Helene? Hat sie etwas zu erlauben? unterbrach ihn Egon ... heute' um vier Uhr, bitte' ich dich, sei an dieser Stelle! Ich soll auf Schloss Solitüde fahren. Begleite mich mit Louis, wenn dir der Handwerker nicht anstössig ist.
O, Freund!, sagte Dankmar, Der, den du liebst, den liebe auch ich. Willst du aber nicht noch einen andern Menschen, der viel besser ist als ich, in unsern Bund aufnehmen? Es ist mein Bruder Siegbert, älter als ich, edler, tüchtiger, schwärmerischer, ganz deiner Liebe wert, und wenn er einmal die Gräfin oder dich selbst malt, wirst du sein Talent schätzen lernen.
Dein Bruder! Seid mir Beide willkommen! rief Egon. Oder denkst du wieder: Wenn es Helene erlaubt? Welch' ein Wort war Das? Menschen, spottet meiner nicht, sondern habt Mitleid, dass uns die schwachen Augenblicke in solche Bahnen führen!
Paradiesesbahnen! ergänzte Dankmar. Ich sah sie flüchtig und war bezaubert ...
Sie ist schön! lauteten Egon's langsam und nachdenklich bestätigenden, empfundenen, aber doch kargen Worte.
Schönheit, wenn sie dauernd zu fesseln im stand ist, kann nicht ohne Herz sein; sagte Dankmar und erwartete eine Antwort.
Egon schwieg aber. Er umarmte noch einmal den Freund, begleitete ihn mit den Worten: Habt mich lieb! Ich bedarf es! an die Tür und rief ihm, als Dankmar schon ging, noch nach:
Um vier nach Solitüde mit dem Bruder!
Dankmar nickte. Als er auf der Strasse im Freien war und den Weg zur Fürstin Wäsämskoi einschlug, wo sein Bruder seit einiger Zeit fast täglich zu Mittag speiste, sammelte er alle die Eindrücke, die ihn da in so rascher Aufeinanderfolge bestürmt hatten.
Von seiner eigenen Angelegenheit hatte er nicht reden können und noch nicht mögen.
Er war es also! sagte er sich. Es ist der Freund aus dem Turme von Plessen, der dich seinen Posa, sich meinen Carlos nannte! Es ist der Egon, um den du mit Melanie Versteck spieltest und dich selbst auf's Spiel setztest! Es ist Egon von Hohenberg, der Fürst, der Flüchtling oder Schwärmer, der Aristokrat in seiner modernsten Fassung! Umwoben von Poesie, auf die Höhe der Zeit sich stellend, fühlend mit dem volk, für das Volk und doch ... Aristokrat?
Dankmar gestand sich, dass Egon einer der liebenswürdigsten Menschen war, die er je gesehen hatte, und doch war ihm ein fremdes Element in die Erinnerung an den Turm von Plessen gedrungen. Er suchte nach einer Formel, die diesen Charakter bezeichnen sollte und fand sie nicht. Schon dass er dem weiteren Nachforschen entsagen und um Frieden zu gewinnen sich ganz an jenen Ackermann und die Vorstellung, wie wohl Selma in weiblicher Verklärung vor ihm stehen würde, verlieren konnte, schien ihm, als er so zu den Wäsämskoi's hinwanderte, ein ernstes mahnendes Zeichen ...
Egon aber, auch in sich etwas erkältet, erbittert durch die Enttäuschung über das Bild und dass er um ein Phantom so prasselnd wie ein Strohfeuer mit seiner Phantasie hatte vor fremden Menschen auflodern, ja um dieses Nichts, um diese Qual mit der bigotten Lebensauffassung seiner Mutter, Alles, Ehre und Leben, hatte auf's Spiel setzen können, Egon, jetzt glühend nur durchlodert von Helenen d'Azimont, jetzt nur erfüllt von der ganzen auf das Herz stürmenden Macht männlicher sehnsucht, warf, dem Leben und seiner Vergangenheit wiedergegeben, alle fragen, alle Skrupel, alle lästigen Empfindungen von sich und schrieb auf das schon angefangene Blättchen:
"Weisst du einen Platz, Helene, wo der ermüdete Flüchtling sein Haupt an ein warmes Herz legen kann, o so nenn' ihn mir! Soll ich mit schwankendem Tritt dich selbst aufsuchen, so erwarte mich heute noch nicht, ich bedarf fremder hände, die mich führen. Willst du aber selber kommen, so wirst du das wehmütige, vom Schmerz halbgebrochene Auge des Freundes finden, wirst Liebe finden, wenn die Menschen lieben können, die zum Strome sagen: Führe mich wohin du willst, ob zum tod, ob zum Leben, nur führe mich zur Ruhe! Dein Egon!"
Diesen Brief sollte der Bediente, der mit seiner Besorgung beauftragt wurde, erst gegen vier Uhr abgeben, wenn der Wagen vorrollte, der Egon und die Freunde nach dem Lustschlosse des Königs, Solitüde, fahren sollte.
Bis dahin bedurfte Egon ernstlich der endlichen Erholung von den Eindrücken, die für seinen Zustand schon zu lebhaft auf ihn eingestürmt waren.
Er sank todtmatt auf sein Lager in dem noch dunkeln mit Teppichen belegten Hinterzimmer und verbot jetzt unter allen Bedingungen, ihn durch irgend etwas bis um drei Uhr zu wecken.
Siebentes Capitel
Ein Stillleben
In dem Hinterhofe des Hauses Wallstrasse No. 14 begegnet Dem, der sich daselbst nur eine Weile umsieht, sogleich der freundliche, saubere Sinn des kleinen Mittelstandes.
Den vordern Hof konnte man herrschaftlich nennen .... Da gab es schmuzige Wasserrinnen, lang an den Wänden herabtriefend, einen Pferdestall, ein ewig feuchtes Pflaster. Durch ein Zwischenhäuschen, in welchem der alte Tischler Märtens seine geräumige und immer von vier bis fünf Gesellen in Tätigkeit erhaltene Werkstatt hatte, kam man, wenn man einen grossen mit Latten und Bretern überfüllten Torweg durchschritt, in einen kleinern Hof, dessen Nebengebäude zwar nur in Holzfachwerk, feuergefährlich genug, aufgeführt dastanden, die