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sich gedacht und dabei eingestanden, dass ein Abendimbiss in dieser freien Luft, beim würzigen Hauche der düstern Tannen des Parkes, dem Dufte des weissen Flieders und der Linden von der Kirche her, bei alledem höchst erfreulich und ländlich-anmutig sein konnte. Sein Nachbar schielte schon lange von Zeit zu Zeit nach dem Pavillon hinauf und dem weissen gedeckten Tische und den Gläsern und Tellern, dem Silberzeuge, den Messern und Gabeln, und sein Schweigen brechend, rief er, auf die dreissig Schritte, die er von der Brombeerhecke etwa entfernt war, in gutem geschultem Deutsch, die satirischen, auf die Kutsche bezüglichen Worte hinüber:

In der alten Carrête da haben sie gewiss schon Zieten aus dem Busch begraben.

Siegbert Wildungen verstand ganz gut, dass die "Carrête" die eben angefahrene Kutsche sein sollte, blickte aber nicht hin. An ihrem Gepolter schon hörte er, dass sie baufällig und altmodisch sein musste. Sie aber auf den alten Zieten "aus dem Busch" zurückzuführen, das war eine Landesanschauung, die ihm, obgleich er demselben staat angehörte, nicht gleich ganz geläufig war. Er beantwortete die Bemerkung nicht.

Nach einer Pause lachte der junge Rotaarige wieder hell auf und sagte:

O Je! O Je! Die alten Schindmähren hat schon Metusalem gefahren.

Siegbert Wildungen fühlte sich vom Ton des Sprechers und noch mehr von seiner Absicht, ein Gespräch anzuknüpfen, nicht eben angenehm berührt und antwortete wieder nur durch ein leichtes Aufblikken. Es schien ihm so unwürdig, sich gleichsam auf Geheiss eines solchen Menschen umwenden zu sollen und seine selbstgenügsamen Witze beifällig zu bestätigen. Dennoch regte ihn unwillkürlich die Vorstellung von Pferden, die schon Metusalem gefahren hätte, an, und es half nichts, er musste nun über seine Mappe hin wenigstens zu dem Gesellen im Kornfelde einmal hinüberlugen. Als dieser mit spähendem Auge das erwachende Interesse des Malers bemerkte, fuhr er, wie dadurch ermutigt, fort:

Fallen Sie nicht, Excellenz! Immer langsam voran, altes schweinsledernes Porcus Juris! So! Kommen Sie zum Handkuss bei Ew. Gnaden, Phylax und Sultan? Kätzchen darf auch guten Tag sagen? Miau! Miau! Und der schwarze Spitzbub, der Rabe, hui! was der ihm wohl ins Ohr geplauscht hat von Galgen und Rad! Ein Compliment von Kühnapfel und Tschech? Nicht wahr, Du alter Küster vom Rabenstein! Jetzt wird wohl gefrühstückt? Lasst's Euch gut schmecken! Prosit die Mahlzeit!

Während dieser sonderbaren, mit scharfem maliziösen Ton vorgetragenen Worte schnarrte die alte Turmuhr Fünf. Siegbert konnte jetzt nicht umhin, sich völlig umzuwenden und sich die Scene anzusehen, die ihm ebenso barock geschildert worden war.

Die mehrerwähnte Kutsche fuhr eben am Gartenstackete entlang, um in die entfernter liegende Hoftür einzulenken. Im Garten und vor dem schloss sah er Niemand mehr.

Schade, dass Sie zu spät kamen, sagte Siegbert's immer zutraulicher werdende Bekanntschaft.

Wer stieg denn aus? fragte Siegbert nach einer Weile mit einem ruhigen und sanften Tone.

Der, dem das Schloss da gehört, antwortete der Fremde, kennen Sie ihn nicht?

Gibt's vielleicht einen Herrn von Tempelheide? bemerkte Siegbert.

Tempelheide? Das nicht! Da wohnt der alte von Harder im Sommer.

Wer ist der alte von Harder? fragte Siegbert, ohne in seiner Arbeit aufzuhören.

Es gibt zwei Excellenzen von Harder. Eine junge und eine alte. Also die Excellenzen von Harder kennen Sie nicht? Da sind Sie fremd. Die junge Excellenz verwaltet die königlichen Gärten, wie Erzengel Michael das Paradies, aber bloss mit der Giesskanne und dem Rechen in der Hand. Der Alte aber trägt's Schwert und die bekannte Wiegeschale. Der ist bei uns Gottes wirklicher Stellvertreter auf Erden, wenigstens was die zeitliche Gerechtigkeit anbetrifft.

Also wohl der Justizminister?

Beinahe, aber noch mehr! Es ist der Präsident des Obertribunals! Neunzig Jahr alt! Halbblind, wie's Madame Temis verlangt, wackelig wie ihr Wiegebalken. Die Der schon alle hat köpfen lassen, die würden drüben nicht auf den Kirchhof hin können! Ein Todesurteil bestätigen, ist ihm wie 'ne Prise Schnupftaback nehmen. Die Leute haben grossen Respect vor ihm; mir kommt er aber kindisch vor. Man muss ihn nur sehen, wenn er mit Hunden und Katzen, besonders aber, wenn er mit einem gewissen Raben spricht.

Wer neunzig Jahr alt geworden ist unter den Schlechtigkeiten der Menschen, bemerkte Siegbert, doch angezogen von der abgerissenen Rede des Nachbars, Dem ist nicht zu verdenken, dass er uns vernünftige Zweibeine längst satt hat und sich mit den unvernünftigen Tieren unterhält. Tut er denn Das?

Der Nachmittagsschläfer pfiff sich statt der Antwort ein Lied, reinigte seinen Hut und band die Halsbinde um, dann sagte er, als hätte er die Frage erst überlegt:

Schlechtigkeiten? Schlechtigkeiten ist manchmal sosobei der Handtiererei, dem Rechtsverdrehen.

Er sang dann weiter.

Nach einer kleinen Pause, die nun auf die letzten mit grosser Bitterkeit gesprochenen Worte auch Siegbert machte, bemerkte dieser ruhig fortzeichnend:

Haben Sie wohl einen Process verloren?

Einen? Mitunter ein Dutzend, antwortete der Fremde und setzte pfiffig hinzu:

Noch öfter aber welche gewonnen. Gerade wegen der gewonnenen Processe legt sich der Respect vor der Justiz. Aber's Obertribunal ist gut; es kommt nur darauf an, dass Einer soviel Lunge, d.h. Geldbeutel hat, um sich nicht ausser Atem zu laufen, bis er bei der neunzigjährigen Unparteilichkeit