auf das Glas zu drücken.
Es entält etwas, ich fühl' es an der Schwere des Bildes ... sagte er.
Er spielte die Rolle, die ihm die Sorgfalt der Freunde des Prinzen übertragen hatte. Er stellte sich neugierig, drückte, schüttelte, schob und klopfte an dem Bilde. Endlich – siehe da, es sprang auf!
Egon beklommen, mit der ganzen lastenden Schwere seiner Erinnerungen an die Mutter, an seine Erziehung, seine Jugend, griff erstaunt nach dem Inhalt.
Hier am Glase lag der Pfiff, sagte Dankmar so treuherzig, als wär' er selbst überrascht worden, zufällig streift mein Finger über diese Stelle, ich halte das Bild an ihr fest und es springt auf ...
Egon langte aus der Kapsel ein Buch hervor. Es war schwarz eingebunden, mit in Gold gepresstem Deckel und rücken und mit Goldschnitt verziert.
Er öffnete das Buch und las:
Tomas a Kempis vier Bücher von der Nachfolge Christi ...
Sechstes Capitel
Welt und Zeit
Gute Mutter, sagte Egon nach einer Pause schmerzlichen Lächelns und wehmütig gegen Himmel blickend, ja in seiner bitter getäuschten Erwartung sich zu bekämpfen suchend; gute Mutter, dieses Testamentes hätt' es nicht bedurft, um mich in deine Nähe zu rufen! Das heisst in der Tat um Christi Willen leiden und sterben! Dies Bild hätte mich, wenn ich von der Krankheit nicht erstanden wäre, mein Leben kosten können.
Dankmar schwieg voll tiefen Mitleids über den getäuschten, von bösen Feinden betrogenen Prinzen ...
Wir sind denn also, sagte er nach einer Weile ruhig, da wieder angelangt, Prinz, wo wir im Turme standen! Ein neuer Moment ist in dein Leben nicht eingetreten. Es bleibt bei den alten Voraussetzungen und so wird es wohl auch bei den alten Entschliessungen bleiben müssen. Du fühlst dich stark durch dich selbst! Lass die Vergangenheit und beherrsche die Zukunft!
Da, wo wir im Turme standen! wiederholte Egon. Dann bin ich dir noch viel zu beichten schuldig.
Ich ahne, was ich noch erfahren sollte, antwortete Dankmar ablehnend. Dein Leben ist nicht ohne Beobachtung geblieben. Solche Sterne, die einen leuchtenden Namen tragen, schon wenn sie auf die Welt ziehen, verbergen sich niemals ganz, auch wenn die dunkelsten Nebel über sie fallen.
Worauf deutet diese Schmeichelei, Wildungen? fragte Egon.
Die Erwähnung eines Unglücks ist keine Schmeichelei. Und ein Unglück nenn' ich, wenn ich so hoch stehe, dass ich mich nicht einmal mit meinen Tränen verbergen kann. Soll ich dir sagen, was ich Alles von dir weiss, ohne dass ich unter den Spiegeln deines Pavillons sass und dich um die elfte Stunde erzählen hörte?
Also die Welt erfindet über mich? fragte Egon.
Dankmar antwortete, er wolle hören, ob folgende Verhältnisse Erfindungen wären?
Und nun begann er genau und ausführlich zu erzählen, was sich in dem öffentlichen Gespräch über den Prinzen schon festgestellt hatte. Er erzählte ihm seine geschichte von Lyon an bis zu seiner Ankunft in dieser Residenz. Er nannte ihm Namen und Tatsachen, Louis Armand und Helene d'Azimont, Alles, Alles, selbst dass Louison um die elfte Stunde gestorben war ...
Nichts war der Welt entgangen und wie ein Roman lag es vor Aller Augen.
Als Dankmar geendet hatte, erwiderte Egon nichts. Es hatte ihn tief erschüttert, so offen vor der Welt wie ein aufgeschlagenes Buch dazuliegen und er dankte dem neuen Freunde, dass er aufrichtig und wahr gewesen ...
Da hab' ich nichts an Tatsachen zu erzählen! sagte er schmerzlich. Die Menschen kennen alle Blätter meines Lebens, was die Summarien anlangt. Die Capitel und die Überschriften sind richtig ... Die innere Verknüpfung aber, der Pragmatismus, ja der Text selbst steht nur in meiner Brust und im buch des Lebens verzeichnet.
Und doch fühlt die Welt deinen Pragmatismus nach, sagte Dankmar. Freilich Louis Armand ist und bleibt ein unverständliches Capitel
Weil er schwieg, weil er an meinem Krankenlager stand! Aber die d'Azimont redete! Die zeugte also schon für sich in der Sprache ihrer Tränen, in der Beredtsamkeit ihrer Litaneien. Dies Capitel versteht man; denn aus Allem, was ich von dir gehört habe, entnehm' ich die Darstellung der Salons, den blendenden Styl der sogenannten Rechtfertigungen! Rechtfertigungen! Die Tatsachen sind wahr, aber ihre Verknüpfung haben Frauenhände gestrickt.
Mein Freund, sagte Dankmar in einem ernsten Tone, der ihm seit einiger Zeit zur andern natur geworden war; mein Freund, wenn der Mann liebt, verfällt er dem Urteil Derer, denen die Liebe ihr ganzer Lebensberuf ist. Wir können über Auffassungen unserer Herzensangelegenheiten streiten, wie viel wir wollen; die Frauen lassen sich ihr Urteil nicht nehmen und bleiben bei dem gemeinsamen Interesse, das sie alle verbindet. Ich habe diesem Urteil nachgesprochen. Man bricht den Stab über dich und deinen Glauben und deine Irrtümer. Ganz so wie man urteilt, gab ich dir den Bericht. Ich halte Das für das erste Erforderniss eines Freundes, der den Namen verdient.
Und ich danke dir dafür, wie schmerzlich es mir auch ist, mich nicht der Welt nach meiner Auffassung zu zeigen.
Das wirst du für die Zukunft in deiner Hand haben. Du bist nun hergestellt, die Welt erwartet dich; ich sagte dir offen, wie der Boden aussieht, auf den du trittst. Dies sind die Tatsachen, die man von deinem früheren Leben glaubt bestätigt zu