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Tische aufgestellte kleine Galerie alter Brustbilder mit schwarzen oder verblassten goldnen Rahmen.

Was sollen diese Bilder? fragte er erstaunt.

Schon lange, antwortete Louis, harrt diese kleine Galerie des Augenblicks, wo du in ihnen die letzten Reste des Andenkens an deine Mutter begrüssen würdest, mein Freund ...

Und mit diesem Anblick, mit diesen erläuternden Worten fiel es wie Schuppen von Egon's geist.

Gott im Himmel! rief er, diese Bilder ... da ist ... träum' ich? Wach' ich? Ja, ja, – Das war's, worauf ich in der Nacht des Fiebers schon einmal fiel ... da, da ist es jadies runde Pastellgemälde ... Es ist ja das Bild, das vielersehnte Bild meiner Mutter!

Louis erzählte, was er von der Übergabe dieses von Egon mit leidenschaft aufgehobenen und von allen Seiten betrachteten Bildes durch Schlurck wusste. Auch von dem geheimnis dieses Pastellbildes hatte er ja schon früher etwas vernommen, war aber über die ferneren Schicksale desselben im Unklaren geblieben ...

An diesem Bilde, Freund, ist ein geheimnis! bestätigte Egon, kaum Louis' Worten folgend. Ich fasse nun Allesich finde mich zurechtLouis sieh, sieh her ... findest du etwas an dem Rahmen dieses Bildes ... es ist schwerer, als es dem äussern Anschein nach sein könntees muss eine geheime Feder habenich beschwöre dich

erfinde, rate, hilf! Ich bin fast unvermögend, meine Überraschung auszubeuten ...

Louis sah mit Beklommenheit, dass Egon aus den Aufregungen nun nicht mehr herauskam. Er bereute fast, dass er es so mit dieser Galerie angeordnet hatte. Nach dem Spaziergange im Garten sollten ihn die Bilder erfreuen. Den Zwischenfall mit dem Pavillon hatte er nicht berechnet. Er bat den Freund, sich in Alles gelassener zu finden und von dem Bilde gleich abzustehen ...

O ich fühle mich stark, rief Egon. Wo war ich? Gerechter Gott, das Alles verschwamm in Nebel! Ich muss wieder Menschen sehen, ich muss hören, sprechen, anknüpfen an das Leben ... Führe mich in die Welt, Louis!

Louis sagte mit Zögern, dass er gehofft hätte, ihm heute einige Personen, die schon öfters nach ihm gefragt hätten, vorzuführen ... es stünden mehre im Vorzimmer ... aber er wage nicht ... in dieser Aufregung, in diesem steten Wechsel der Eindrücke ...

Führe sie herein! rief Egon. Wer will mich sprechen? Wer ist da? Ich muss Menschen sehen! Menschen umarmen ...

Damit legte er das so wertvolle, abenteuerliche Bild auf die grüne Decke, ging selbst an eine Seitentür und öffnete.

Herein! herein! rief er mutig und kraftvoll. Ich lebe wieder! kommt! Ich habe das Licht der Sonne empfunden, ich habe den Duft der Blumen eingesogen. kommt, Menschen! kommt! Ich bin genesen.

Drittes Capitel

Alte Bekannte

Egon suchte aber die Menschen nur, weil er den Moment, nun wirklich das von ihm mit so vielen Abenteuern gesuchte Bild zu besitzen, nicht ertragen konnte. Das Bild öffnen, nach seinem Inhalte forschen, er hätte es jetzt nicht vermocht. Er bedurfte eines Anhaltes an etwas, was ihm erst Beruhigung bot. Er glich in diesem Augenblicke jenen Menschen, die nicht im stand sind, ein Gefühl mächtig und voll auf sich wirken zu lassen; Menschen, die weinen, wo sie lachen, lachen, wo sie weinen sollten; Menschen, die einen geliebten Freund, das Teuerste auf Erden, das ihnen lange entrissen war, nicht sofort wieder zu sehen vermögen, sondern in einen Winkel flüchten, wenn Alles dem Ersehnten schon in den Armen liegt, ihn herzt und küsst; in dem Winkel still für sich weinen, weil ihr Herz nicht im stand ist, eine so furchtbare Erschütterung wie ein der menschlichen Kraft Mögliches zu erleben und das Unglaubliche wie wirklich zu ertragen.

Nur um sich von dem Schrecken, das Bild zu sehen, es wirklich überschwer zu finden, das geheimnis seiner Mutter nun, er wusste nicht wie, in Händen zu haben, zu sammeln, riss Egon die Tür auf und rief:

Wer begehrt nach mir?

Der Erste, der eintrat, war ein schlichter gesundblickender, heiterer, frischer Naturmensch. Aus diesem Auge strömte Waldluft, strömte Erkräftigung. Freude und Treuherzigkeit, die sich zwar mit einer gewissen Überwachung mischte, lachten Egon an und mussten dem kranken, jungen Fürsten innig wohltun.

Wir erkennen an seinem gesunden, vollen Gesicht, dem fuchsblonden Barte und der ruhigen Treuherzigkeit seines zahmen Löwengesichtes den Förster Heunisch aus Hohenberg.

Ich kenne Euch, Heunisch, sagte Egon, als der Förster seinen Namen genannt hatte und die lebendigste Erinnerung ihn an das Bild und was mit ihm zusammenhing jetzt fast folterte; ich hab' Euch gesehen. Bringt mich nur auf die Spur; wo? Wo?

Durchlaucht, vor Allem meinen herzlichsten Glückwunsch zu Ihrer Genesung! sagte etwas zaghaft der Förster, schlug aber mit waidmännischer Biederkeit seine mit weissen waschledernen Handschuhen zierlich geschmückte kräftige Hand in die magere des Prinzen.

Jetzt weiss ich, Heunisch, wo wir uns gesehen haben! rief Egon, rieb sich jedoch noch zweifelnd die Stirn ...

Heunisch lachte, kratzte sich hinter'm Ohr und sagte:

Der Tausend! Wohl haben wir uns schon gesehen, Durchlaucht ..