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aber gar freundlich angestrichen und mit blumenbesetzten Fenstern geziert waren. Das Viereck dieses Raumes war zu klein, um viel Licht aufzufangen. dafür rückte Jedes, was hier von armen, meist arbeitenden Leuten wohnte, mit seinem ganzen Leben dicht an's Fenster und hob die wohnliche Traulichkeit dieses kleinbürgerlichen Hinterhofes zu einem haus, das nach vornehin sehr stattlich und eben "herrschaftlich" aussah.

Sowie man aus dem grossen, lehmgedielten Torwege trat, ging gleich links, an der Tischlerwerkstatt, eine Stiege in die Höhe und führte in die wohnung des alten Christian Märtens. Erst kam ein Breterverschlag für die Küche, die eigentlich nur ein eingezäunter Kamin war, dann eine sehr geräumige stube, wo die alten Tischlersleute wohnten und dann erst eine grosse kammer, in der Fränzchen Heunisch wie eine Taube auf einem Giebel sass.

Die auf dem Fortunaball ihr von Jeannetten gemachte wenig erfreuliche Aussicht, sie als Schlafgenossin in diesen engen Raum aufzunehmen, war glücklicherweise nicht in Erfüllung gegangen. Jeannette war bei dem verwundeten Neumann geblieben und hatte sich unter dem Vorwande der Pflege ihres Bräutigams im Schlurck'schen haus gewaltsam festgesetzt. Sie kannte die Nachgiebigkeit der Ältern, die sie gern duldeten. Nur Melanie konnte sich vorläufig noch nicht entschliessen, sie wieder in ihre Nähe zu lassen.

Fränzchen Heunisch wohnte allein und war seit einigen Wochen mehr daheim als sonst. Melanie, bei der sie wöchentlich oft vier Tage hatte arbeiten müssen, liess sie nicht mehr so oft kommen wie sonst. Seitdem man sagte, fräulein Schlurck wäre mit dem Stallmeister Lasally verlobt, schien sie weniger die Gesellschaften zu besuchen und schränkte sich auf die Toilette ein, die sie schon besass. So blieben dem jungen, überall gern gesehenen, bescheidenen kind nur noch einige wenige Herrschaften, die sie mit ihrer Eitelkeit ernährten aber auch plagten und wie gewöhnlich nichts nach Wunsch bekommen konnten. Am meisten war sie daheim und arbeitete still für sich an den ihr gegebenen Aufträgen.

Friede und Stille umgab sie. Die Tür des Nebenzimmers war fast immer geöffnet; die alte Frau Tischlermeisterin wirtschaftete in der Küche oder las geistliche Bücher, die Zeitungen, Pfennigmagazine, oder was sonst von Colporteuren wohlfeil in diese kleinen Hütten bescheidener Lebensansprüche getragen wurde und bei dieser Frau eine etwas konfuse Bildung erzeugt hatte. Der alte Meister arbeitete noch rüstig in der Werkstätte. In ihrem Kämmerchen hatte Fränzchen gern das Fenster auf und sass anmutig wie ein Blumengeist mit ihrem zarten, feinen Köpfchen unter den Levkoyen und dem Goldlack, der in Töpfen um sie her stand. In einem kleinen erdgefüllten Kasten wurde sogar Kresse gezogen, die sich jetzt im Spätsommer am Bindfaden schon hoch zum Giebel des Fensters hinaufrankte. Ein Kanarienvogel, leider nur in einem hölzernen Bauer, (Fränzchen's Wunsch ging für ihren gelben kleinen Bibi sehr auf einen drahtgeflochtenen!) hing fast über ihr, wenn sie gedankenvoll, halb vegetirend sass und nähte. Manches Hanfkorn fiel von dem hüpfenden Bibi auf die zarten Wollbesätze und Puffen und Volants, die sie nähte. Vor ihr stand ein Nähtischchen, das ihr der alte Märtens zu monatlichen Abschlagszahlungen einmal auf Weihnachten verehrt hatte in Anerkennung ihrer nun schon über vier Jahre fleissig gezahlten Miete und ihres sittlichen lobenswürdigen Verhaltens. Da waren in der aufgezogenen Schublade Kästchen an Kästchen und soviel bunte Seide, soviel weisser, feiner Twist lag vorrätig, dass sie mit Ruhe jeder neuen Bestellung entgegensehen konnte, ob sie nun von Vornehmen kam oder nur darin bestand, dass sie für Dienstmädchen des Hauses und der Nachbarschaft ein Häubchen zu stutzen oder einen Halskragen zusammenzusetzen übernahm. Auch einiger Vorrat bunter seidner Bänder lag in zierlichen Rollen in jenem Tischchen verborgen. Im Hintergrunde des Zimmers stand ein reinliches Bett auf der einen Seite, auf der andern eine alte geschweifte Kommode und neben einem alten eisernen Windofen, der für eine kammer ein grosser Reichtum, fast eine Überraschung war, stand noch ein Waschtisch, geschmückt mit kleinen unschuldigen Mitteln zur Pflege einer Schönheit, die eigentlich das frische, klare Quellwasser nur als seinen schönsten kosmetischen Beistand nötig hatte. Aber ein junges Mädchen ist nicht so einfach, dass es sich nicht auch den Luxus einiger Seifen, eines guten Zahnpulvers und einiger Hülfsmittel zur Pflege des Haares gestatten sollte.

Das Leben eines solchen kleinen Hofes ist, wenn auch keine Gessner'sche, doch eine Idylle. Unten hörte man das Sägen und Hobeln aus der Werkstatt. Gegenüber klopfte ein Schuhmacher auf sein Kniebret; ein armer Flickschneider, der mit kreuzweis geschlossenen Beinen wie ein Türke auf hohem Tisch vor einem offenen Fenster sass, sang sich oder pfiff zuweilen ein schnurriges Lied oder sprach, während er seine Fäden wichste, zu andern Fenstern hinüber oder in die Tischlerwerkstatt hinunter. Eine Katze, die einmal irgendwo an einem Fenstersims oder am Dachrande ein equilibristisches Kunststück versuchte, war ein Ereigniss für den ganzen Hof. Man lachte, lockte, pfiff dem Tier und benützte die Unterbrechung, um die Köpfe aus dem Fenster hinauszustecken und sein Zusammenleben manchmal harmonischer zu fühlen. Zuweilen kamen auch Verkäufer von der lauten, wagenrasselnden Strasse herein und schrien Besen, Sand, Lebensmittel aus, die zuweilen einen lauten Handel zur Folge hatten. Fränzchen konnte da von einigen erprobten und resoluten Hausfrauen die Kunst des Feilschens lernen. Oft erschrak sie, wenn die Verkäufer geradezu nur die Hälfte ihres Vorschlags geboten erhielten und traurig genug konnte sie sein, wenn die Waare auch wirklich dafür gelassen wurde, noch trauriger, wenn der Verkäufer abzog und beim besten Willen für so wenige Pfennige seine Waare nicht lassen konnte. Spielleute, die auch hereinzogen