Zeit, Beichtkind!
Richtig, sagte Egon, diese Ablehnung wohl verstehend. Jetzt besinn' ich mich vom Gelben Hirsch, dass Ihr ja ein recht schlimmer Heide seid, Heunisch! Meine gute Mutter und der Herr Pfarrer waren Euch viel zu heilig.
Heunisch wurde vor Verlegenheit blutrot. Er gedachte der vielen argen Spottreden, die er in Gegenwart des Handwerkers in der Blouse gesprochen hatte. Stromer aber horchte hoch auf und begriff nicht, was "zuvörderst" die Erwähnung des Gelben Hirsches sollte?
Zu schweigen aber und lange eine Antwort schuldig zu bleiben, war seine Sache nicht.
Mein guter Heunisch, sagte er, sein Staunen über den Gelben Hirsch unterdrückend, hat schon, wie ich einzutreten die Ehre hatte, vernehmen können, dass ich der Kirche den Wald an die Seite stelle. Die Gotteit wohnt nicht, predigte ich oft, in Tempeln, von Menschenhänden gemacht. Das Rauschen der Blätter im Waldesgrün ist auch eine Offenbarung. Wohl Dem, der sie versteht! Mein guter Nachbar Heunisch machte sich diese Wahrheit immer zu Nutz. Er gehörte nie zu meinen fleissigeren Kirchenbesuchern.
Heunisch konnte nichts dagegen einwenden, schüttelte aber den Kopf und brummte erst das kostbare, sylbengezählte, in Tonschwingungen vorgetragene Wort "fleissigeren" nach und sagte dann:
Es ist doch wahr! Sieh! Es ist doch wahr!
Was ist denn wahr? fragte Egon, der zwischen den beiden Männern nicht klar sah ...
Die Gotteit! Die Gotteit! betonte Heunisch.
Nun, Heunisch, meinte Egon, was haben Sie denn gegen die Gotteit? Sind Sie ein Ateist geworden?
Ateist? Was ist Das, Durchlaucht ... ich meine nur:
Gotteit! Wissen Sie, Herr Pfarrer, vor neun Jahren ... es war Reformationsfest ... vor neun Jahren war ich einmal bei Ihnen in der Kirche und da ging's recht über die Gotteit her. Wissen Sie? Sie sagten, Herr Pfarrer: Eine Gotteit gäb's gar nicht, sondern bloss einen allmächtigen Herrn des himmels und der Erde, der da heisse: Herr, Herr Seligmacher und Friedensfürst! Fürstin Durchlaucht ... Lieber Heiland, da steht ihr Bild ... zweimal, dreimal ... das ist sie auch; ja, ja! Tausendmal steht sie da drinnen in unsern Herzen! ... Fürstin Durchlaucht nickten Ihnen sehr gnädig aus dem vergitterten Stuhl oben, quer über's Schiff weg, auf die Kanzel zu, als Sie sagten: Es gäbe bloss einen Gott, Namens Seligmacher und Friedensfürst, aber keine Gotteit! Wie?
Stromer lächelte.
Anschauungen, die auf einem bestimmten Standpunkte ihre Wahrheit haben! sagte er und nahm nun von den inzwischen aufgetragenen speisen ein halbes kaltes Rebhuhn auf seinen Teller, während Egon Louis herbeirief und ihm, während er selbst nichts genoss, den vierten Teller anbot und Heunischen selbst vorlegte.
Herr Louis Armand, sagte Egon dabei, ein Freund aus Paris, er versteht hoffentlich sehr gut, was deutsche Rebhühner sind. Iss, lieber Freund!
Egon machte sehr gefällig den Wirt und schenkte aus Krystallflaschen Madeira ein, ohne selbst davon zu geniessen.
Louis setzte sich zögernd und verbeugte sich vor den beiden Andern.
Ziehen Sie doch Ihre Handschuhe aus, Herr Pfarrer, sagte Egon, nicht merkend, dass der Pfarrer von überwundenen Standpunkten sprechen wollte, und erzählen Sie uns, was Sie herführt, und auch Heunisch soll sagen, was ihn gerade jetzt von seinem wald trieb, wo es: Hab' acht! heisst. Ich hoffe, ein Jeder von Ihnen bringt mir noch einige Nachrichten, wie es in Plessen, Randhartingen, Schönau aussieht.
Stromer merkte hier wirklich, dass man noch nicht mit der Art bekannt war, wie er sich bei Auseinandersetzungen zu ergehen pflegte. Man hatte kein Ohr für dieses stille Aufschnurren seiner Gedanken, sprach in seine Vorbereitungen zu einer Rede ohne Weiteres hinein und hätte sich eigentlich sagen müssen, dass er in Plessen die Zeisel's, die Sänger's, die Sengebusch's, die Bensheim's und andere Herrschaften schon ganz anders zum Cultus seines Genius abgerichtet hatte.
Ja, ja, ergriff Heunisch das Wort; Das wäre nun wohl mit Verlaub des Herrn Pfarrers die Hauptsache ...
Hat Schlurck schon die Ernte eingetrieben? fragte Egon mit einer Miene, die sich etwas verdüsterte.
Schlurck? sagten beide Gäste einstimmig und blickten verwundert auf.
Sie vergessen Prinz, sagte Louis mit höflichem und sich völlig unterordnendem Ton, dass sich alle diese Dinge geändert haben.
O, o –! fiel Egon ein und bezog seine ablehnende Ausrufung auf die Rolle, die Louis plötzlich in Gegenwart der Andern wechselte ...
Doch fuhr dieser sogleich fort:
Kurz vor dem vollen Ausbruch Ihrer Krankheit besassen Sie noch die ganze Kraft des Geistes, einen Befehl zu erteilen, dessen Vollziehung die besten Folgen für Ihre Besitzungen gehabt hat.
Durchlaucht, sagte Heunisch, wir sind glücklich, dass wir in unserm alten Verhältnisse bleiben und nicht an die Wucherer und die Juden kommen. Der Herr Ackermann fängt das Ding im Grossen an. Das ist ein Hexenmeister und muss den Teufel im Bunde haben. Entschuldigung, Herr Pfarrer! ...
Allerdings, setzte Stromer hinzu, allerdings hat das Auftreten dieses Herrn Ackermann etwas Zauberhaftes. Dem gemeinen mann erscheint er in der Tat wie ein Hexenmeister, der Gebildete muss ihn für einen Adepten seltener agronomischer Kenntnisse nehmen. Wenn Ackermann in dieser Weise fortfährt,