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denn in der Welt aus? sagte er. Sind die Kammern zusammengetreten? Steht das Ministerium noch?

Es wird, sagte Dankmar, die Cigarre ablehnend, mit den Kammern fallen, die sich eben versammeln. Man macht ein neues Ministerium aus der Kammermajorität. Dies regiert vierzehn Tage. Dann kommen einige Forderungen, die die Krone stellen wird. Das Ministerium wagt sie nicht an die kammer zu bringen und dankt teilweise ab. Einige, die mehr Mut haben, bleiben und verstärken sich durch Offiziere, Chefpräsidenten, Bankiers ... Man wird dies Ministerium das Ministerium der Taten nennen. Man fordert jetzt, was die Krone anfangs nur wünschte. Die Kammern, doppelt durchwühlt an sich und vollends noch durch den Ärger der abgetretenen Minister, verwerfen diese Forderungen. Sie werden aufgelöst; alle Freiheiten werden für unbestimmte zeiten suspendirt und man wird regieren, wie es eben geht und so lange es geht, bis der Cirkel durch eine neue Kammerwahl wieder von vorn anfängt oder ein grosses politisches Ereigniss dazwischen tritt. Jede tiefer eingreifende Unternehmung für den Handel, die Gewerbe, für das moralische Leben, für Kunst und Wissenschaft ist dabei suspendirt, wenn nur die Steuern eingehen und die Beamten ihre Besoldung erhalten.

Mir aus der Seele geschildert! rief Egon. Und nur zu wahr, zu wahr! Welch' ein Zustand in diesem gegenwärtigen Europa! Die Völker preisgegeben, wie im Mittelalter, den zufälligsten Persönlichkeiten! Welch' ein Versteckspiel mit diesen Constitutionen, die nur dazu da sind, eine Überwucherung von Ehrgeiz in den dilettirenden Staatsmännern zu wecken! Dies Heer von Advokaten, Journalisten, Beamten, Geistlichen, Soldaten, die sich, weil sie einmal gewählt und genannt wurden, als Volksvertreter, Volksführer, nun sich einbilden, zeitlebens unentbehrlich zu sein, von Ministerportefeuilles träumen und nicht ruhen, bis die Reihe der Schicksalsgunst immer wieder an sie kommt! Das ist wieder das alte Faustrecht in vollkommener Ähnlichkeit, nur dass die Waffen die des dienenden, biegsamen Geistes wurden, die der Feder, des Wortes; es ist der Krieg Aller gegen Alle, den ein furchtbarer, türkischer Despotismus einst beendigen wird, wenn die Guten nicht zusammentreten und selbst die ewigen Güter der Menschheit von den Gefahren befreien, die diese bei solchem Spiele laufen müssen.

Also wo liegt die Schuld? Oben oder Unten?

Überall!

Und die Besserung?

Darüber denke' ich täglich nach, sagte Dankmar. Bald möchte' ich diesen ganzen Bau zertrümmern und ihn neu errichten, bald sehe' ich mich nach einem minder radikalen Heilmittel um. Ich finde keins, das in den Verhältnissen und in den Dingen liegt. Jeden klugen Einfall überbietet gleich ein noch klügerer. Alles, was Weisheit scheint, ist sogleich schon List. Ich suche einen Ausweg und finde ihn nur in dem Menschen und seiner eigenen freien Beschränkung. Geb' uns Einer die und gesegnet sei sein Name in Ewigkeit!

Amen! Amen! fiel Egon eben so feierlich ein. Der Tomas a Kempis hier neben uns tut schon seine wirkung. Wir blicken gegen Himmel und verlangen Wunder. Die Menschen! Eigene freie Beschränkung! grosser Gott! Wildungen, ist dir's noch nie klar geworden, dass die Menschen Bestien sind? Nur wer gearbeitet hat und sich dann ausruhen will, ist gutmütig. Der fleissige Mensch ist ein Kind. Wenn ich Sonntags auf der Chaumière mit Louison und ihren Freundinnen tanzte, dünkten wir uns Götter, und alle Die hatten teil an diesem bescheidenen irdischen Himmel, die ihre sechs Tage Arbeit hinter sich hatten. Die aber, die in die Clubs liefen und Zeitungen lasen, sassen mürrisch und tranken mehr Wein, als sie bezahlen konnten. Louis Armand sagt zwar, die Verfassung der Erde müsse nur auf die halbe Pflichterfüllung begründet werden, sonst wäre dies Dasein eine Hölle. Das bestreit' ich ihm und verweis' ihm oft, wenn er statt zu arbeiten Verse macht und Aufsätze über das los der arbeitenden Klassen schreibt und mehr träumt als er sollte.

Ist Das nicht aber auch eine Arbeit, dies notwendige Träumen? fragte Dankmar, der die Verse: Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! von seinem Bruder kannte.

Die man nicht überwuchern lassen darf! antwortete Egon. Alles drängt sich jetzt nach geistiger Arbeit und behauptet, die wäre eben so schwer und anstrengend wie die materielle. Aber ich frage: Wenn Alle Buch führen wollen, wer wird die Werte erzeugen, die die Feder verrechnet? Nein, Wildungen, sage Denen, die meine Freundschaft für Louis Armand fürchten, ich bin kein Communist! Aber auch die hier übliche Landespolitik veracht' ich, und wenn mir gelegenheit geboten würde, Das zu sagen, was ich denke, würde' ich allerdings den Adel und seine Aufgabe anders bestimmen, als es diese trägen Drohnen der Gesellschaft tun.

Ich darf nicht fortfahren, bemerkte jetzt Dankmar. Ich sehe, wie dich der Gegenstand ergreift. Glücklich werde' ich sein, mit einem mann von deiner wunderbaren Lebenserfahrung einen dauernden geistigen Verkehr zu unterhalten. Aber für heute geh' ich ... Ich bin es dir schuldig.

Du hast mich angeregt, nicht aufgeregt, sagte Egon liebevoll. Du wolltest mir die Aufgabe meines Lebens zeigen und mich auf den Empfang der Welt vorbereiten. Ich danke dir herzlich dafür.

Wann wird Helene d'Azimont erlauben, dass ich dich wiedersehe? fragte Dankmar den Hut ergreifend und eine Menge schöner Dinge über die Reize dieser Dame, ihre Bildung, ihre Liebenswürdigkeit wiederholend.