1850_Gutzkow_030_385.txt

kuriose Ursache, aber sie will ihm den Abschied geben. Und den Heinrich Sandrart mag sie wirklich nicht, obgleich den stattlichen, braven Jungen zu sehen eine Freude ist. Was sie auf dem Herzen hat, weiss ich nicht. Sie weint und in den Wald bei Hohenberg will sie auch nicht. Da hab' ich ihr gesagt: Kannst du's nicht, so lass es: wer weiss, ob die alte Ursula nicht einmal ein brennend Scheit Holz nimmt und zu guter Letzt mein Dach illuminirt und dann verbrennen wir Alle im stillen Wald und das letzte wild rennt mit hinein in's Feuer, oder wir löschen auch ohnedem wie die Lichtlein aus ... Da wollte sie dann mitgehen. Aber wie sie mir zuviel weinte, mocht' ich's nicht und so gehe ich morgen in der Frühe allein. Nun aber ... Gott erhalt' Ew. Durchlaucht! Adjes, Herr Franzose! Nichts für ungut wegen der Vokabeln! Adjes, Herr Pfarrer! Kommen Sie bald nach, sonst schliessen Ihnen die Bauern die Kanzel zu und machen den Ackermann zum Pfarrer. Wer Den sieht, denkt gleich, der muss auch gut predigen können ...

Wäre Heunisch, der die schärfsten Sinne für die Tiere, aber nicht die geringste Kenntniss der Menschen hatte, ein besserer Beobachter gewesen; so hätte er sehen müssen, dass der junge Franzose in einer auffallenden Erregung mit ihm zugleich aufstand. Louis musste sich gewaltsam beherrschen, nicht loszubrechen und dem Oheim des jungen Mädchens zu gestehen, dass er Franziska Heunisch als ein gutes, ihren Pflichten treuergebenes, engelreines Kind hätte kennen lernen. So aber brach Heunisch rasch ab und liess ihn in der aufgeregtesten Spannung zurück. Da Stromer Miene machte, sein Alleinsein mit Egon nun gründlich zu seinem Besten auszubeuten, so zog sich Louis Armand in aller Stille zurück, um sich zum Ausgehen anzukleiden. Es hielt ihn nun nicht länger, er musste seine alte wohnung, den Tischler Märtens, seinen eigenen Wirkungskreis und Franziska Heunisch wiedersehen.

Die Bedienten trugen das Frühstück ab. Wandstabler erwartete fernere Befehle und entfernte sich, als er diese nicht empfing, mit der letzten Serviette unterm Arm, gerührt, fast dankend emporblickend.

Egon war durch einige Tropfen des starken Weines, den er versucht hatte, angeregt und ermüdete nicht, nun auf Guido Stromer und die etwas umständliche Art, wie sich dieser Mann in Scene setzte, einzugehen, ja selbst noch zu wagen, den Gerichtsdirektor von Zeisel zu sprechen, falls dieser sich noch sollte anmelden lassen.

Guido Stromer, gesättigt, vom Weine mächtig gehoben, mit rollenden blitzenden Augen, entfesselt wie ein alter Bursch, der mit seinen Universitätsgenossen nach zwanzig Jahren sich zu einer Reminiscenz eines Commersches vereinigt, brannte vor Verlangen, mit dem Anliegen, das ihn hergeführt hatte, nun hervorzutreten.

Viertes Capitel

Der Luxus des Geistes

Sie sind schon länger hier? fragte Egon, als der gute Heunisch gegangen war und beide Zurückgebliebenen an einem Fenster Platz genommen hatten.

Durchlaucht, begann Guido Stromer mit einiger Feierlichkeit und den letzten Wohlgeschmack des Gaumens mit der Zunge überstreifend, Durchlaucht, ich gestehe, dass die Veranlassung meiner Reise mit der anhänglichkeit, die ich an Sie, Ihr Haus, Ihre edle Mutter haben sollte, in keinem vollkommenen Einklang zu stehen scheint.

Sie sind wahr, wie Heunisch! sagte Egon. Das freut mich, Herr Pfarrer!

Ich sehe da das Bild der teuren Frau! Ihre herrliche Mutter! fuhr Stromer fort. Mag sie mir vergeben, wenn ich dem Sohne, den ich nun so stattlich, so geistesreif, so anschauungsklar vor mir erblicke, wie ich es vor einer Reihe von Jahren schon aus des Knaben Briefen ahnte, die alte Treue nicht halte und vor ihm nicht im günstigen Lichte der Dankbarkeit erscheine.

Sie wollen sich doch nicht verändern, Herr Pfarrer? sagte Egon, der nun plötzlich mitten in seine kleinen Regierungssorgen eintrat. Aber freilich, wer verdenkt Ihnen Das? Sie haben Ansprüche auf eine bessere Pfarre. Sie sind übergangen, vielleicht zurückgesetzt worden. Sie werden nicht erleben, dass ich Ihnen zürne, wenn Sie Ihre Lage verbessern können..

Durchlaucht sprechen Das, was ich auf dem Herzen habe, nur zum teil aus, antwortete Stromer. Ich will von meiner bisherigen Stellung nicht ganz ausscheiden. Ich will mir den sichern Rückzug auf ein festbegründetes Leben nicht ganz abschneiden. Ich habe ein Weib. Ich habe fünf Kinder. Allein ...

Was möchten Sie?

Wenn Ew. Durchlaucht die Gnade hätten zu gestatten, dass ich meine Pfarre von einem Verweser besorgen lasse, einem jungen, erprobten Candidaten, den ich schon gefunden habe ...

Und Sie selbst?

Ich selbst, Durchlaucht, kann einem welterfahrenen Denker wie Sie wohl aufrichtig eingestehen, ich selbst bin in einer eigentümlichen Krisis befangen. Ich möchte, staunen Sie nicht, ich möchte noch einmal den Versuch wagen, dem Leben eine andre Seite abzugewinnen, als sie sich mir bisher in meinem Wirken am fuss des Schlosses Hohenberg darbot ...

Sie wollten ...

Ich bin ein Geistlicher, der ...

Stromer stockte. Egon half ihm nach mit den Worten:

Ein Geistlicher von einer sehr strengen Auffassung des christentum. Ich weiss Das. Meine gute Mutter schenkte Ihnen ihr ganzes Vertrauen ...

Ich war so glücklich, in meiner früheren Seelenstimmung mit der edlen Verklärten auf einen Ton zu erklingen. Wir ergänzten uns. Wir genügten uns gegenseitig ...