und immer Louis' Gedicht vor sich nahm und es mit Heinrich's verglich und trotz der schönen und freundlichen Wendungen des letzteren an jenen herben und schroffen Worten einen Gefallen fand, über das sie sich keine andere Rechenschaft geben konnte, als dass unglückliche Liebe doch wohl auch herb und bitter mache.
Zur Vermehrung ihres Leides war nun sogar der Onkel Heunisch angekommen und hatte in rascher Weise mit allen ihren Bedenklichkeiten Kehraus machen wollen. Da wurden im Bunde mit Madame Märtens Heinrich's Glücksumstände gepriesen und als sie immer darauf bestand, sie wollte noch nicht heiraten, hiess es, so möchte sie in das Forstaus nach Hohenberg mitkommen und dem Onkel die Wirtschaft führen. Die Ursula sträube sich zwar dagegen, aber der Onkel, dem das Heiraten so vergällt worden, müsse eine Stütze für sein Alter haben. Heinrich würde dann seinen Ernst beweisen können. Nähme er seinen Abschied, käme er nach dem Ullagrunde, der nur zwei Stunden vom Forstause läge und halte er dann noch um die Franziska an, so würde sich das Übrige finden. Dann wollte er schon, wenn entweder auch noch die Ursula Marzahn um ihn herumspuke oder schon jenseits wirtschafte, sich allein zurechtfinden, wisse er doch, im Ullagrunde bei dem reichen Bauer Sandrart wohne ein Paar, das ihn lieb hätte und wo er öfter verweilen würde als auf dem Gelben Hirsch, ginge auch der Weg nach dem Ullagrunde über einen Ort vorbei, den er gern miede, über das Kreuz am Strudel und die Sägemühle.
Fränzchen hatte, selbst wenn ihr nicht Louis Armand im Sinne gelegen wäre, ein Grauen vor dem Forstause. Sie war in ihrer Kindheit, als ihre Ältern, die sie mit den Wandstabler's verwandt machten, gestorben waren, einige Wochen beim Onkel Heunisch, bei ihrem Vaterbruder, gewesen (ihre Mutter war eine Schwester des Wachtmeisters und Haushofmeisters Wandstabler); allein die Ursula Marzahn hatte diesen Besuch offenbar mit scheelem Auge angesehen und hinter zutunliche Freundlichkeiten manche schlimme Absicht versteckt. Wie oft hatte sie nicht das kleine Mädchen an einen mit schönen gelben Blumen überwucherten Sumpf geführt und ihr gesagt: Hol' einmal ein Büschel Blumen, Fränzchen, ich weiss ein Kunststück und sage dir, wer dein Mann wird!
War das kleine Kind dann in den Sumpf bis an die Knie gesunken, so lachte sie und wollte sie nicht wieder herausziehen. Weinte sie dann über ihre beschmuzten Strümpfe, so bot ihr die Alte zwar grosse Brotschnitte mit Zwetschenmuss und ganz feinem weissen Zucker aus ihrem Geheimschranke darauf, aber einmal, dass sie davon gegessen hatte, war sie so elend krank geworden, dass sie die Schnitte mit dem Zwetschenmuss und dem weissen Zucker aus ihrem Geheimschranke nicht wieder nehmen wollte. Heunisch, der sich überzeugte, dass das Kind in seinem wald nicht viel lernen und unter der Wunderlichkeit der damals noch rüstigen Ursula leiden würde, nahm sie damals fort und gab sie in die Stadt zu den Wandstabler's, die es freilich so arg mit dem jetzt herangewachsenen Mädchen vorhatten, dass es eines Tages aus dem Pavillon, wo der alte Fürst badete, mit Schaudern entfloh und sich bei den Tischlermeisters Märtens, die ihre Ältern gekannt hatten, einmietete, um hinfort von ihrer hände Arbeit zu leben. Heunisch sagte nun zwar, die Ursula wäre alt und zahm und ganz kindisch, aber es graute ihr doch vor dem Gedanken in das Forstaus zurückzukehren, und als der Onkel gar hören musste: In deinem wald, Onkel, sterb' ich! da brach er lieber vorläufig von seinen Vorstellungen ab und beschloss betrübten Herzens und unverrichteter Sache, aber mit Hoffnung auf den Sergeanten nach haus wieder heimzukehren.
Den Hochmutsteufel, sagte er sich zum Trost, hab' ich ihr doch vertrieben! Dies zeugnis, das er sich als Belohnung für seine Reise geben zu dürfen glaubte, bezog sich auf den Fortunaball, über den sich Fränzchen, ihrer Freundin Louise Eisold wegen, nicht völlig zu rechtfertigen wagte und es nun auch nicht mehr nötig hatte, da Heinrich Sandrart sie eben dort kennen lernte. Noch mehr Hochmutsteufel lag Heunischen in einem Luxus, der in seinen Augen sehr überflüssig war, in der Erlernung der französischen Sprache. Am Tage nach dem Fortunaball nämlich, wo sie im Gewühl, das nach der gewalttätigen Scene im Garten entstand, mit Heinrich Sandrart wieder zusammengeriet und endlich nach vier Uhr erst, als Louise den Nachtwandler auffing, mit dieser in einem Wagen nach haus entkam, den Sandrart bezahlte, war jener Franzose, dessen grüne Brille, grosser Schnurrbart, lästiger Husten, auf dem Fortunaballe allgemein aufgefallen war, in ihre wohnung gekommen und hatte sich als einen Professor Monsieur Sylvester zu erkennen gegeben. Dieser alte Geck war anfangs von einer so auffallenden Zudringlichkeit, dass das junge Mädchen ihm verbot, sich wieder bei ihr sehen zu lassen und Madame Märtens unterstützte diese Weisung ihrerseits mit feinstylisirten Drohungen, die er in seinem gebrochenen Deutsch vergebens zu beschwichtigen suchte. Monsieur Sylvester war bejahrt, verbarg diese Tatsache aber durch Perrücke und mancherlei nur in der Nähe sichtbare Toilettenkünste. Er hatte eine sehr glatte, aber fast leblose Haut. Wenn er mit den scharfen grauen Augen blinzelte, sah man an den Schläfen hundert Falten, die sich bis an die Augenwinkel zogen. Die hervorstehenden Zähne waren offenbar nicht ächt. Seine feine Kleidung verriet den Mann von Welt und an einschmeichelnden, gewandten Manieren fehlte es ihm sowenig, dass er es wiederholt wagte, sich bei dem jungen hübschen Mädchen, das inzwischen schon von Heinrich Sandrart die ersten Huldigungen empfing