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der Kunsttischler und Vergolder.

Egon drückte ihn gerührt an's Herz.

Mein Bruder! Mein Freund! sagte der junge Fürst. Ich danke dir mein Leben! Wenn ich je vergessen könnte ...

Erinnere dich unserer glücklichen Zeit, sagte Louis bewegt, und habe nie umsonst gelebt im Schoosse des Volkes! Einige Tage noch und du bist in die Herrlichkeit deines Standes so wieder eingeführt, dass du davon überflutet sein wirst. Die sorge um dein Eigentum hat dir ein kundiger, braver Mann in Hohenberg abgenommen! Du hast das Bild, dessen geheimnis dir bald gelöst sein wird! Du hast die feurige Liebe wieder, in deren Umarmungen du die Poesie finden wirst, die eher für dich passt als einst die Lyoner Idylle unter unsern alten Nussbäumen ...

Nein, nein, Louis! Ich wollte, ich hätte mich getäuscht und diese Briefe wären von einer fremden Hand geschrieben, nicht von Helenen's.

Wir haben schon gesagt, Freund, unsere Zeit ist nicht darnach, Liebe von sich zu stossen. Lass sie dein Glück sein, aber auch deine Zierde, dein Stolz, deine Erhebung!

Das kann sie nicht! sagte Egon düster. Eine solche Liebe, Louis, bleibt egoistisch. Sie klammert sich wie die zärtliche Umarmung der Schlingpflanze an uns an, will erst nur lieben, nur dienen, nur gehorchen und bald ist uns das Mark der Seele, das Wachstum unserer Zweige ausgesogen, wir verdorren und sind nur noch der Schatten unserer selbst!

O möge diese Erfahrung nie kommen, mein Egon! sagte Louis besorgt.

Egon schwieg nachdenklich. Dann umarmte er mit stummer Rührung noch einmal den bescheidenen Fremdling, mit dem er schon so viel Frohes und Trübes erlebt hatte und der eben von ihm schied mit dem Gefühle, das er sich wohl eingestehen durfte: Ich habe dich vom tod gerettet! Wer weiss, ob mir noch länger dein Leben gehören wird.

Egon rief Louis noch nach, ja nicht bei Tisch zu fehlen und durchaus der heutigen Fahrt nach Solitüde sich anzuschliessen.

Ich muss noch einen Arm haben, sagte er, der mich stützt, einen Fuss, der mit mir geht, einen Kopf, der für mich denkt, Louis! Glaube mir, es wird mir Alles schwer und ich denke, ich bedarf deiner wohl für den ganzen Weg meines Lebens!

Darunter würde' ich selbst leiden! antwortete Louis künstlich lächelnd und suchte die schmerzliche Stimmung durch Scherz zu erleichtern. Du siehst, dass ich auch meine Wege habe und recht geheime, was du später hören sollst. lebe' wohl! Du bist erschöpft. Nimm keine Besuche mehr an! Ruhe dich auf diesen weichen Ottomanen des Nebenzimmers aus und träume!

Ich will es versuchen, sagte Egon, als Louis schon die Tür in der Hand hatte. Ich sah an diesem Guido Stromer, dass man des Geistes zuviel in sich fühlen kann; ich habe das Bedürfniss, jetzt arm daran zu sein. Ich will nicht denken. Ich will vegetiren. Mein Zustand erfordert es.

Eine Weile warf sich Egon, als er allein war, nun auf ein weiches, schwellendes Polster.

Er war furchtbar erschöpft.

Stromer's wühlerische, grübelnde, ziellose, weichliche Dialektik hatte ihm vollends die Nerven angegriffen. Er sank in die Polster, halb ohnmächtig ...

Nach einer Weile fiel sein blick, der erst langsam wieder Kraft gewann, auf das rätselhafte Bild ... er sehnte sich nach Dankmar Wildungen ...

Aber nur flüchtig ... Er stiess mit Gewalt den Reichtum von Eindrücken, der ihn plötzlich überströmte, von sich ...

Das war Alles so überwältigend, so voll, so mächtig! Helene, Dankmar, das wirklich eroberte rätselhafte Bild dort ... das Testament seiner Mutter ...

Er schloss die Augen.

Seine Knabenzeit überschlich ihn. Dies waren die Zimmer, die ihm einst verschlossen waren. Hierher liess ihn der Vater niemals. Es waren die Zimmer des alten Fürsten, die Teppiche, die Statuen ... wie geschmackvoll, wie weich, wie sanft, die Seele einlullend, den Sinnen sich einschmeichelnd!

Seine fürstliche Geburt hatte er noch wenig empfunden. In Hohenberg herrschte kein Luxus und vor den Entbehrungen in Lyon und Paris kannte er nur die bescheidene Bequemlichkeit des Pensionats in Genf.

Nur das mit Helenen verlebte Jahr hatte ihn verwöhnt und weichlich gemacht und vorbereitet, dies Palais seines Vaters doch schön zu finden ...

Aber es hielt ihn nicht lange in dieser ausgestreckten Lage auf den Polstern, den blick so auf die Bilder und die Blumen gewandt, die ihm der Aufseher des Gartens, um sich zu empfehlen, in die Zimmer zur Feier der Genesung gestellt hatte.

Er betrachtete die Züge seiner Mutter und wollte eben auf das Pastellgemälde nun zuschreiten, als ihm das Billet Helenen's zur Erde fiel. Da erschrak er. Er fühlte, dass er ihr in das Hotel, wo sie wohnte, jetzt endlich ein Wort des Grusses schicken musste. Er öffnete, rasch sich ermannend, einen sauber ausgelegten Schrank, zog eine practicable Schreibplatte hervor und warf rasch die Anrede hin:

"Meine gute, liebe Helene!"

In diesem Augenblicke wurde ihm aber der Justizdirektor von Zeisel gemeldet ... und der Referendarius ...

Er sagte, die zweite Meldung überhörend:

Ein Andermal!

Dann sich besinnend:

Morgen!

Wie der Bediente ging, dachte er, dass doch sein erster Beamter die nächsten