Fauste gebehrden und noch nicht einmal reif sind, bei einem rechten Faust ein Wagner zu sein.
Eine Dankmarn wahrhaft tröstliche und erquickliche Aussicht war die der ersten Begrüssung des Prinzen Egon von Hohenberg.
Dass sein Gefangener im Turme von Plessen der Prinz war, unterlag keinem Zweifel mehr, und doch will der Mensch auch das Gewisseste und durch Gründe Erwiesenste zuletzt erst durch ein handgreifliches Erfassen, durch die Berührung der Nägelmale, wie bei jenen Jüngern des Herrn, bestätigt haben. Die Frage: Wie werde' ich den dort so schnell gewonnenen Freund nun wiederfinden? Wie ist er aus dem Turm entkommen? Wie verschweig' ich ihm alle die Wirren, die sich an das Bild knüpften, das wir gut tun werden, ihm als etwas Unverfängliches und Überschätztes darzustellen? Diese fragen gingen immer wieder in das Ende über: Und wird es wirklich Prinz Egon sein..? Siegbert war einmal bei Louis Armand im Palais gewesen und hatte sich einigermassen mit ihm über das Bild verständigt. Sonst war noch keine weitere nähere Annäherung und Nachfrage erfolgt. Es befremdete ihn fast, dass Egon nicht seiner längst selbst gedachte und es war wirklich nur Zufall, dass ihm der Förster Heunisch, eben von Egon kommend, staunend über seinen Irrtum, begegnete und von einer so weit vorgeschrittenen Genesung des Prinzen, für den er Dankmarn gehalten, unterrichtete, dass er sich entschloss, sogleich zu ihm zu gehen. Er eilte nach einigem Geplauder mit Heunisch nach haus, kleidete sich flüchtig so, wie er glaubte, einer so hochgestellten Persönlichkeit aufwarten zu müssen und betrat in einer sonderbaren, aber ihm doch wohltuenden Erwartung und Spannung das Palais des Prinzen ... Wie er hier die stolze Treppe, die Statuen, die bronzenen Candelaber, die Teppiche und Malereien mit dem neben seinem Einspänner einherwandernden Blousenmann und dessen Wiedersehen in dem vergitterten kleinen Turmgemache zu Plessen verglich, kam ihm eine wahrhaft befremdliche, abenteuerliche, ja durch die schon in ihm verklungenen Erinnerungen an jene romantische Reise elegische Stimmung. So ungleichartig der elektrische Leiter seiner Erinnerungen war, auf diesen steinernen Stufen, wo das Echo seiner Schritte an den marmorirten Wänden widerhallte, war's ihm plötzlich, als schlüge die Nachtigall in der Mondnacht im Schlossgarten von Hohenberg, als hörte er das Rauschen des Waldes, den er an Selmar's Seite durchwandert war, und als stünde er unter jener Eiche wieder, unter deren gezackten Wipfeln er durch Ackermann veranlasst wurde, über ein schöneres Walten auf dieser Erde und einen lebendigeren Zusammenhang der guten und reinen Geister zu träumen.
Im Vorzimmer fand er den Justizdirektor von Zeisel, den er vom Turme her und seinem Verhöre sogleich wieder erkannte.
Die lange hagere zerstreute Figur entsann sich seiner offenbar nur dunkel, stellte sich aber als kluger Weltmann, den die lange Abgeschiedenheit und Isolirung des Landlebens in gewissen Höflichkeitsgesetzen nur noch ängstlicher und übertriebener gemacht hatte, über Dankmar vollkommen orientirt. Er kam in bänglicher Erwartung. Schlurck war seiner früheren Functionen entoben, ein neuer Administrator mit grossen Vollmachten hatte das Ruder der Verwaltung ergriffen, die Aussicht, vom Patrimonialverhältnisse in die allgemeine Landesgerichtsverwaltung in gleichem Rang, gleicher Besoldung wie bisher aufgenommen zu werden, verdüsterte sich und er wäre gern in seinem früheren bequemen Verhältnisse geblieben. Mit grosser Besorgniss dachte er an die Resultate dieser ersten Begegnung mit dem Sohne des alten Fürsten, der ihn einst hatte schalten und walten lassen wie er wollte. Seine Frau, die bei Schlurck's seine Rückkehr erwartete, hatte ihm Mut zugesprochen. Eine Reihe von Vorstellungen und dienstlichen Nachweisungen war wie an der Schnur in seinem haupt aufgezogen. Er hoffte, dass der junge Fürst diese Schnur anziehen, er selbst aber sich bei dieser Vorstellung gut behaupten würde, selbst einem so sonderbaren mann wie Egon gegenüber, von dem man so Vieles zu erzählen, so Unglaubliches zu fabeln wusste!
Brachte den Justizdirektor nun schon Dankmar in Verwirrung und lenkte sein Gedächtniss auf eine Begegnung, die ausserhalb der Administrationsgrundsätze über das Fürstentum Hohenberg und jener Schnur lagen, so musste er vollends das Gleichgewicht seiner Geltung verlieren, als nach der Meldung beider Namen Egon die Tür aufriss und mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit von der Welt rief:
Ist es denn möglich, mein Grossinquisitor und mein Posa, zu gleicher Zeit? Willkommen! Willkommen, Ihr Beide!
Wie der Justizdirektor sah, dass der Prinz dem jungen mann, der sich Dankmar Wildungen nannte, eine stürmische Umarmung zum Grusse, ihm dann bieder die Hand bot und Dankmar dem freundlichen Empfänger lachend folgte und dabei immer rief: Doch! Doch! Ich glaubte nicht daran! Doch! Doch! ... da schwindelten ihm förmlich alle Sinne und er fragte verlegen:
Durchlaucht haben mich schon gesehen? Wo hätt' ich die Gnade gehabt ...
Gibt es denn soviel Verbrecher in meinem Ländchen, Justizdirektor, rief Egon, dass Sie unter der Menge nicht eine Physiognomie behalten können, die Ihnen den Turm, aber auch ihre glückliche Befreiung verdankt?
Und während der Justizdirektor starrte und sich nun umständlich besinnen konnte, umarmte Egon Dankmarn nochmals und zog ihn auf eine Ottomane neben sich nieder, während der Justizdirektor sich nach einem stuhl umsehen sollte und umsehen musste, um sich aufrecht zu erhalten.
Wildungen! rief Egon. Ich bin's! Vom tod erstanden durch jenen Freund, den ich in Lyon fand ... Du entsinnst dich meiner Erzählung?
Dankmar aber, der nicht gleich in den vertraulichen Ton hinein konnte, sagte:
Wir wissen Alles, Prinz, wir kennen Ihre ganze geschichte