb politischen, halb privaten Seufzer der alten Tischlermeisterin nur noch mehr beängstigte, löste ein Besuch, der rasch und eilig die schmale Treppe fast herauf stürmte. Man hörte das Küchengatter draussen heftig öffnen und noch heftiger zufallen.

Ist Fränzchen zu haus? rief eine weibliche stimme im Eintreten und schon war der Besuch durch die grössere stube hindurch in Fränzchens kammer getreten.

Es war Louise Eisold.

Achtes Capitel

Volksahnungen

Die Trauerkleidung, in der Louise Eisold über die Strasse ging, konnte der durch diesen Besuch angenehm überraschten Franziska nicht auffallen.

War doch in der Nacht, als beide Freundinnen den Fortunaball besucht hatten, zur tiefsten Betrübniss und zu einem ewig nagenden Vorwurfe für Louisen der alte Urgrossvater mitten unter seinen Urenkeln still entschlummert!

Einmal nur hatte Franziska Louisen seiter gesehen. Zwei Tage nach dem Ball kam sie wegen der Kleider, über deren Benutzung Mademoiselle Florentine, die Putzmacherin, furchtbaren Lärm schlug und mit allen Gerichten der Welt drohte. Louise nahm diese Nachricht ruhig auf und wehklagte nur über den Tod des Alten, der so einsam, so verlassen, so lieblos hatte dahingehen müssen! Die Kinder hatten alle geschlafen, so wie sie sie verlassen hatte, das Jüngste hatte sich nicht geregt, die Uhren gingen wie sie aufgezogen waren, sie war leise und still mit der Morgendämmerung in ihr Zimmer zurückgekehrt, selbst Karl, der früh auf die Arbeit musste, schlief noch gegen fünf Uhr. Nur ein blick auf den Alten zeigte ihr, dass Das kein lebendiger Schlaf mehr war, der so den Körper streckt, so die Züge des eingeschrumpften trocknen Gesichtes spitz hervortreten lässt! ... Sie fühlt auf die Stirn, sie fühlt den Puls, sie betastet die hände, die Füsse, der alte Mann war entschlummert, vielleicht von einem Lungenschlag getroffen. Mit einem Schrei, der ihrem ohnehin bebenden und gepressten Herzen Luft machte, weckte sie alle Geschwister. Diese fuhren empor. Grossvater ist tot! Alle Kinder schrien und weinten. Nur Louise konnte vor innerm Schauder nicht zu Tränen kommen. Sie verurteilte sich selbst. Sie sah den Alten sich nach ihr noch einmal umblicken, sie hörte ihn rufen, sie glaubte an seinen Uhren zu bemerken, dass er noch einmal aufgestanden war. Sie täuschte sich wohl, aber ihre Phantasie malte ihr, dass er Allen vielleicht noch ein Lebewohl sagte, aber sie fehlte, Sie, die die Hüterin, der Schutzengel dieser Räume sein sollte! Erst als die Kinder alle auf ihre Arbeit gegangen waren und die ganz Kleinen ihr ihren wahren Kummer nicht ausfragen konnten, machte sie ihrem Herzen durch Tränen Luft ... Und dann die sorge des Begräbnisses! Glücklicherweise gehörte der Greis zu einer sogenannten Todtenbrüderschaft, bei der man sich durch Jahresbeiträge ein anständiges Begräbniss sichert. Einige schwarzgekleidete Männer nahmen ihr die sorge der Beerdigung ab. Mit den schwarzen Kleidern angetan, die sie erst vor kurzem nach beendigter Trauer um die Ältern abgelegt hatte, folgte sie dem Sarge mit ihren Geschwistern. Jedermann erstaunte, wie sie vor der aufgeschütteten Erde so trostlos weinen konnte. Man glaubte doch, dass ihr eine Last vom Schicksal abgenommen war. Niemand kannte ihren nagenden inneren Vorwurf, ihre bittere Reue ... die Vizewirtin Mullrich ausgenommen, die recht hämisch den Kopf schüttelte, als der Sarg durch die schmale Tür auf den vor ihrem Kellerfenster stehenden Leichenwagen gehoben wurde. Ihr Mann, der gerade von der Unternehmung bei der Schievelbein heimkam, hatte wohl gesehen, dass Louise Eisold damals an der untern Ecke der Brandgasse aus einem Fiaker stieg, in dem noch ein andres geputztes Frauenzimmer und ein Soldat sassen ...

Louise, die in allen Dingen entschlossen handelte und Umstände nicht liebte, machte ohne Weiteres die Kammertür zu, umarmte Fränzchen, nahm sich einen Stuhl und setzte, erschöpft von ihrem raschen Gange, zu ihrer Freundin sich nieder.

Ich habe mir ein paar Augenblicke abgestohlen, sagte sie, und bin froh, dich zu haus zu finden. Du wirst nicht gewusst haben, wo ich so lange geblieben bin.

Auch ich hatte viel zu tun, sagte Franziska.

Lass dich nicht stören! Arbeite fort! Was wird Das?

Ein Häubchen für eine Nachbarin.

Wie hübsch die Spitzen! Kind, ich komme von Florentinen.

Ach!

Ich denke, die Gefahr ist vorüber. Ich hab' ihr zum letzten male meine Meinung gesagt und nun sind wir einverstanden.

Gott sei Dank!

Ich sagte ihr: Wenn wir nicht so ehrlich wären