? Leitet der nicht auch den Reubund?
Sie irren sich!
Probst Gelbsattel ...
Täuschung!
Stehen nicht Frauen an der Spitze? Die Geheimrätin Pauline von Harder?
Die auch eine Betende? lachte Schlurck. Sie verwechseln Pauline von Harder mit ihrer Schwester, Anna von Harder. Nein, nein, bester Heidekrüger, fuhr Schlurck fort, Sie mögen vortrefflich über die Hypoteken, Creditbriefe und Vicinalwege dieser Provinz unterrichtet sein ...
Ich halte sieben Zeitungen ...
Deswegen eben! ... Aber Sie werfen Namen zusammen wie Kraut und Rüben! Namen, die mit dem Reubunde nichts zu tun haben! Pauline von Harder ... ich muss lachen ...
Ist sie nicht Grossmeisterin?
Wohl, wohl! Aber, bester Freund, Pauline von Harder ist Alles, nur keine Betschwester.
Irr' ich nicht, bemerkte Dankmar, so ist Pauline von Harder eine geistvolle Schriftstellerin.
Allerdings, sagte Schlurck. Nein, nein, Justus, da reimen Sie sich hier auf Ihrem Freihofe, unter den Tannen, Birken und beim schönen Gesange des Kukuks zuviel ungereimte Dinge zusammen ...
Ich bleibe dabei, sagte Justus, der Reubund ist Muckerei.
Möglich, sagte Schlurck pfiffig, aber nicht in Ihrem alten lichtfreundlichen Sinne! Bester Heidekrüger, Sie nehmen mir nicht übel, Sie sind etwas zäh, etwas starrköpfig in Ihren alten Anschauungen ...
Im Reubund ist Muckerei!
Ja, ja, in gewissem Sinne, aber nicht in Ihrem! Ich sag' es ja! Sie denken noch immer an die alten Provinziallandtage und Ihre dummen verbotenen Bücher ...
Im Reubund ist Muckerei.
Er ist nicht zu widerlegen, meinte Schlurck zu Dankmar gewandt. Er bleibt bei seinem Satz und wird Recht behalten, trotzdem, dass im Reubund die lustigsten Leute essen, trinken, tanzen und an Alles, nur nicht ans Beten denken.
Justus brummte nichtsdestoweniger immer für sich fort.
Im Reubund ist Muckerei.
Der Heidekrüger war so befangen in den alten Voraussetzungen seiner improvisirten Bildung, dass er zwar conservativ geworden war, aber in die Fussangeln des Mysticismus, als alter Gegner desselben, den Reactionairen nicht folgen wollte.
Ich bin aber doch begierig, bemerkte Dankmar nun zum Justizrate gewandt, Ihre Analyse des Reubundes zu hören. Sie werden ihn wirklich verteidigen?
Wenn Justus conservativ geworden ist, antwortete Schlurck mit ernster Miene, so musste er auch keinen Anstand nehmen, in den Reubund zu treten.
Warum? donnerte Justus und hob sein mit dem Käppchen geziertes rundes, starkgerötetes Antlitz wie ein erzürnter Olympier oder der Präsident irgend einer "verfassunggebenden" Nationalversammlung.
Weil jede Zeit ihre eigene Sprache hat, bester Mann, begann Schlurck fest und bestimmt, die Sprache, alter Freund, in der man allein von ihr verstanden wird. Wenn der Unsinn siegt, geht man eben mit dem Unsinn. Ist es Mode, die Augen zu verdrehen, so spricht der Vernünftige von der Erleuchtung. Ist es Mode, mit den Pensionairs, den Offizieren und Beamten das Lied von der Majestät zu singen, so singt man's, wie man vor einigen Monaten, als die Taschendiebe und Wühler Volksversammlungen hielten, wühlte, die Volksversammlungen besuchte, immer Bravo rief und bloss hinten seine Rocktaschen zuhielt. Bester Freund, was wollen Sie nur gegen den Reubund? Ich bin selbst Mitglied. Ich denuncire Sie. Ich klatsche Ihnen einen Process an den Hals, bei dem Sie zehn Monate wasser und Brot besehen können, trotz Geschworenengericht und allem mündlichen Zubehör.
Das begreif' ich aber denn doch nicht, begann
Dankmar, wie Sie bei der klaren Beurteilung der staatlichen und allgemein menschlichen Verhältnisse, die Sie vorhin zu erkennen gaben, doch so sich der allgemeinen Meinung, die Sie selbst schwerlich teilen, unterordnen und gleichsam mit den Wölfen heulen können. Der Reubund scheint mir wirklich eine der trostlosesten Ausgeburten eines volkes, das für politische Bildung seine völlige Unreife zur Schau stellt. Er ist das vollständigste testimonium paupertatis des Geistes, das sich eine in Servilität und Beamtenschmeichelei grossgezogene Bevölkerung nur stellen kann. Er ist eine Zuflucht der absolutesten Gedankenlosigkeit, ein Schafstall der Furcht und des panischen: Rette sich wer kann! Ein strenger Absolutist sogar, z.B. der geistreiche vorhingenannte General Voland von der Hahnenfeder, wird nicht im stand sein, sich diesem Bunde anzuschliessen; denn der Absolutist bedarf Ideen und dort findet er nur Götzendienst.
Ganz Recht, bemerkte Schlurck und zog, um doch den feurigen Sprecher schärfer zu betrachten, die Brille auf die Stirn; ich stimme Ihnen vollkommen bei, und dennoch hab' ich die Mode mitgemacht, eben weil sie Mode ist und man sich nur in Weitläufigkeiten und lästige Auseinandersetzungen verwickelt, wenn man den Leuten sagen soll, warum man die Mode nicht mitmacht. Darum tragen wir ja die allgemeine französische Tracht, um uns das Echauffement zu ersparen bei Auseinandersetzung der Gründe, die uns bestimmen könnten, diese oder jene uns viel geschmackvoller erscheinende Kleidung zu tragen. Sie könnten nicht nur ewig zu tun haben, um geschmacklosen Leuten auseinanderzusetzen, warum spanisch schöner als byzantinisch ist, sondern auch auffallen, sehr auffallen, und ich gebe Ihnen die Versicherung, Sie sind jung, Sie streben vielleicht erst nach einer festen Lebensstellung, ich bitte um Verzeihung für diese Voraussetzung, aber haben Sie eine feste Lebensstellung erreicht, so ist Ihnen nichts störender als das Auffallen. Das Auffallen zwingt Sie, mit Ihrem Dasein immer wieder von vorn anzufangen, immer wieder erklären, immer polemisiren zu