, fanden zwar viel Anerkennung und lachenden Dank, aber selten Geld. Kam dagegen eine Frau und sang im Vorderhofe ein geistliches Lied und wurde von den Bedienten, die aus den Hinterfenstern neben den Seifenwassergossen lungerten, ausgespöttelt, so durfte sie nur getrost in den Hinterhof gehen. Ein: Wer nur den lieben Gott lässt walten! öffnete hier alle Fenster der Armen und Jeder gab der Sängerin, was er noch glaubte entbehren zu können.
Eine solche Sängerin hatte eben den Hof verlassen und mit dem letzten Verse des Liedes: Befiehl du deine Wege! Fränzchen's ohnehin tränenvolles Gemüt gerührt ... Es gibt einen Zustand der Seele, wo schon jede leiseste Berührung einer wunden Stelle ein Überfliessen zur Folge hat, wie bei einem übervollen Gefässe ... Fränzchen hatte der Sängerin einige Pfennige gegeben. Sie untersuchte nicht, wie mechanisch und geläufig schon jener Bettlerin dieser religiöse Gesang sein mochte, sie empfand ihn wie eine unmittelbare Eingebung gerade nur zur Lösung ihrer eigenen gepressten Stimmung. Wie einige grosse, schwere Tränen auf ein Häubchen fielen, das sie der Frau Meisterin richtete für den nächsten Sonntagskirchgang zu Propst Gelbsattel – Frau Märtens liebte erhabene Anregung – zog sie die Schublade ihres Nähtischchens noch weiter heraus, hob einen gelbgebeizten kleinen Deckel auf und zog zwei Papiere hervor, die sie neben sich hinlegte. Das eine entielt, von Siegbert auch in deutschen Lettern niedergeschrieben, seine Übersetzung des französischen Gedichtes von Louis Armand, das andere ein zweites Gedicht, das ihr Heinrich Sandrart, der junge Sergeant, verehrt hatte.
Das französische Gedicht hatte sie Anfangs, als eine Huldigung des Mannes, den sie mit so hoher Verehrung liebte, überrascht, dann aber bei mehrmaligem Lesen war es ihr befremdlich geworden. Sie hatte wochenlang nichts mehr von Louis vernommen, die vielen Bestellungen, die für seine Bilderrahmen und Spiegelformen einliefen, wurden vorn von dem verschlossenen Comptoir hierher an den Tischler Märtens verwiesen und auf eine grosse Schiefertafel für die Zeit verzeichnet, wo endlich zu hoffen stand, dass Louis Armand aus dem stolzen Palaste seines hohen Gönners zurückkehren würde. Wie wuchs da des armen Mädchens Verlangen, doch irgend etwas von diesem einschmeichelnden, sanften und so zarten jungen Fremdling zu vernehmen und nun erschrak sie regelmässig, dass ihr sein Gedicht so wenig verständlich war! Da waren Wendungen, so schrill, so schneidend, dass es ein unschuldiges deutsches Mädchen kalt überlaufen musste und doch entzückte sie wieder das stolze: "Nur weine nicht", mit dem jeder Vers trotz seines schlimmen und fast höhnischen Inhaltes schloss ...
Heinrich Sandrart dagegen, der seit dem Fortunaball sich an sie geklettet hatte wie mit einer wahren Toggenburg-Treue, der junge Sergeant hatte in seinen Versen sogleich das Beste, das Höchste, das Schmeichelhafteste von ihr gesagt. Er redete sie mit so glänzenden, so wohltuenden Bezeichnungen an, nannte sie seines Lebens Sonne und seiner Hoffnung Wonne, sprach vom lichten Schimmer ihrer Augen, dem Kelch, aus dem er Liebe wollte saugen, und sah die Jugend und die Tugend in ihr treugepaart und nannte sie einen Edelstein unübertrefflich in seiner Art. Das Alles klang, besonders von Frau Märtens schmelzend vorgetragen, gar lieblich und schmiegsam und war bis jetzt das einzige, was für Heinrich Sandrart bei ihr sprach. Wie oft hatte sie ihn gebeten, ihr nicht mehr des Abends da, wo sie gearbeitet hatte, aufzupassen und sie nach haus zu begleiten! Wie zürnte sie ihm, dass er offen und frei mit den alten Märtens sprach, seine edelsten Absichten diesen Leuten zu erkennen gab und diese umsomehr für sich gewann, als er sich in der Eigenschaft eines reichen Bauernsohnes genügend ausweisen konnte! Wie litt sie unter den Vorwürfen der Frau Tischlermeisterin, die ihr wegen ihrer Sprödigkeit gegen den hübschen jungen Sergeanten in gewählter Sprache gemacht wurden! Dieser kam nie ohne eine Aufmerksamkeit, nie ohne ein kleines Geschenk. Einen Blumenstrauss, eine kleine Näscherei, ein Bildchen führte er fast immer bei sich, wenn er sich sehen liess. Aus den Rockschössen seiner feinen Patentuniform langte er das feinste Obst hervor und hielt sich Abends und Morgens, wo er nur Zeit fand, stundenlang, wenn nicht an Fränzchen's Seite selbst, doch bei den alten Märtens auf, die gern mit ihm plauderten, weil er gemütlich und noch über das Pfennigmagazin hinaus unterrichtet war. Fränzchen war nicht etwa kokett oder schnippisch gegen ihn. Gerade, weil sie ihn nicht lieben konnte, war sie einfach und duldsam gegen seine Besuche und fand nichts darin, dass er ihr oft, während sie arbeitete, einen Kuss von der Hand stahl, die im Nähen sich nicht verstecken konnte. Sie trug gern kurze Ärmel in der guten Jahreszeit, musste nun aber ihr bestes, schönes, blaues Kleid tragen, nur um durch lange Ärmel zu verhindern, dass Heinrich Sandrart stundenlang auf ihre zarten weissen runden arme blickte, gierig sich mit seinen liebesirren Blicken an der feinen Haut weidete und ehe sie sich's versah in die weichen Formen einen brennenden Kuss drückte. Ihn mit Gewalt von sich zu weisen, hatte sie den Mut nicht. Wer gab ihr ein Recht, an Louis Armand wie an eine Hoffnung zu denken! Hatte er sie nicht in diesen letzten Wochen ganz vernachlässigt? War ihr mehr von ihm noch geblieben, als dass sie manchmal mit zitternder Hand auf die Schiefertafel für seine kunstvollen arbeiten Bestellungen schreiben konnte, die nach seinen Tonformen schon einige Gesellen des alten Märtens auszuführen versuchten? Dann kam es wohl, dass sie denn doch immer