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, dennoch einzuführen. Er gab vor, eine Bestellung für den Vergolder Louis Armand zu haben und liess genau von Franziska, die vor ihm zitterte wie vor einem giftigen Basilisken, seine Adresse aufschreiben: Monsieur Sylvester, Königsstrasse Nr. 13 im dritten Stock. Er behauptete, bei Armand Aufträge für eine grosse herrschaft zu haben. Franziska mochte ihn nicht ansehen, wandte ihm selbst den rücken, aber sie wurde rot, als Herr Sylvester anfing von Louis Armand zu sprechen und einen langen forschenden blick auf sie richtete. Ja als er sogar von Armand's Äusserm, seinen Verdiensten und Vorzügen sprach, sogar behauptete, ihn von Ansehen zu kennen und Fränzchens Verlegenheit wuchs, hätte sie im Spiegel bemerken können, dass er eine eigentümlich überraschte pfiffige Miene machte. Als er gegangen war, fand die Frau Tischlermeisterin den gelehrten Mann doch so übel nicht. Fränzchen aber riss das Fenster auf und meinte, er hätte eine Atmosphäre hinterlassen, dass sie frische Luft schöpfen müsse. Dennoch setzte sie sich an ihren Nähtisch und dachte dem Lobe nach, das Herr Sylvester seinem Landsmann Louis Armand gespendet hatte. Der widerliche Mann erschien ihr bei längerm Nachdenken jetzt schon minder abschreckend und eines Abends, als der "Zufall" wollte, dass Sylvester ihr, wie sie gerade von der Arbeit kam, wieder in den Weg trat, war er so artig, so manierlich, so zuvorkommend, dass sie zwar Anfangs im Gehen nicht inne hielt, nicht unter ihrem zierlichen Strohhütchen, dem ein blaues Band sehr gefällig stand, aufblickte, aber doch zuhörte, was er, wenn ihn der astmatische Husten nicht plagte, so neben ihr, in seinem gebrochenen Deutsch, hinplauderte. Er erwähnte wieder die grossen Talente des jungen Armand, sprach von vielen unverfänglichen Dingen und empfahl sich an der Tür ihres Hauses mit so viel Artigkeit und so wenig aufdringlich, dass sie ihm wenigstens das eine wenn auch kalte Wort: Ich wünsch' Ihnen einen guten Abend gönnte. Mehr hatte sie ihn nicht gesprochen ... Oben in ihrem Stübchen fand sie damals einen Brief von Louis. Er schickte ihr jenes Gedicht und bat sie, seiner zu gedenken, so lange ihn ernste Pflichten fern hielten ... "Derselbe junge Mann, sagte er in dem Briefe, der schon einmal so freundlich war, an den guten Herrn Märtens einen Auftrag auszurichten, hat mir das beifolgende Gedicht übersetzt, das ich Ihnen widme, meine liebe Franziska! Möge es Ihnen den Trost in Ihrer Einsamkeit gewähren, dass wir Parias der Gesellschaft doch einen stillen Bund geschlossen haben, indem wir für unsere Empfindungen einen gemeinsamen Cultus hegen. Die Reichen und Vornehmen sind nicht so glücklich, sie hassen sich. Wir Armen können uns lieben."

Das letzte Wort in diesem Briefe entzückte Fränzchen; aber Paria in der Gesellschaft und Cultus? ... Das waren zwei Worte, die Franziska selbst mit hülfe mehrer Jahrgänge des Pfennigmagazins, der ganzen Belesenheit der Tischlerin und selbst mit einer Anfrage bei dem gegenübersitzenden Schneider nicht entziffern konnte und ihr unverständlich waren, wie das Gedicht selbst. Sie empfand nun plötzlich das Bedürfniss einer höheren Bildung. Wer sollte ihr sagen, was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus ist? In ihrer nächsten Gedankenreihe fühlte sie, dass es gewiss ein grosses Glück wäre, wenn man französisch gelernt hätte und sonderbar! Von dem Augenblicke an bildete sich ihr der Gedanke: Herr Sylvester hat sich so lange nicht sehen lassen, ich möchte ihm wohl einmal wieder begegnen! Dies geschah zwei Tage später. Herr Sylvester begegnete ihr nicht nur, sondern er wagte sich sogar noch einmal zur alten Frau Märtens an einem Sonntage, wo er vielleicht wusste, dass diese strengen Sittenrichter in die Kirche gegangen waren. Heinrich Sandrart hatte Parade und Fränzchen tat dem Sergeanten nicht den Gefallen in die grosse Allee zu gehen, wo er stolz mit seiner Gardecompagnie unter Befehl des ihm seit dem Fortunaball nicht besonders gewogenen Lieutenants von Aldenhoven, vor sich einen Flottwitz und hinter sich einen Flottwitz, in dem Bataillon des Majors von Werdeck marschirte ... Vergebens sah sich der Sergeant rechts und links um, ob unter den Zuschauern nicht Fränzchens Strohhut mit dem blauen Bande sichtbar wurde.

Vergebens hörte er den Lieutenant von Aldenhoven ihm zuraunen: Was gaffen Sie denn, Sandrart? ... Der Zorn trieb ihm das Blut in's Gesicht ... aber Fränzchen war zu haus, kümmerte sich nicht um die Parade, nicht um Heinrich Sandrart's goldene Litzen, sie sass unter ihrem gelben kleinen Bibi und knusperte mit ihren weissen Zähnen an den Hanfkörnchen, die der Verschwender über ihr niederfallen liess. Da trat Herr Sylvester ein, sehr elegant, sehr fein, wie ein vornehmer Herr, der sicher heute noch bei einem Minister speiste. Herr Sylvester sagte, er wollte sich erkundigen, wie es mit seiner Bestellung wäre, der reiche Herr drängte um die Einrahmung seiner Bilder, die grosse Meisterwerke wären und glänzende Ausstattung verdienten. Fränzchen bedauerte Louis' Abwesenheit, erzählte, dass er sich der Pflege des kranken Fürsten Egon widme, den er von Paris kenne und zeigte sich so im zug, so angeregt über Alles, was Louis betraf, dass Herr Sylvester Mut fasste, sich umzusehen und sich sehr beherrschte, nicht wieder in den lüsternen Ton zu fallen, den er, hässlich und widerlich genug, nach dem Fortunaball angestimmt hatte. Das Gespräch kam auf die französische Sprache und Fränzchen erkundigte sich, was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus