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finden. Willst du sie wahrmachen? Willst du sie gelten lassen oder verändern? Das steht in deiner Macht.

Was urteilt man über die d'Azimont? fragte Egon und stützte den Kopf auf und blätterte in dem Tomas a Kempis mit einer Resignation, als erschien' er sich bestimmt, nur zu leiden und sich zu täuschen.

Man findet sie so liebenswürdig, antwortete Dankmar, dass alle Welt wünscht, sie trennte sich von ihrem Gemahl und Euer verhältnis würde ein legitimes.

Wünscht man Das wirklich? sagte Egon lächelnd.

Noch mehr! Man fürchtet, dass Louis Armand diese Vereinigung hindert und dich in Richtungen treiben wird, die mit deinen hiesigen Lebensbedingungen im grellsten Widerspruche stehen.

Fürchtet man Das? Wünschen! Fürchten!

Ich habe Männer von hoher Stellung folgendermassen reden hören: Dieser Prinz Egon von Hohenberg ist nun gesund und wird bald in die Gesellschaft treten und sich ohne Zweifel an der Lösung unserer Wirren beteiligen. Schlimm, wenn er sie vielleicht noch vermehren sollte! Es fehlte uns nur noch, dass ein so hochgestellter junger Adliger mit diesem Namen, mit diesen glorreichen Familienerinnerungen, nachdem schon einige junge Adlige und Fürsten uns Verwirrung genug gebracht haben, in Deutschland als Communist auftritt!

Entsinnst du dich denn nicht unserer gespräche auf der Reise? warf Egon hin.

Die Gräfin d'Azimont, fuhr Dankmar nichtachtend fort, wird für deinen guten Genius gehalten. Man hebt hervor, dass sie eine Aristokratin auch der Gesinnung nach ist. So sehr Eure Beziehung gegen die Grundsätze verstösst, die jetzt in unserer Gesellschaft vertreten werden, so wird man sie doch dulden, anerkennen und ihr Ziel, die eheliche Vereinigung, befördern, wenn sie es durchführt, dich von deinen französischen Bahnen zu trennen. Man nennt dich schon ehrgeizig: man behauptet, du strebtest nach Popularität. Man fürchtet, du würdest durch Aufstellung eines neuen Parteiprincipes die Verwirrung vermehren, die so schon an dem Grundbau und dem Fachwerke unseres Staates mehr rüttelt und ihn dem Sturze näher gebracht hat, als es äusserlich beobachtet werden kann.

Dankmar gab diese Fingerzeige so ruhig, so massvoll, so bei aller Strenge duldsam, dass Egon statt der Antwort auf diese Tatsachen selbst sich nur an Den hielt, der sie ihm mitteilte.

Ich bewundere ... sagte er und stockte.

Was? fragte Dankmar.

Nichts, als dich, dich selbst, Wildungen! Wie verschmitzt du bist! Wie fein zugespitzt du das Alles vorträgst! Man glaubt einen König der Salons zu hören oder einen Diplomaten.

Statt dieses etwas zweideutigen Lobes, antwortete Dankmar lächelnd, möchte' ich lieber hören, was wohl Prinz Egon zur Widerlegung aller dieser nur fraubasenhaften Befürchtungen tun wird?

Vor allen Dingen, mein Freund, sagte Egon, werde' ich mich inniger und wärmer denn je an meine Lieben anschliessen. Ich habe einen neuen mir ebenbürtigen Freund in dir gewonnen und in Louis Armand besitz' ich etwas, was du mir nicht einmal sein kannst. Ich bin hier so gut wie fremd. Meine Angelegenheiten treff' in der grössten Unordnung. Ackermann erstrebt das Beste, aber ich kenne die Chimärensucht der neuen teoretischen Ökonomen aus meinen englischen Studien. Nur die grossen englischen Grundbesitzer sind im stand, von der alten überlieferten Weise, die Erde zu bebauen, manchmal abzuweichen und mit Maschinen Versuche anzustellen. Das Zehnte bewährt sich nicht. Die Einigkeit zwischen Ackermann und Herrn von Zeisel, dem nominellen Verwalter des Ganzen, so zu sagen das alte Ministerium, scheint nicht die grösste zu sein. Schlurck, mir längst verhasst, ist abgeschüttelt, aber er hielt die Ansprüche der Gläubiger meines Vaters zurück: ich fürchte, sie werden nun zudringlicher und begehrlicher als je werden. In dieser schwierigen Stellung ist mir eine solche uneigennützige, zwischen Freund und Diener schwankende Hingebung, wie die meines Louis, Goldes wert, denn der gute Mensch ist ohne Ansprüche und fügt sich in jede Rolle und wäre es die des Lakaien. Ich kann ihn nicht entbehren, Wildungen. Ich teile seine communistischen Grundsätze nicht, aber ich ehre viele seiner Principien und werde für sie insoweit zu wirken streben, als ich, wie ich dir schon auf unserer Reise sagte, für eine grössere Heilighaltung der Arbeit bin.

Wenn ich den Prinzen kenne, hab' ich oft den Leuten gesagt, so ist er ein Aristokrat, wie Ihr es nur selber seid! ...

Dankmar warf diese Bemerkung leicht, doch nicht ohne einen forschenden blick hin.

Ich bin kein Aristokrat! wallte Egon fast vorwurfsvoll auf. Ich will, dass Gedanken herrschen, nicht Überlieferungen. Die Politik, wie sie in Frankreich getrieben wird, gefällt mir nicht im mindesten. Aber auch die deutsche ist mir verhasst, die zumal, die hier bisher das Ruder führte. Säss' ich in einer kammer, ich würde, wie jetzt die Dinge stehen, zur Opposition gehören.

Vergib mir, sagte Dankmar, als er bemerkte, dass Egon zu lebhaft wurde und sich über sein Antlitz eine plötzliche Röte zog; vergib mir, dass ich die Schonung des erst Genesenden vergessen habe. Diese Dinge sind wichtig, aber aufregend.

Doch nicht! Doch nicht, Wildungen! sagte Egon und bat nur den Freund, ihm zu gestatten, dass er sich auf ein Kanapé streckte. Er forderte ihn auf zu rauchen. Er bot ihm türkische Cigarren an und erstaunte selbst, dass Louis Armand Alles so hergerichtet hatte, wie er es zu seinem nächsten Bedürfniss stündlich nur wünschen konnte.

Wie sieht es